Mein unbändiger Wunsch, ihr mein ganzes Leid ungefiltert und schwallartig vor die Füße zu kotzen, scheitert am Alkoholgehalt meines Leitungswassers, welcher mindestens 45% unter dem liegt, was ich eigentlich gerne in meiner Halbliterflasche hätte.
So rede ich unzusammenhängend von Hunger, selbst zugefügtem Schmerz und tausend Dingen dazwischen in der wahnwitzigen Hoffnung, auf so etwas wie Verstehen zu stoßen und pralle mehr als unsanft an Selbsterklärungversuchen über WeightWatchers und an etwas Anderes denken ab.
Zum Glück merke ich das kaum, weil einfach irgendwer redet, während ich mich – selbst von mir unbemerkt – um den ganzen Rest kümmere, der eigentlich gerne reden würde.
Als sie geht, bedaure ich die aktuelle Trockenheit einmal mehr und hasse es, noch etwas essen zu müssen, um Erwähnenswertes weiterhin aufrechtzuerhalten. Am liebsten würde ich dabei in Schatz hineinkrabbeln und meinen freien Tag morgen genau dort verbringen. Mit meiner Rasierklinge.
Irgendetwas in mir wimmert leise.
Schlagwort: Anspannung
Abserviert
Ich kann mich an jede einzelne Komponente meines Abendessens erinnern. Die Aubergine aus dem Ofen. Den Salat aus unserem Garten mit Galiamelone, Dill und Bockshornkleesprossen. Das Brot, einmal nackt, einmal mit veganem Aufstrich und einmal mit Hüttenkäse, Senf und Kresse. Und dem winzigkleinen Streifen Almkäse direkt vom Erzeuger, den ich erst geschlagene fünf Sekunden angstarre, bevor ich ihn von Schatz annehme und ihn auch auf mein Brettchen lege.
Ich weiß auch, wie ich alles esse und wie es schmeckt. Die Aubergine. Der Salat. Das Brot. Den Käse dagegen hat mein Gehirn gelöscht. Ich weiß, wie ich ihn in die Hand nehme. Und wie ich anschließend das nackige Brot esse. Und wie es schmeckt. Dazwischen? Nichts. Deleted.
Wenigstens zickt Rosa dann nicht so rum.
Kulturschock
°Triggerwarnung°
Die Luft knistert und vibriert vor Spannung, ich kann kaum atmen und nicht denken. Rosa und der Parasit streiten, wer den Fluchtwagen fahren darf. Ich sitze teilnahmslos dazwischen, weil sie eh nicht auf mich hören und konzentriere mich darauf, nicht zu ersticken, auch wenn es am Ende sowieso auf das gleiche Ergebnis rausläuft.
Das hübsche Trugbild, was ich derweil durch die Welt trage, ist anstrengend und fühlt sich falsch an.
Ich halte die Luft an. Mir wird schwindlig.
Parasit
°Triggerwarnung°
Etwas zerrt in mir. Reißt voll verzweifelter Gewalt an der Kette, die es halten soll. Es windet sich unter meiner Haut, in meinen Knochen und wühlt sich durch nassrote Gedärme. Drängt sie beiseite, martert mich und sich, weil es irgendetwas will. Die einzige Artikulation besteht aus verzweifeltem Aufheulen und einem seltsam sehnenden, mehr spür- als hörbaren Knurren. Tief. Voller Vorwurf und Lust. Und unendlich gequält.
Es zerreißt mich im Innen, minutiös, und schlägt scharfe Klauen in Empfindlichkeiten, Fangzähne in nackte NervenEnden. Es kämpft und gräbt sich durch Unbewusstes, getrieben von uralten Instinkten, die sich jeder Logik, jeder Beschreibung entziehen.
Ich bin verloren.
⦁
Visite. Blutbildbesprechung. Hämoglobin und Hämatokrit kratzen am Rande einer schweren Anämie.
Irgendwie kann ich mich rauswinden, aber mein Kopf packt umgehend seine Instant-Hüpfburg aus und schmeißt alle Gedanken, die er gerade so findet – und das sind echt viele – ungefragt dort rein.
Irgendetwas reitet mich nur Minuten später, eine kurze Mail mit der tatsächlichen Ursache an den Stationsarzt zu schreiben. Chefarzt und Frau Bezugseinzeltherapeutin werden informiert. Letztere treffe ich wenig später zum Einzel und ich sehe und höre ihr an, wie sehr sie mich nicht darauf ansprechen will, aber muss. Aber weil Frau Bezugseinzeltherapeutin Frau Bezugseinzeltherapeutin ist und nicht Herr Vertretungseinzeltherapeut, der mich zweifelsohne zerlegt hätte, winde ich mich erneut heraus und in großen Bögen um mich herum, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine weitere Diffusität, die kaum noch auffällt in all den konstruierten Gebilden um mich herum und die ich manchmal fast selbst glaube.
Pazifismus
Diese Sekundenbruchteile, in denen alles nicht nur einfach, sondern auch noch möglich scheint. In denen alles einen Sinn ergibt und ich zu allem bereit bin. Zu leuchten erscheint ebenso denkbar wie zu verglühen. Beides wäre grandios absolut und absolut grandios.
⦁
Rot steht vor mir. Ihr heißer Atem dampft mir wenig Corona-konform ins Gesicht und ihre Augen brennen mir ein Loch ins Gehirn. Sie will sich prügeln, sie will rennen, sie will schreien, bis mein Hals, meine Füße und der ganze Rest bluten. Ich gebe ihr ein Kissen in die Hand und erlaube ihr, damit das Bett zu verprügeln. Sie lacht mich aus. Fragt mich, ob ich noch ganz dicht bin. Ich zucke nur hilflos mit den Schultern und verweise auf Frau Bezugseinzeltherapeutin, deren Vorschlag es war. Ihre Schuld, nicht meine.
Rot sucht sich imaginäre Streitpartner, die sie sehr ausführlich zur Schnecke machen kann und wirft ein, dass noch Rasierklingen im Schrank sind. Ich werfe ein, dass ich das schon ziemlich genau weiß, aber ich ihr einen Spaziergang anbieten kann, trotz erst vor wenigen Minuten vereinbarten bewegungsfreien Tag. Also gehen wir. Schnell. Genießen den Schmerz in den Beinen und den Schnee, den mir der Wind ins Gesicht treibt.
Es zerreißt mich dennoch. Nach wie vor. Trotz guter Krankengymnastik. Trotz Sekundenbruchteilen. Körperliche Aggression, die nicht nur mir Angst machen sollte, breitet sich erneut in mir aus und Rot will mehr.
Utopie
Ratschläge. Mitten in die Fresse. Statt die eigene Hilf- und Ratlosigkeit einzugestehen. Statt anzuerkennen, dass ich eine Überlebende bin. Dass Atmen reicht.
Einfach mal xy machen. Ins Tun kommen. Fickt euch. Ihr habt keine Knarre mit gespannten Hahn an der Schläfe. Jeden. Verdammten. Tag. !. Den Abzug teilt sich die Katastrophe mit mir. Mal gucken, wer zuerst abdrückt.