Nachdem Rosa die Wiedereingliederung übersprungen hat und bereits wieder unauffällig, aber überaus fest in meinem Alltag installiert ist, steckt Orange gerade mittendrin und zettelt einen handfesten Streit an. Und sie hat verdammt gute Argumente, die Rosa garnicht lustig findet – und ich noch viel weniger. Weil es nunmal so fragwürdig wie verlockend ist, wenn ich nach heutigem Wiegeergebnis in hochgerechnet spätestens 3 Monaten am selben Punkt sein könnte wie vor der Klinik.
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Mein neuer Hausarzt geht wahrscheinlich aus Versehen davon aus, dass ich erwachsen – und noch dazu vernünftig – bin, weil ich nur 4 Jahre jünger bin als er. Und weil ich seltsamerweise diesen Schein waren möchte, nehme ich nach der aktuellsten Blutbildbesprechung mit weiterhin – Sie wissen ja, warum – bestehender Anämie und leeren Eisenspeichern das Rezept für die Tabletten statt die alternativ angebotene Infusion, die der Parasit viel cooler fände. Später kann ich immer noch sagen, dass ich die nicht vertrage.
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Der Parasit überlegt, wie weit er es noch treiben kann. Wer schneller ist, Rosa oder er. Beide Varianten finde ich unglaublich beruhigend. Aber dann kommt Orange und der Kreis schließt sich. Wir streiten.
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Ich verstehe mich nicht. Warum ich mich so wissent- wie willentlich mit sorgsamer Akribie langsam aber sicher selbt zerstöre. Nicht nur töte, sondern zerstöre. Stück. Für. Stück.
Schlagwort: EgoState Orange
Matsch
Körper wäre gerne in Tränen aus- und insgesamt gerne zusammengebrochen, als am Donnerstag das Telefon klingelt und mir der kommende Dienstag als Aufnahmetermin mitgeteilt wird. Orange hält aber nichts davon, weil ich mich mitten in einer nur kurz auf Stumm geschaltenen Telefonkonferenz befinde und man da schließlich nicht zu heulen hat. Also heulen wir nicht und brechen auch nicht zusammen, sondern führen das unterbrochene Gespräch anschließend angemessen weiter, nur angereichert um ebenjene Information, so wie sich das für eine Führungskraft gehört.
Rosa begrüßt das ebenfalls sehr und legt seither eine kaum zu überbietende Ignoranz an den Tag. Sie sieht keinen Grund, Sport herunter- oder Nahrungsaufnahme hochzufahren und macht weiter, als gäbe es keinen Dienstag und keinen Boden der Tatsachen, auf dem nicht nur zu wenig, sondern garkein Glitzer liegt.
Schlafen wird seither überbewertet, weil diffuse Gedankenströme ununterbrechbar durch mich hindurch fließen, sobald ich die Augen schließe. Es fühlt sich an wie ein nahender Abschied von dem Körper, der so wunderschön ausgezehrt und zerbrechlich wirkt, wie ich mich im Innen fühle und dessen Schwäche und Erschöpfung als einzige Legitimation dient, nicht zu sehr über Leistungsgrenzen hinweg zu gehen.
Rosa flüstert derweil ohne Unterlass, dass sie mich sowieso nach drei Tagen wieder rausschmeißen, weil ich weder krank noch dünn genug bin und nur jemandem den Platz wegnehme, der ihn wirklich braucht. Sie ist also die Einzige, die sich trotz dieser Nachricht entspannt zeigt und Körper und mir vielleicht sogar zugesteht, am Montag nach der Arbeit nur Spazieren zu gehen, statt uns ein vorerst letztes Mal auf den CrossTrainer und vor die Gewichte zu stellen. Ist ja nur für drei Tage.
Reibungsverlust
Es ist der letzte Tag vor meinem Urlaub*, den ich auf dem Zahnfleisch kriechend damit verbringe, tausend Dinge gleichzeitig zu regeln, weil ich hoffe, dass die Klinik in der Zeit anruft und mich spontan aufnimmt, statt erst in 7 Wochen – eine Möglichkeit, die durchaus im Raum steht, aber so sehr nicht planbar ist, dass es mir den letzten Rest an Nerven raubt, die noch übrig sind.
