Was sie unter dem Pflaster sieht, ist nicht unbedingt das, was sie sehen will. Also, unter dem Pflaster, was unter dem Pflaster klebt. Und beide kleben verdammt gut. Nicht nur aneinander, sondern auch auf ihrer viel zu dünnen Haut, die zu zerreißen droht, wenn sie eines der beiden auch nur schräg ansieht.
Aber in den letzten Tagen verspürt sie so etwas wie Neugier und beginnt zu knibbeln. An einer kleinen Ecke, ganz vorsichtig und unauffällig. Von Außen sah man es nichtmal. Mit einer Taschenlampe leuchtet sie unter diese mühsam gelöste Ecke – und wünscht sofort, sie hätte es nicht getan. Eine schwärende, alte Wunde kommt zum Vorschein, verklebt mit all dem Dreck der letzten Jahre, vor dem die Pflaster hatten schützen sollen.
Schnell drückt sie das lose Ende wieder auf ihre Haut, auch wenn es nun nicht mehr so recht halten will. Und auch wenn sie weiß, dass es so nicht heilen kann – ganz im Gegenteil -, ist ihr das bedeutend lieber, als sich der sonst täglich notwendigen Wundpflege anzunehmen, die ihr bevorstünde. Das dumpfe Pochen ist sie gewohnt, hübscher rosa Glitzer verziert die Pflaster und lenkt sie ausreichend ab.
Schlagwort: Taubheit
Kopflos
Gestern und heute ist mein Puls mal nicht auf weniger als 45 gefallen – zumindest wäre es mir nicht aufgefallen. Rosa findet das bedenklich, aber mit den Extrasystolen, die dafür häufiger waren, ist sie dann doch fast zufrieden. Ihr erklärtes Ziel besteht darin, so lange weiter zu machen, bis nichts mehr geht. Krankenhaus, Sonde, wasweißich. So genau verrät sie mir das nicht.
In Ermangelung anderweitiger kurz- wie langfristiger Ziele, abgesehen von der als nächstes anstehenden Sport-, Schlaf- oder Essensroutine, nehme ich es hin. Und wenn ich dabei den Eindruck erwecke, also wolle ich gerade nichts dagegen tun, dann ist er richtig, dieser Eindruck. Denn ich weiß nicht, wofür ich es tun sollte. Oder mit welcher Energie.
Auch Schatz spricht von Therapeutensuche, als ich ihm einen Hauch oberflächlicher Gedanken von mir eröffne. Aber ich habe keine Lust. Weder auf die Suche, noch auf die Warterei oder die wöchentlichen Termine. Wie ich mich fühle, fragt er mich. Ich weiß es nicht, sage ich, und gebe ihm damit die Ehrlichste aller Antworten.
Reserve
Im Bett.
Ich möchte bitte endlos weiterschlafen ist mein erster Gedanke, als ich heutemorgen aufwache. Als mir dann auch noch das Virus die Welt wieder einfällt, und dass mein Fitness-Studio geschlossen hat, erst recht. Zwar habe ich das Wochenende bei meinen Eltern halbwegs gut überstanden, aber es hat wohl mehr Reserven gefressen, als ich gestern noch vermutet hatte. Weltschmerz und das Gefühl von Sinnlosigkeit erdrücken mich.
Doch irgendwann stehe ich plötzlich, auch wenn ich mir das nicht so richtig erklären kann. Aber dann kann ich mich auch anziehen und – nach zu vielen Tagen ohne – wieder etwas Routine leben. Immerhin.
In der Garage.
Mein alter Crosstrainer ist eine Zumutung, wenn man das Studioequipment gewohnt ist. Aber hilft ja nix, kein Sport ist auch keine Lösung. Ich versuche, irgendwie die Übungen, die ich sonst so mache, ohne Geräte – dafür mit Hanteln und Isomatte – abzubilden und habe am Ende das Gefühl, trotzdem genau nichts getan zu haben, auch wenn ich meine Arme bitte nie wieder bewegen möchte. Ernsthaft. Nie wieder!
Weil Schatz aber draußen noch Brennholz macht und ich nicht ohne ihn frühstücken will, helfe ich ihm noch für ne Stunde. Super Idee, finden meine Arme und auch der ganze Rest, so ohne jeden Brennstoff. Rosa freut sich.
Unter der Dusche.
Keine Ahnung, wie ich meine Arme zum Haarewaschen so fucking weit anheben soll. Irgendwie gehts dann doch. Und ich schaffe es sogar, nicht noch vor meiner Frühstücksschüssel umzufallen.
Auf der Couch.
Meine Arme fühlen sich immer noch an, als hätte ich Elefanten jongliert. Ich prüfe meine Online-TV-Liste auf anguckbares und vergesse fast, meine Fotos vom Wochenende zu bearbeiten. Meine Arme zittern, als ich die Teetasse anhebe.
Aufgabe
Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.
Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.
Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.
Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.
Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.
*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen
Peripherie

Ich frage mich, was unter all dem Nichts so rumliegt und Staub ansetzt. Aber es ist, wenn überhaupt, nur ein geheucheltes Interesse, denn eigentlich ist es mir ziemlich sehr egal. Der Berg Nichts wird jedenfalls täglich höher, aber das sieht keiner, weil das nunmal in der Natur des Nichts liegt.
Die Woche habe ich wieder einmal auf der Überholspur verbracht, auf dem Zahnfleisch kriechend. Wartend – hoffend – auf den finalen Zusammenbruch, den mir mein Körper vehement verweigert und stattdessen weiter munter vor sich hin funktioniert. Wenn auch mit Abstrichen, so dass ich mitunter allein zu Atmen als unzumutbare Belastung empfinde. Gezeigt wird das natürlich niemandem, der Berg Nichts eignet sich da prima als Versteck für alles.
Während Schatz und andere auf meine Vernunft – und die Ernährungsberaterin – vertrauen, kürze ich unbemerkt meinen Ernährungsplan, beschließe, auch weiterhin keine Therapeutentermine und stattdessen Sport zu machen, verschiebe die EB-Termine, würde am liebsten alles hinschmeißen und mir mit Alkohol und einer Rasierklinge mal wieder einen richtig schönen Abend gönnen.
Ratlosigkeit macht sich breit, wenn ich so mein Leben betrachte, aber mehr als ein Schulterzucken habe ich nicht übrig dafür. Zu anstrengend. Zu egal.
Leere
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