Gravitation

Rosa hält sich tapfer. Im Rahmen unserer Möglichkeiten leben wir so viel Essstörung wie möglich und fiebern dem noch nicht final, aber ungefähr definierten Entlasstermin entgegen. Derweil bilden Grau und Schwarz ein immer dunkler und mächtiger werdendes schwarzes Loch mit größtmöglicher Anziehungskraft. Ich lasse mich treiben, wohl wissend, dass ich in diesem Zustand langfristig nicht überleben werde.

Ich bin einsam, ein verlorenes Sternenstaubkorn in einem ansonsten leeren Paralleluniversum, kalt, dunkel und unbelebt. Ich lasse mich brav therapieren, weil man das wohl so macht in einer Klinik, und werde für Fortschritte gelobt, die es nur in meinen Erzählungen gibt. Und für mein – tatsächlich sehr umfangreich vorhandenes – Reflektionsvermögen. Natürlich weiß ich. Es ist ein Fluch.
All das zu wissen – zu wissen, dass mein Denken gerade essgestörter kaum sein könnte und (warum) mir jeglicher Sinn fehlt – hilft mir nicht. Vielmehr zeigt es mir auf, dass tatsächlich etwas fehlt – und es ist gleichermaßen verloren gegangen wie mir gewaltsam entrissen worden – und ich mich ernsthaft fragen sollte, ob ich es jemals zurück bekomme. Aber auch dazu fehlt mir jeglicher Antrieb.

Ich kann hier unmöglich länger bleiben. Ich kann unmöglich von hier weg. Ich bin verloren.

Zerfetzt

Ausnahmsweise fragt sie, die Frau Bezugseinzeltherapeutin, mich heute am Ende der Sitzung nicht, ob ich noch etwas brauche, während ich meine Maske vollheule. Dabei wäre die Antwort so einfach. Ein Land ohne Auslieferungsabkommen, einen Baseballschläger, ein kleines bisschen Zeit allein mit diesen Arschlöchern.

Rasend ist garkein Ausdruck.

Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.

Spelz

Wir besprechen also mein Körperbild (= 🐳), der Herr Vertretungseinzeltherapeut und ich. Und dass er mich nervt gerade. Also Körper. Nicht nur, weil 🐳, sondern auch weil er keine Gelegenheit auslässt, weh zu tun – oder ganz neu, meine Finger einschlafen lässt. Nach dem Aufstehen – also wa(h)lweise morgens, aber auch wenn ich länger gesessen habe – schreien mir meine Füße und meine Hüften entgegen, dass ich entgegen meiner biologischen Überzeugung doch schon weit über 80 bin, und meine Schultern sind der gleichen Meinung, wenn ich Körper an- oder ausziehe.
Rosa findet das garnicht witzig. Aber sie ist froh, dass es besser wird, je länger wir laufen. Und das tun wir, schon allein des mehr als weitläufigen Klinikgeländes wegen.

Nachdem wir festgehalten haben, dass ich zu Körper in letzter Zeit nicht besonders nett war und er es deshalb wahrscheinlich gerade auch nicht zu mir ist, kommen wir zur nicht unerheblichen Diskrepanz zwischen Spiegel und Foto. Und Fotos von Rosa. Die ich am besten löschen soll. Und zwar alle. Rosa schaut mich entsetzt an und ich überlege, ob ich heulen oder gehen soll. Alles in mir schreit NEIN.
„Das trennt die Spreu vom Weizen“ sagt er so nebenbei.