Orange ist in ihrem Element, während ich mich frage, was eigentlich mit der Abteilung passieren würde, falls mich spontan ein Bus überfährt, statt dass ich alles für meine Abwesenheit hübsch poliert auf ein Silbertablett drappiere und meinen Vertretern überreiche – während ich eigentlich gerade sehr gerne wippend und wimmernd in einer Ecke säße mit der Überzeugung, nichts zu können und erst Recht nicht genug zu sein.
Rosa feilt derweil gedankenversunken an ihren Salatplänen und schenkt meiner Hoffnung auf eine sofortige Aufnahme, die zwei Tage Zimmerquarantäne und damit erzwungenen Bewegungsmangel wegen Coronatestung nach sich ziehen würde, zum Glück nur selten überhaupt etwas Aufmerksamkeit.
Ein bisschen streite ich aber dann doch heute mit ihr, weil ich wegen der drölfzigsten TelKo erst spät Feierabend machen kann und die übliche Sporteinheit ausfallen lassen möchte. Das gefällt ihr nicht, aber wir arrangieren uns, verschieben diese auf den sonst sportfreien Samstag (an dem wir zum Beispiel letzte Woche dann 16 km Wandern waren >.<) und gehen mit Schatz spazieren – 8 Kilometer.
Körper – ach ja, ich wusste, ich hab was vergessen – beschließt nach nicht einmal der Hälfte der Strecke, dass ich seine Arme gerade zum Laufen ja nicht so wirklich brauche und beginnt, sie nach und nach abzuschalten. Er wringt sie regelrecht aus, saugt jegliche Energie fein säuberlich mit einem Strohhalm raus und verwendet sie nicht ganz überflüssigerweise dazu, weiterzulaufen statt umzufallen. Mir ab und zu die Haare hinter die Ohren zu streichen wird zur Herausforderung, meine Muskeln streiken und das Gefühl von Schwäche wird immer umfassender. Weil aber hier unter freiem Himmel gerade auch keine Ecke zum Wippen und Wimmern hergeht, laufe ich weiter. Das Händewaschen nach unserer Rückkehr stellt mich vor die größte koordinative Herausforderung seit Ewigkeiten letztem Samstag und ich bin froh, dass Schatz weder meine fahrigen Bewegungen, noch meine mehr als grenzwertige allgemeine Verfassung bemerkt, als ich mir im mir schnellstmöglichen Schneckentempo die Jogginghose anziehe und überlege, wie zur Hölle ich die tonnenschwere Schale für den Salat quer durch die ganze Küche tragen soll.
*Vorletzter Tag. Weil, morgen wäre zwar eigentlich mein freier Brückenteilzeitfreitag, aber Orange fände es wirklich ganz ganz toll, wenn wir den Kollegen da noch etwas mehr aufs Tablett legen. Poliert. Mit Schleifchen.
Kalter Entzug
So richtig vorausschauend ist weder Rosas Handeln, noch ihr Denken. Gut, hätte man auch früher merken können. Egal. Jedenfalls machen wir 7 Mal die Woche Sport, essen wenig und sie denkt dabei keine Sekunde darüber nach, dass die Wand, gegen die sie am Tag der Klinikaufnahme mit voller Wucht rennen wird, härter kaum sein könnte. Aber mit etwas anderem als dem absoluten Tiefstgewicht dort zu landen, darauf lässt sie sich nicht ein und ich lasse sie gewähren, weil ich nebenbei viel zu sehr mit Orange beschäftigt bin, die gerade ex- wie intrinsisch unmotiviert versucht, ihren Job und den dazugehörigen Inhalt meines Gehirns der nächsten zwei bis drölf in der Arbeit abwesenden Monate in nachlesbare Informationen fürs Team, meine Vertretung und meinen Chef zu überführen, während sie nebenbei noch einen Teil des Tagesgeschäftes schmeißt, das sonst wegen chronischer Unterbesetzung bergeweise liegen bleibt. Was sie natürlich nicht anschauen kann, auch wenn die disziplinarischen Entscheidungen an anderer Stelle getroffen werden und so eine Lawine aus Bugwellenauflauf vielleicht ganz heilsam wäre an der Stelle.
