Übersprungshandlung

Es ist Samstag, Schatz und ich fahren einkaufen. Und auf dem Rückweg durch unseren (sehr kleinen) Ort fahren wir an dem Arzt vorbei, der mich im Mai nach der Katastrophe mit einem selbstgefälligen und sehr anmaßenden Vortrag fast hat Zusammenbrechen lassen.
Bisher hatte ich weder den Anlass, noch den Mut, mit meinem eigentlichen Hausarzt darüber zu sprechen, aber ich dachte, zumindest ein Teil der Wur und Fassungslosigkeit von damals wäre verflogen. Dass dem nicht so ist, lerne ich in diesem Moment.

Gesichtserkennung

Zuerst denke ich „der sieht aus wie… und starre ihn ziemlich unverholen an (kennt ihr das: wenn man jemanden das erste Mal außerhalb des gewohnten Zusammenhangs und dann noch in anderer Kleidung sieht, muss man erstmal überlegen, ob und woher man das Gesicht kennt). Als er den Kopf hebt und in unser Auto schaut, ist jeder Zweifel ausgeschlossen, und ich kann nicht aufhören, ihn weiter anzusehen. Und ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, erschrocken/verwirrt/wütend zu werden, als dass ich auf die Idee kommen würde, ihn zu grüßen. Ich bin ziemlich sicher, dass er uns erkennt, und er grüßt ebenfalls nicht.

Es macht mich rasend. Alle Gefühle von damals sind in nahezu gleicher Intensität wieder da, und ich möchte aussteigen und ihn anschreien, schütteln, ohrfeigen. Natürlich tue ich nichts dergleichen. Wir fahren vorbei und nach Hause. Packen unsere Einkäufe weg, machen etwas Haushalt.

Wut

Und ich nutze jede Gelegenheit, um kratzbürstig zu sein. Lasse meine Wut an Schatz aus, weil sonst niemand da ist, dem ich die Augen auskratzen kann, und fühle mich schlecht dabei. Erst nach einer Stunde, oder auch zwei, kann ich ihm sagen, was los ist und mich entschuldigen. Er umarmt mich. Ich möchte nicht mehr wütend sein, aber abstellen kann ich es auch nicht.
Ich frage mich, ob er mich wirklich erkannt hat. Ob er mit Absicht nicht gegrüßt hat. Ob er gesehen hat, wie viel ich abgenommen habe und sich Gedanken darüber macht. Ob er mit seinem Vater, dem zweiten Arschloch Vertretungsarzt darüber redet. Dabei möchte ich nicht darüber nachdenken, weil er es nicht verdient. Er sollte mir egal sein, aber genau da liegt ja eines meiner Kernprobleme. Niemandes Meinung über mich ist mir egal.

If your world falls apart, I’d start a riot

Die Katastrophe. 5 Monate und 4 Tage sind vergangen. Und es brennt immernoch.

Stell dir vor…

Jemand dreht dir aus über 1 1/2 Jahrzenten Vertrauen einen Strick.
Jemand wirft dir etwas vor, was du nicht getan hast.
Jemand setzt dich so lange fest, bis du dein eigenes Todesurteil unterschreiben würdest.
Jemand lässt dich dein Todesurteil unterschreiben.
Jemand verletzt deine Privatsphäre.
Jemand drängt dich in eine Ecke.
Jemand zwingt dich in einen absurden Rechtsstreit, dessen Ausgang offen ist.
Jemand zerstört dein bisheriges Leben und zündet die Trümmer an.
Jemand betrachtet dich bloß als Kolateralschaden.
Jemand will deine Existenz vernichten.

Und jetzt stell dir vor…

Jemand meint es ernst. Und es wäre deine Existenz.

Genau genommen ist all das meinem Mann passiert. Ich bin nur zufällig seine Frau. Und vielleicht ist es ein Fehler, all das so nah auch an mich heran zu lassen. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum unsere Beziehung nicht nur funktioniert, sondern so wundervoll ist. Weil ich es persönlich nehme, wenn jemand Schatz bedroht.
Aber ich kämpfe an zwei Fronten. Gegen diesen Jemand, der uns alles nehmen will. Und gegen mich selbst, meinen Kopf, meine Gedanken, meine Hilflosigkeit, meine Müdigkeit.
Jemanden kann und werde ich nicht gewinnen lassen. Bleibt abzuwarten, wieviel für die zweite Front übrig bleibt.

