Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.

Matsch

Körper wäre gerne in Tränen aus- und insgesamt gerne zusammengebrochen, als am Donnerstag das Telefon klingelt und mir der kommende Dienstag als Aufnahmetermin mitgeteilt wird. Orange hält aber nichts davon, weil ich mich mitten in einer nur kurz auf Stumm geschaltenen Telefonkonferenz befinde und man da schließlich nicht zu heulen hat. Also heulen wir nicht und brechen auch nicht zusammen, sondern führen das unterbrochene Gespräch anschließend angemessen weiter, nur angereichert um ebenjene Information, so wie sich das für eine Führungskraft gehört.
Rosa begrüßt das ebenfalls sehr und legt seither eine kaum zu überbietende Ignoranz an den Tag. Sie sieht keinen Grund, Sport herunter- oder Nahrungsaufnahme hochzufahren und macht weiter, als gäbe es keinen Dienstag und keinen Boden der Tatsachen, auf dem nicht nur zu wenig, sondern garkein Glitzer liegt.
Schlafen wird seither überbewertet, weil diffuse Gedankenströme ununterbrechbar durch mich hindurch fließen, sobald ich die Augen schließe. Es fühlt sich an wie ein nahender Abschied von dem Körper, der so wunderschön ausgezehrt und zerbrechlich wirkt, wie ich mich im Innen fühle und dessen Schwäche und Erschöpfung als einzige Legitimation dient, nicht zu sehr über Leistungsgrenzen hinweg zu gehen.
Rosa flüstert derweil ohne Unterlass, dass sie mich sowieso nach drei Tagen wieder rausschmeißen, weil ich weder krank noch dünn genug bin und nur jemandem den Platz wegnehme, der ihn wirklich braucht. Sie ist also die Einzige, die sich trotz dieser Nachricht entspannt zeigt und Körper und mir vielleicht sogar zugesteht, am Montag nach der Arbeit nur Spazieren zu gehen, statt uns ein vorerst letztes Mal auf den CrossTrainer und vor die Gewichte zu stellen. Ist ja nur für drei Tage.

Halloween

Zum ungefähr drölfzigsten Mal frage ich mich, welcher Tag heute ist, weil die Antwort nicht in meinem Gehirn haften bleiben will. Samstag? Ja, doch. Samstag. Der ganz normal und mit wunderbarem Wetter beginnt, so dass unserer geplanten Fototour nichts im Wege steht. Kaffee und wachgammeln, dann geht’s los. Und noch auf Kilometer eins von insgesamt etwas über sechs – die auf ebener Strecke meine absolute Leistungsgrenze überschreiten darstellen – bin ich plötzlich von einer Ohnmacht nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Körper zieht mich einige Schritte nach rechts und ist für kurze Zeit nicht ansprechbar. Doch bevor ich tatsächlich falle, gibt er mir die Kontrolle zurück.
Ich verstehe kaum, was hier gerade passiert ist. Kein Schwindel, kein Rauschen oder ein dunkler werdendes Gesichtsfeld, wie ich es – wirklich selten – vom zu schnellen Aufstehen und damit verbundenen Kreislaufschwierigkeiten kenne, sondern einfach ein ausschalten. Eine halbe Sekunde länger, und ich hätte im Gras gelegen. So aber hat Schatz fotografierenderdings nichts bemerkt, wofür ich dankbar bin, weil er sonst sicher durchdreht.
Der Rest der Tour verläuft erstaunlich unauffällig, auch wenn Körper irgendwann wieder einmal meine Arme abschaltet, aber das kenne ich ja schon. Der Rest des Tages hingegen fühlt sich seltsam an, ohne dass ich es in mehr als ein paar unzusammenhängende Worte fassen könnte. Verwirrt. Unkonzentriert. Irreal. Zäh. Erschöpft. Müde. Summend.

Ich stehe als Nächste auf der Liste der Klinik. Und wäre schon drin – wäre nicht Aufnahmestopp aufgrund der aktuellen Corona-Lage. Montag wird für die neue Woche entschieden.
Rosa hat auf diese Nachricht hin die tägliche Kalorienzufuhr nochmal eingekürzt, weil die Vorstellung, mit etwas anderem als dem niedrigstmöglichen Gewicht dort anzukommen, absurd scheint. Körper arbeitet dagegen und zieht – schon vorher, also seit zwei oder drei Wochen – Wasser, weil es das einzige ist, von dem er im Überfluss bekommt und sich überhaupt Reserven anlegen lassen. Die Zahl auf der Waage haut mir das jeden Morgen um die Ohren, und ich wäre wirklich neugierig, wie es ohne aussähe. Wenig wird wohl die Antwort sein, wenn ich meine rutschende Sporthosen und den Zwischenfall gestern betrachte.

