Scheinwerfer

Irgendetwas ist gestern passiert. In meinem Kopf. Plötzlich war das Licht an. Nicht langsam wie ein Sonnenaufgang, so dass ich mich hätte vorbereiten können. Kein heller werdendes Grauschwarz, was erst Rot, dann Orange und anschließend strahlend Blau wird. Nein.

Hell. Von einem Moment auf den anderen, weil irgendetwas mit voller Wucht und ohne Vorwarnung auf den Schalter gehauen hat. Ich bin so geblendet, dass es mir Tränen in die Augen treibt, die seit Wochen staubtrocken und an tiefste Dunkelheit gewöhnt sind. Plötzlich bin ich wach. Und frage mich, was in den letzten 6-8 Wochen* passiert ist. Wie ich so eskalieren konnte. Warum ich ein ferngesteuerter, lieber ganz- als halbtoter Zombie in meinem ganz privaten Horrorfilm war, dessen Regie definitiv nicht bei mir lag.

Ich fühle mich derart klar, derart präsent, dass es mir unheimlich ist. Meine Hände fühlen sich nicht nur anders an, sie fühlen auch anders. Ein zartes Hallo entsteht in meinem Kopf.

* ein Schelm, wer dabei an den Einnahmestart des Antidepressivums denkt.

Parasit

°Triggerwarnung°

Etwas zerrt in mir. Reißt voll verzweifelter Gewalt an der Kette, die es halten soll. Es windet sich unter meiner Haut, in meinen Knochen und wühlt sich durch nassrote Gedärme. Drängt sie beiseite, martert mich und sich, weil es irgendetwas will. Die einzige Artikulation besteht aus verzweifeltem Aufheulen und einem seltsam sehnenden, mehr spür- als hörbaren Knurren. Tief. Voller Vorwurf und Lust. Und unendlich gequält.
Es zerreißt mich im Innen, minutiös, und schlägt scharfe Klauen in Empfindlichkeiten, Fangzähne in nackte NervenEnden. Es kämpft und gräbt sich durch Unbewusstes, getrieben von uralten Instinkten, die sich jeder Logik, jeder Beschreibung entziehen.
Ich bin verloren.

Visite. Blutbildbesprechung. Hämoglobin und Hämatokrit kratzen am Rande einer schweren Anämie.
Irgendwie kann ich mich rauswinden, aber mein Kopf packt umgehend seine Instant-Hüpfburg aus und schmeißt alle Gedanken, die er gerade so findet – und das sind echt viele – ungefragt dort rein.
Irgendetwas reitet mich nur Minuten später, eine kurze Mail mit der tatsächlichen Ursache an den Stationsarzt zu schreiben. Chefarzt und Frau Bezugseinzeltherapeutin werden informiert. Letztere treffe ich wenig später zum Einzel und ich sehe und höre ihr an, wie sehr sie mich nicht darauf ansprechen will, aber muss. Aber weil Frau Bezugseinzeltherapeutin Frau Bezugseinzeltherapeutin ist und nicht Herr Vertretungseinzeltherapeut, der mich zweifelsohne zerlegt hätte, winde ich mich erneut heraus und in großen Bögen um mich herum, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine weitere Diffusität, die kaum noch auffällt in all den konstruierten Gebilden um mich herum und die ich manchmal fast selbst glaube.

Pazifismus

Diese Sekundenbruchteile, in denen alles nicht nur einfach, sondern auch noch möglich scheint. In denen alles einen Sinn ergibt und ich zu allem bereit bin. Zu leuchten erscheint ebenso denkbar wie zu verglühen. Beides wäre grandios absolut und absolut grandios.

Rot steht vor mir. Ihr heißer Atem dampft mir wenig Corona-konform ins Gesicht und ihre Augen brennen mir ein Loch ins Gehirn. Sie will sich prügeln, sie will rennen, sie will schreien, bis mein Hals, meine Füße und der ganze Rest bluten. Ich gebe ihr ein Kissen in die Hand und erlaube ihr, damit das Bett zu verprügeln. Sie lacht mich aus. Fragt mich, ob ich noch ganz dicht bin. Ich zucke nur hilflos mit den Schultern und verweise auf Frau Bezugseinzeltherapeutin, deren Vorschlag es war. Ihre Schuld, nicht meine.
Rot sucht sich imaginäre Streitpartner, die sie sehr ausführlich zur Schnecke machen kann und wirft ein, dass noch Rasierklingen im Schrank sind. Ich werfe ein, dass ich das schon ziemlich genau weiß, aber ich ihr einen Spaziergang anbieten kann, trotz erst vor wenigen Minuten vereinbarten bewegungsfreien Tag. Also gehen wir. Schnell. Genießen den Schmerz in den Beinen und den Schnee, den mir der Wind ins Gesicht treibt.
Es zerreißt mich dennoch. Nach wie vor. Trotz guter Krankengymnastik. Trotz Sekundenbruchteilen. Körperliche Aggression, die nicht nur mir Angst machen sollte, breitet sich erneut in mir aus und Rot will mehr.