Jetzt zerrt also Rosa an der einen und Orange an der anderen Hand, und Körper steht dazwischen und heult bald. Jedenfalls glaube ich das, weil er mir Cravings um die Ohren haut, die scharfe Gegenstände und hochprozentige Getränke nicht nur enthalten, sondern ausschließlich aus diesen bestehen.
Erstaunlicherweise komme ich keinem davon nach, sondern streiche stattdessen so Unnötigkeiten wie Sozialkontakte aus meinem Terminplan, um wieder Luft zu bekommen, was sogar zu funktionieren scheint, lese ich doch gerade die Blogbeiträge der letzten drölf Tage und finde sogar Zeit für einen eigenen.
Hoffentlich ist auf dem Boden der Tatsachen dann wenigstens eine weiche Matratze. Oder Glitzer.
Colorblocking
Rosa hat nur deshalb geschwiegen, weil sie Luft geholt hat. Ganz tief. Und jetzt redet sie. Ohne Punkt. Ohne Komma. Was für eine beschissene Idee eine Klinik ist, wenn wir dort im Zweibettzimmer sitzen, keinen Sport mehr machen und die Fitnessuhr nicht mehr tragen dürfen. Und Frühstücken müssen. Frühstücken! So in originärer Bedeutung, zu einstelligen Uhrzeiten. Geht garnicht. Mal abgesehen von den ganzen restlichen Regeln, die mit den unseren mal so gar nichts zu tun haben.
Orange gesellt sich gleich mal dazu und gibt auch noch ihren Senf dazu ab. Weil, jetzt schon wieder in die Klinik, und dann auch noch wegen so etwas peinlichem wie einer Essstörung, die nur GNTM-schauende Teenagermädchen haben, geht ja jetzt echt mal gar nicht. Außerdem, was passiert dann mit deinem Team, und überhaupt, du wirst doch bestimmt eh bald abgesägt.
Dass ich keinen der beiden wirklich verstehe, weil sie einfach gleichzeitig und in Dauerschleife reden, ist beiden egal, weil ihnen ausreicht, dass sie mich nerven. Und verunsichern. Und die Überzeugung, dass das die überflüssigste Entscheidung überhaupt war, fast wie von selbst immer größer wird.
Körper dagegen scheint sich daraus nun langsam aber sicher einen Freifahrtschein zu denken, dass er ja nun nicht mehr leisten muss, was ich ihm persönlich übel nehme. Schließlich kann er sich noch genug ausruhen und unförmig werden, wenn wir uns den Arsch retten lassen. Bis dahin hat er gefälligst zu funktionieren. Sonst wird Rosa zu laut.
Nachts sind manche Katzen schwarz
Ich habe das Gefühl, meine Depression hat sich abgekapselt. Jetzt könnte man meinen, dass das doch super ist, weil sie mich dann nicht so stört. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn Schwarz sich einrollt und in einer Ecke verkriecht, geht sie nicht mit zur Therapie. Dann sitzt sie es aus und kommt erst wieder raus, wenn ich raus bin – aus der Klinik.
Während OrangeGelb sich fragen, ob ich hier genug tue, genug leiste, um die Zeit hier zu nutzen, sagt Schwarz einfach nichts.
Nur am Abend schlurft sie kurz durchs Bild und erinnert mich daran, dass sie auch noch da wäre, aber tagsüber halt nicht rauskommt, weil die sonnenfarbenen Schwestern den Tag schon schaukeln und Jemand zur Therapie geht. Sie würde gerne einen Hinweis auf mir hinterlassen, aber ich lasse sie nicht, weil ich doch Schwimmen gehen will jeden Tag. Dann wäre ich gerne betrunken, sagt sie, aber auch das geht nicht, weil Alkoholverbot. Also legt sie sich mit mir schlafen, und rollt sich in der Nacht wieder wie eine Katze in der hintersten Ecke meines Kopfes zusammen.
Bis morgenabend, flüstert sie.