Ereignishorizont

Während das Leben munter vor sich hin mäandert, geht mir der Bezug dazu mehr und mehr verloren. Wenn Rosa sich nicht gerade ums Essen, nicht Essen, Kalorien oder Sport dreht, kreise ich ausschließlich um den Gedanken an die Klinik.
Dabei fällt mir auf, dass Rosa ganz schön hässlich werden kann und dabei trotzdem jederzeit cute, but psycho wirkt. Mit kleinen, äußerst niedlichen Fangzähnchen hat sie sich in mir verbissen und krallt sich mit allen Extremitäten an und in mir fest. Ich finde das schön und grauenvoll zugleich. Sie flüstert mir liebevoll ins Ohr, dass ich nicht krank, aber mindestens nicht krank genug bin.
Tage fließen ineinander, ich umarme mich beim Sport selbst und rede mir gut zu, um auch diese Einheit noch zu überstehen. Alles, was nicht den Weg auf meine ToDo-Liste findet, versinkt umgehend im Nebel meines mangelernährten Hirns und hinterlässt nur ein kleines gedankenloses Loch, dessen Inhalt sich nur selten rekonstruieren lässt.
Das eine Ziel, endlich loslassen zu müssen dürfen, liegt nur Millimeter außerhalb meines Zugriffs und ich hoffe jeden Tag, dass das Telefon geht und ich morgen in die Klinik darf. Ich hasse hoffen, wenn das Telefon schweigt.

Sandsack

Ich weiß schon, warum ich in den letzten Tagen mein Homeworkout vermieden habe und stattdessen ins Studio gefahren bin. Um nicht wie heute zwischen zwei Übungssätzen auf der Matte zu liegen und relativ verzweifelt darauf konzentriert zu sein, die Dämme am Brechen zu hindern, die sich als zu niedrig und zu porös herausstellen, wenn ein Könnte rein hypothetisch möglich scheint, weil kein Muss vorhanden ist.

Im Studio stellt sich die Frage schlichtweg nicht – so lange Körper nicht die Reißleine zieht, ist da ausschließlich Sport in meinem Kopf. Aber ich bin nicht im Studio, sondern in der Garage auf der Matte, und ein gepflegter Nervenzusammenbruch scheint sehr verlockend – und anschließend eine große Pfanne Käsespätzle ganz für mich allein.

Rosa hält davon aber nichts, blendet mir stattdessen die tägliche Zahl auf der Waage ein und meint, dass ich gefälligst weiterzumachen habe.

Einatmen. Ausatmen. Nächster Übungssatz.

KopfSalat. Konzentration ist Mangelware, Verpeiltheit an der Tagesordnung. Angst vor Corona gesellt sich zu Überzeugung, nicht krank genug für die Klinik zu sein und die bevorzugte Aufnahme dort nicht verdient zu haben, auch wenn beides sich widerspricht. Ich bin totally lost und warte jeden Tag, jede Minute auf den Anruf der Klinik, damit ich noch am Telefon heulend zusammenbrechen kann, weil ich Angst habe und entsetzlich erleichtert bin. KopfSalat Ende. Nicht.

Zäh

Zeit ist gerade nicht nur ausgesprochen relativ, sondern auch ausgesprochen lästig.
Wahrnehmungslücken scheinen oft nicht unwahrscheinlich, wenn mir wieder einmal dutzende Minuten abhanden kommen. Zeit, der ich aber auch nicht wirklich nachtrauere, weil es heißt, dass sie weg ist, ohne dass ich nachhelfen musste.
Alles dreht sich nur darum. Wann ist Zeit zum Schlafen, wann ist Zeit zum Aufstehen, wann zum Essen, wann zum Sport, wann zum Tee kochen. Nicht unsubtil gesellt sich Rosa dazu und füllt jeden Moment, jeden Augenblick mit Gedanken an Essen, Nichtessen, Essenszubereitung, Essensplanung, Sport.
Ich. Mag. Nicht. Mehr.
Mein Gehirn übrigens auch nicht. Wie gut, dass ich mein Urlaub rum ist und ich morgen wieder arbeiten darf. Da kommen die Lücken sicher besonders gut zur Geltung.