PNR

Ich sitze im Wald auf einem umgefallenen Baum und denke an Dinge, die viele ver- und manche zerstören würde. Vogelgezwitscher dringt zwischen den Liedern in mein Bewusstsein und erinnert mich daran, dass es etwas außerhalb meines Kopfes gibt. Dennoch ich habe ich das Gefühl, weder hierher, noch irgendwohin zu gehören. Zu viel Raum einzunehmen in einer Welt, die nicht für mich gemacht ist – und ich nicht für sie.
Unsere Oberflächen interagieren, aber nichts berührt mich wirklich. Ich höre und lese die Bekundungen, wie stolz alle auf mich sind, wieviel ich erreicht hätte, wie stark ich sei und ziehe es vor, nur heimlich und in aller Stille zusammenzubrechen. In meinem Kopf Szenarien durchzuspielen und mich an die winzigen Momente zu halten, in denen es aushaltbar scheint.

Idio­syn­kra­sie

°Triggerwarnung°

Schatz schnarcht selig in meinen Nacken, während ich darüber nachdenke, dass mein letztes Blutbild keinen Eingang mehr in den Entlassbrief fand und der Herr Stationsarzt mich extra deswegen am Abend meines Abreisetages noch einmal anrief, um mir den als bedenklich einzustufenden Hb-Wert mitzuteilen. Und ich denke daran, wie der neue Hausarzt meinen Entlassbrief überfliegt, ebenjenen händisch von mir nachgetragenen Wert sowie auch die vorherigen auf Eisenmangel zurückführt und meinen Einwurf, dass es ziemlich eindeutig nicht daran liegt – zumindest nicht am ernährungsbedingten – genauso schnell übergeht wie die dort empfohlenen wöchentlichen Gewichtskontrollen. In den nun folgenden und kaum enden wollenden Assoziationsketten verliere ich mich gedanklich in Kontaktabbrüchen – und zwar jegliche, weil jeder am Ende nur Rosa bedroht – den Medikamenten, die ich nun nicht mehr in täglicher Einzeldosis bekomme, sondern in Mehrmonatsvorräten daheim habe und was ich damit alles anstellen könnte, in Rasierklingen, Blut und in Körper, der bitte schnellstmöglich wieder so fertig und kaputt aussehen soll, wie es im Innen nach wie vor ist. Anschließend fühle ich mich grauenvoll und verwirrt, weil ich 13² UrlaubsKliniktage einfach so anzünde, die Asche in eine Urne fülle und sie ins Regal stelle – zusammen mit all dem, was ich gelernt, erkannt und verstanden habe, aber schlichtweg nicht will.
Ich versuche zu verstehen, was seit meiner Ankunft daheim in meinem Kopf passiert und fühle mich multidimensional und inkonsistent, während im Außen sowieso nur ein verzerrtes Abbild dessen erscheint, was dunkel und wühlend darunter liegt.
Ich zähle die Tage bis zur angedachten Wiedereingliederung, Schritte, Schupfnudeln und sowieso auch alle Kalorien, die ich zu mir nehme. Ich könnte kaum verlorener sein.

Nyx


Nach einem längeren und einem kürzeren Spaziergang in der frühsommerwarmen Sonne, einem weiteren einschneidenden Erlebnis und einer heißen Dusche sitze ich mit einer Wärmflasche unter meiner Wolljacke in meinem Zimmer. Frierend. Was bestimmt nicht an Körper liegt, der ja schon eine Weile fett wiederhergestellt ist und in Kürze wohl zum zweiten Mal nach langer Zeit wieder menstruieren dürfte. Wobei, eigentlich liegt es doch an Körper, auch wenn er nun wirklich nichts dafür kann. Schließlich hat er nur das getan, was Körper halt so tun, wenn sie verletzt werden. Wiederholt verletzt. Ich bin also selber schuld, wenn ich frierend, dyspnoisch und irgendwie umnebelt versuche, den 13² Tagen, die ich dann am Ende doch in der Klinik verbracht habe, eine Bilanz abzuringen. Irgendwie scheitere ich aber bereits an der Zeitspanne, deren Dauer nur langsam in mein Bewusstsein sickert, wenn ich mir die verschiedenen Punkte am Horizont ansehe, zu denen im November und heute die Sonne aufgeht.
Ich glaube, ich habe vieles gelernt und verstanden. Ich weiß nur nicht, ob ich mich für oder doch viel eher gegen die als therapeutisch sinnvoll erachtete Umsetzung entscheide, wenn ich an die minutiös erarbeitete Funktion von Rosa, die sie mir ins Ohr zu flüstern niemals aufgegeben hat, entscheide.*

°

* oh, ich will wollen, dass es besser wird. dass ich mich für die Umsetzung entscheide. wirklich. aber ich bin ambivalent. und werde das konzept wohl etwas anpassen. so dass es am ende ein bemühtes vielleicht wird.

°

(Bildquelle: Wikipedia)

Erebos

Der Versuch, unerklärliches zu erklären, kann schon angesichts der zugrunde liegenden Begriffsdefinition nichts anderes als scheitern. Also halte ich mich nicht näher damit auf, denke einfach Nichts und verliere mich – nur ein wenig, aber doch etwas zu viel – darin. Hoffend, dass die anstehende kontextuale Veränderung weniger einschneidend ist, als hiesige Unerklärbarkeiten.

Scheinwerfer

Irgendetwas ist gestern passiert. In meinem Kopf. Plötzlich war das Licht an. Nicht langsam wie ein Sonnenaufgang, so dass ich mich hätte vorbereiten können. Kein heller werdendes Grauschwarz, was erst Rot, dann Orange und anschließend strahlend Blau wird. Nein.

Hell. Von einem Moment auf den anderen, weil irgendetwas mit voller Wucht und ohne Vorwarnung auf den Schalter gehauen hat. Ich bin so geblendet, dass es mir Tränen in die Augen treibt, die seit Wochen staubtrocken und an tiefste Dunkelheit gewöhnt sind. Plötzlich bin ich wach. Und frage mich, was in den letzten 6-8 Wochen* passiert ist. Wie ich so eskalieren konnte. Warum ich ein ferngesteuerter, lieber ganz- als halbtoter Zombie in meinem ganz privaten Horrorfilm war, dessen Regie definitiv nicht bei mir lag.

Ich fühle mich derart klar, derart präsent, dass es mir unheimlich ist. Meine Hände fühlen sich nicht nur anders an, sie fühlen auch anders. Ein zartes Hallo entsteht in meinem Kopf.

* ein Schelm, wer dabei an den Einnahmestart des Antidepressivums denkt.

EscapeRoom

Die Welt verschwindet, sobald ich die Tür hinter mir schließe. Wenn ich sie nur schnell genug wieder öffnen würde, könnte ich sehen, dass alles außerhalb der Wände um mich herum einfach weg ist und sich erst rematerialisiert, sobald ich hinsehe.
Eingesperrt in meinem winziggroßen Nanoversum herrschen andere Gesetze. Verschrobenheiten kreisen um Destruktivität, Konsequenzen existieren bloß in der Theorie. Oben ist unten, Innen ist überall.
Ich kippe ein Fenster und fühle mich schräg.