Fundamental

Das imaginäre Geräusch rieselnden Feenglitzerstaubes begleitet mich schon den ganzen Tag. Vermutlich, weil auf dem Boden der Tatsachen eindeutig zu wenig Glitzer liegt – auch wenn mein Zimmerboden eine andere Sprache spricht, nachdem ich dort meine Gestaltungstherapie-Mappe fallen lasse und ich mich erst danach an das Bild erinnere, das ich in Anlehnung an meinen zweiten Satz mit schillerndem Mikroplastik bestäubte.
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Entgegen meinem Gefühl von letztem Mittwoch, als ich in der Früh nach dem Duschen mit Unterwäsche und ohne Rosa – die zu dem Zeitpunkt offensichtlich noch im Bett liegt – vor dem Spiegel stehe und Körper für okay befinde (ich werde nicht gut schreiben. ich weigere mich.), trage ich heute den weitesten und längsten Pulli, den mein Kleiderschrank hergibt (und nein, ich werde ihn nicht als pullikleid bezeichnen. ich trage keine kleider. nie.), vergrabe mich in meiner Winterjacke bei Schneeregen und schwelge in Erinnerungen an gestern T-Shirt-Wetter, bei dem ich selbiges mich nicht zu tragen traue und stattdessen schwitze, weil meine Arme etwas verunstaltet sind und ich meine Mitpatient*innen nicht triggern möchte – weder mit ebenjenen, noch mit Körper, der mir so viel mehr Platz bietet als noch vor Monaten, aber auch so viel mehr Raum einnimmt, als ich für nötig befinde.

Invalidiert

Ich zähle 12 Musterreihen, als ich den Vorderteil meines Häkelpullis in Teilen wieder aufribbeln muss, weil irgendwo ein Fehler drin ist, den ich weder finden noch ausmerzen kann. Das mache ich so gefühlte drölfzig Mal heute, so dass er jetzt kleiner ist als zu Beginn des Tages. Trotz Häkelorgie.

Ich zähle unglaubliche 24 Wochen, als ich den Kalender bis zur – voraussichtlich – geplanten Entlassung aus der Klinik anschaue und mich selbst wieder in einen Alltag integrieren muss, der beängstigender kaum sein könnte. Mit Rosa an der Hand, die zwar weitaus weniger quängelig ist, als sie schonmal war, der ich aber auch schon versprochen habe, dass wir daheim ganz dringend an bestimmten Definitionen arbeiten werden. Grau dagegen fragt, ob wir denn nach Hause oder überhaupt noch irgendwohin wollen, oder ob es nicht einfacher wäre, einen Cut zu machen, so dass ich mich frage, ob wir nach dem ganzen Auseinandernehmen tatsächlich so viel weiter weg vom Nichts sind, als zu Beginn des Aufenthalts. Trotz Therapieorgie.

Abwarten

°Triggerwarnung°

Ich will hübsche Worte dafür finden, dass mein halber Unterarm nackt ist und eine nicht enden wollende Welle Schmerz über mich hinweg rollt, weil ich es vor Tagen schon in einer Kurzschlussreaktion für eine gute Idee hielt, mein übrig gebliebenes Teewasser über diesen Umweg ins Waschbecken zu schütten. Aber ich finde sie nicht, denn da ist einfach nur nacktes Fleisch unter einem unspektakulären Verband, der seither täglich in der Medizinischen Zentrale gewechselt wird – und gestern neben der Wundauflage auch eine Menge Haut den Weg in den Abfall findet.
Es dauert eine Weile, ehe ich mir trotz selbst schuld eine Schmerztablette erlaube, weil es halt einfach scheiße weh tut, wenn physische und emotionale Belastungen in blanke NervenEnden beißen.
Und weil es inzwischen drei sind, frage ich mich, ob Übelkeit nun so viel besser ist.