Therapeutisches Klettern

Meine Thera drückte mir in der letzten Stunde einen Flyer dazu in die Hand, mit den Worten, dass sie an mich denken musste, als sie ihn sah. Sie kennt das Programm und ist davon sehr überzeugt. Es findet in Klein(st)gruppen statt und richtet sich explizit an Menschen mit psychischen/psychosomatischen Beschwerden, insbesondere bei Depressionen und Ängsten.

Mit Klettern hatte ich bisher nichts am Hut, aber ich muss sagen, dass sich die Homepage sehr gut liest. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und dort einmal angefragt – und auch schon eine Antwort erhalten. Nächste Woche werde ich angerufen, und dann sehen wir weiter. Mal gucken, ob ich es am Ende dann auch wirlich durchziehe. Ich bin gespannt, ob ich mir die Gruppengröße aussuchen kann (würde schon eine größere – maximal gehen eh nur 6 – bevorzugen, vielleicht lerne ich ja nette Leute kennen) und wie die Termine sind, weil ich ja unter der Woche arbeiten muss. Freitags oder Samstags wäre gut, wenn dann nicht nur verzweifelte Hausfrauen dabei sind…

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

Spiegelwelt

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Auf dem See, den sie gerade betrachtete, sah sie das Spiegelbild ihrer Umgebung und von sich selbst. Die Oberfläche lag so ruhig da, dass jedes Detail in perfekter Symmetrie zurückgeworfen wurde. Wenn sie lächelte, lächelte ihr Spiegelbild. Warf sie einen Stein hinein, verschwamm es nur kurz.
Niemals aber zeigte sich, was unter der Oberfläche lag. Ob dort Strömungen den Grund aufwirbelten, der das Licht nach wenigen Zentimetern verschluckte.

Das Spiegelbild

Meine Mama ist heute nach 8 Tagen wieder gefahren. Ich wäre am liebsten heute gar nicht erst aufgestanden. Ich habe versucht, auf mich zu achten, und ich hatte einen ambitionierten Plan. Den ich gegen die Wand gefahren habe.

Am Mittwoch fasste ich den Entschluss, mit Mama am Freitag allein essen zu gehen. Ich wollte ihr so vieles sagen, ihr einen Blick hinter den Spiegel gewähren. Etwas, was ich bereits für unseren Ausflug am Mittoch vorhatte, dort aber nicht schaffte.
Wir hatten einen schönen Abend und zu viel leckeres Essen. Weil ich fahren musste, konnte ich nichts trinken und da lag das Problem. Wir redeten den ganzen Abend – aber nicht ein Wort über das, was ich eigentlich ansprechen wollte.
Vieles von dem, was wir redeten, habe ich schon wieder vergessen. Weil ich, während ich automatische Antworten gab, in meinem Kopf einen Kampf darum führte, ob ich rede oder nicht. Oder nicht hat gewonnen.

Ein neuer Plan entstand. Den gestrigen Ausflug oder das gemeinsame Abendessen nutzen, und reden. Aber auch hier schaffte ich es nicht. Ich führte den gleichen inneren Kampf, und verlor.

Ich versuche, zu verstehen, warum ich es nicht konnte. Warum ich meiner Mama nicht sagen konnte, dass es mich ärgert, wenn sie nicht reagiert, sobald ich schreibe, dass es mir nicht gut geht, aber sich mega freut, wenn das Gegenteil der Fall ist. Dass ich gerne über die Depression, die (letzte) Selbstverletzung und meine arschige Hausarzt-Vertretung reden würde, und warum ich so wenig esse.
Aber ich verstehe es nicht. Kein bisschen. Warum ich mich so schwer damit tue, obwohl mir nichts einfällt, was negatives hätte passieren können (außer enttäuscht oder als Aufmerksamkeitsgeil abgestempelt zu werden). Warum ich mal wieder meine Umgebung gespiegelt und die Maske nicht abgenommen habe.

Graues Wetter. Graue Gedanken.