Achtundzwanzig

°Triggerwarnung°

Mein biologisch vorgesehenes Maximalalter wurde operativ auf ein Normalmaß korrigiert. Die Sinnhaftigkeit stelle ich in den letzten Wochen immer mehr in Frage. Vielleicht war es nicht richtig. Vielleicht hat sich meine Genetik etwas dabei gedacht, als sie mir diesen Zeitzünder eingebaut hat.
Aber nö, jetzt bin ich also immernoch hier. Gefangen in meinem Kopf mit defekter Hirnchemie, die den Begriff Innere Leere jeden Tag aufs Neue in ungeahnte Sphären treibt. Die Nichtfühlen für so viel besser hält als Vielzuvielaufeinmalfühlen und sich lieber Alkohol, Hungern oder Rasierklingen zuwendet – oder und – als dem, was andere gemeinhin als das Leben definieren. Die sich fragt, warum ich es vorgestern nicht einfach habe bluten lassen. Und verdammt, das hat es.

Maskenpflicht

Rosa und ich halten uns unauffällig an der Hand. Wir haben uns arrangiert und weil Frau Bezugseinzeltherapeutin weder so erfahren noch so gut wie der Herr Vertretungseinzeltherapeut ist, sieht sie es nicht. Er hätte es längst herausgefunden und mich in sämtliche Einzelteile zerlegt. Sie aber glaubt meinen Fortschrittsbekundungen – und ich spiele mit ihr, ohne dass ich genau sagen könnte, warum. Vielleicht einfach, weil ich es kann.

Wir reden über bewegungsfreie Tage, Post-Klinik-Wochenstrukturen und -Essenspläne, von denen ich allesamt nicht gewillt bin, sie auch nur ansatzweise einzuhalten. Das Konstrukt aus Halb- und Unwahrheiten trage ich hübsch demonstrativ vor mir her und es ist groß genug, um nicht nur Rosa, sondern auch SchwarzRotGrau und mich samt Gedankensalat dahinter zu verstecken.

Ich kann hier nicht gesund werden – weil ich es nicht will. Und keiner merkt es.

Boykott

Rosa weint und bettelt. Ich nehme sie in den Arm, kann aber ihre Tränen nicht trocknen, weil ich ihr stattdessen selbst die Haare nass heule.
Körper schmerzt munter vor sich hin. Nicht nur von drölfzig Litern Wassereinlagerungen und gereizten Sehnen in den Füßen und anderswo, sondern auch vom Muskelkater meiner nicht autorisierten Sporteinheiten, so dass ich nichtmal öffentlich jammern darf.
Ich mache Hausaufgaben: Körper bewusst und so lange eincremen, bis die Anspannung sinkt. Ich höre auf, als ich heulen muss und trete mein Körperbild endgültig für mindestens den Rest des Tages in die Mülltonne. Schwitze lieber beim Spaziergang in der Sonne, als meine Jacke auszuziehen und Körperformen sichtbar zu machen.
Schatz fragt, wie ich meinen Therapiefortschritt sehe, und ich frage nur, welchen?
Körper regeneriert so vor sich hin, auch wenn er damit noch nicht fertig zu sein scheint und meinen Zyklus nach wie vor für überflüssig hält – ausnahmsweise mal etwas, wo ich ihm nur zustimmen kann.
Blut fließt meinen Arm entlang – wieder einmal – und ich spüre nichts. Für einen Moment auch nicht Körper. Ziel erreicht. Bedauern mischt sich mit Resignation. Viel Resignation.
Zwei Wochen noch – vielleicht drei, falls die Krankenkasse zustimmt – und ich verspreche Rosa, dass wir wieder mehr zusammen machen. Sport zum Beispiel. Restringieren. Uns Halt geben und GrauSchwarz den Saft abdrehen. Überleben.

Sehnsucht

Seit Dienstag eskaliere ich still und heimlich vor mich hin. Seit 3 Stunden habe ich die Welt mit Musik ausgesperrt – ein Zustand, von dem ich gerade nicht wüsste, warum ich ihn jemals wieder ändern sollte – und allein die Vorstellung, irgendjemanden sehen zu müssen, ist absurd.

Rosa feiert mich.