Leicht

Es geht mir scheiße die letzten zwei Tage. Gut, länger eigentlich, aber gestern und heute so richtig. Kein Wunder, halte ich meinen Körper weiterhin im Mangel und zwinge ihm Abbauprozesse auf, die er nicht will. Zusätzlich zum Sport natürlich, der mir jeden Tag schwerer fällt.

Es ist mehr als grenzwertig. Aber ich kenne meinen Körper. Er wird durchhalten, weil er muss. Zwei Wochen noch, so rede ich mir ein, dann geht vielleicht wieder mehr. Mehr Essen, mehr Kalorien. Wenn ich bei meiner Familie vorbeigeschwebt bin,mir das mir zustehende Mitleid und die Sorgen abgeholt habe. Ein Hoch auf die Opferrolle.

Verdunkelung

Minuten. Stunden. Tage. Ganze Wochen und Monate, die in der Bedeutungslosigkeit versickern. Sich nicht erinnern lassen, weil es nichts zu erinnern gibt, außer Gleichförmigkeit und einem diffusen Gefühl von zerronnener Zeit, die um mich herumzufließen, mich aber nicht zu berühren scheint.
Abstrakte Konstrukte von Körper und Funktion werden mir kommuniziert, schließen sich aber der Zeit an. Funktion funktioniert, Körper funktioniert. Das noch wird ignoriert, dem Fluss bedauernd wie gleichgültig zugeschaut. Da ist nichts.

Aufgabe

Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.

Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.

Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.

Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.

Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.

*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen

Zeitspiel

Montag. Wieder einmal sitze ich vor meinem Hausarzt, wöchentlicher Wiegetermin samt Blutdruck- und Pulskontrolle. Letzterer hat zwischenzeitlich in der vergangenen Woche die 40 unterschritten, aber das sage ich ihm nicht.
Zu meinem Sportpensum fällt ihm nur Kopfschütteln ein, und ein ratloser Hinweis darauf, wie viele Kalorien das verbraucht, er aber ja mein Ernährungsprogramm nicht kenne. Ich lasse das so stehen, während die ES in sich hineingrinst, weil Frau Ernährungsberaterin schon beim letzten Treffen die Verantwortung für mein Sportpensum an Herrn Doktor ausgelagert hat – nur weiß er nichts davon und denkt das Selbe wie gehofft in umgekehrter Richtung.

Dienstag. Ich gehe zum Sport, aber mein ganzer Körper fühlt sich leer an. Klar, ich esse, aber bei weitem nicht genug, auch wenn das niemand so richtig merkt. Ich falle fast vom Laufband. Aber nur fast.

Mittwoch. Heute. Erschöpfung ist gar kein Ausdruck. Ich sitze in der Arbeit, fühle mich elend und schwöre, heute auf keinen Fall zum Sport zu gehen, sondern trotzdem pünktlich Feierabend zu machen und den Rest des Tages unter einer Decke auf dem Sofa zu verbringen in der Hoffnung, dass meine Füße mit einer Wärmflasche doch auch mal wieder warm werden.
Natürlich fahre ich trotzdem ins Studio. Weil, sonst hätte ich ja auch länger arbeiten können und so. Mein innerer Monk dreht beinahe durch, als ich wegen besetzter Geräte meine übliche Reihenfolge total über den Haufen schmeißen muss, und er wirft fast das Handtuch, als mich mittendrin auch noch eine der Trainerinnen anspricht. Sie wolle mal mit mir reden, ich sei ja so oft da und habe ihr in einem Anflug von geistiger Umnachtung gesagt, dass Essen gerade ein Thema ist, weil sie beim Wiegen und Körperfett messen furchtbar schräg geschaut hat.
Panik. sagmirnichtichdarfnichtmehrsoofttraimieren.gehtdasüberhaupt?dürftihrmirdasverbieten?lassmichinruheichwillnichtistdochmeinproblemhaltsmaulgehwegscheißtagundüberhaupt!wah! ichwillsportmachenunddünnseinundkontrollehabenundwenigessenundmichüberlegenfühlenundmeindingdurchziehen! Mein logisches Denken lehnt lässig an der Wand neben mir, grinst die ES hämisch an und sagt
„Und jetzt sieh zu, wie du aus der Nummer allein rauskommst, ich bin raus!“ Also stehen wir da, die ES und ich, und stammeln etwas von Urlaub und dass es besser erst Ende Februar geht, weil ich ein paar Tage nicht da bin und überhaupt.
Zwei Tage. Zwei Tage habe ich Urlaub, und dann erst im März wieder, und wenn ich nicht doch noch kurzfristig im Krankenhaus lande, weil endgültig umgefallen, stehe ich in Kürze wieder(holt) auf dem Crosstrainer, der meine Worte Lügen straft. Ich. Bin. So. Blöd.

Wir werden sehen, was das Gespräch, was dann noch final terminiert werden will, so bringt. Genau, wie der verschobene, aber dann nächste Woche stattfindende nächste EB-Termin, und der HA-Termin in 1 1/2 Wochen den ich dann noch kurzfristig einfach abzusagen gedenke.

Peripherie

Ich frage mich, was unter all dem Nichts so rumliegt und Staub ansetzt. Aber es ist, wenn überhaupt, nur ein geheucheltes Interesse, denn eigentlich ist es mir ziemlich sehr egal. Der Berg Nichts wird jedenfalls täglich höher, aber das sieht keiner, weil das nunmal in der Natur des Nichts liegt.

Die Woche habe ich wieder einmal auf der Überholspur verbracht, auf dem Zahnfleisch kriechend. Wartend – hoffend – auf den finalen Zusammenbruch, den mir mein Körper vehement verweigert und stattdessen weiter munter vor sich hin funktioniert. Wenn auch mit Abstrichen, so dass ich mitunter allein zu Atmen als unzumutbare Belastung empfinde. Gezeigt wird das natürlich niemandem, der Berg Nichts eignet sich da prima als Versteck für alles.

Während Schatz und andere auf meine Vernunft – und die Ernährungsberaterin – vertrauen, kürze ich unbemerkt meinen Ernährungsplan, beschließe, auch weiterhin keine Therapeutentermine und stattdessen Sport zu machen, verschiebe die EB-Termine, würde am liebsten alles hinschmeißen und mir mit Alkohol und einer Rasierklinge mal wieder einen richtig schönen Abend gönnen.

Ratlosigkeit macht sich breit, wenn ich so mein Leben betrachte, aber mehr als ein Schulterzucken habe ich nicht übrig dafür. Zu anstrengend. Zu egal.