Maskenpflicht

Rosa und ich halten uns unauffällig an der Hand. Wir haben uns arrangiert und weil Frau Bezugseinzeltherapeutin weder so erfahren noch so gut wie der Herr Vertretungseinzeltherapeut ist, sieht sie es nicht. Er hätte es längst herausgefunden und mich in sämtliche Einzelteile zerlegt. Sie aber glaubt meinen Fortschrittsbekundungen – und ich spiele mit ihr, ohne dass ich genau sagen könnte, warum. Vielleicht einfach, weil ich es kann.

Wir reden über bewegungsfreie Tage, Post-Klinik-Wochenstrukturen und -Essenspläne, von denen ich allesamt nicht gewillt bin, sie auch nur ansatzweise einzuhalten. Das Konstrukt aus Halb- und Unwahrheiten trage ich hübsch demonstrativ vor mir her und es ist groß genug, um nicht nur Rosa, sondern auch SchwarzRotGrau und mich samt Gedankensalat dahinter zu verstecken.

Ich kann hier nicht gesund werden – weil ich es nicht will. Und keiner merkt es.

Gravitation

Rosa hält sich tapfer. Im Rahmen unserer Möglichkeiten leben wir so viel Essstörung wie möglich und fiebern dem noch nicht final, aber ungefähr definierten Entlasstermin entgegen. Derweil bilden Grau und Schwarz ein immer dunkler und mächtiger werdendes schwarzes Loch mit größtmöglicher Anziehungskraft. Ich lasse mich treiben, wohl wissend, dass ich in diesem Zustand langfristig nicht überleben werde.

Ich bin einsam, ein verlorenes Sternenstaubkorn in einem ansonsten leeren Paralleluniversum, kalt, dunkel und unbelebt. Ich lasse mich brav therapieren, weil man das wohl so macht in einer Klinik, und werde für Fortschritte gelobt, die es nur in meinen Erzählungen gibt. Und für mein – tatsächlich sehr umfangreich vorhandenes – Reflektionsvermögen. Natürlich weiß ich. Es ist ein Fluch.
All das zu wissen – zu wissen, dass mein Denken gerade essgestörter kaum sein könnte und (warum) mir jeglicher Sinn fehlt – hilft mir nicht. Vielmehr zeigt es mir auf, dass tatsächlich etwas fehlt – und es ist gleichermaßen verloren gegangen wie mir gewaltsam entrissen worden – und ich mich ernsthaft fragen sollte, ob ich es jemals zurück bekomme. Aber auch dazu fehlt mir jeglicher Antrieb.

Ich kann hier unmöglich länger bleiben. Ich kann unmöglich von hier weg. Ich bin verloren.

Suizid.

Meine Cousine hat sich das Leben genommen. Sie wurde 22 Jahre alt.

Meine Mama weint am Telefon. Ich dagegen bin – inzwischen seit Tagen – irritiert, weil sich keine Trauer einstellen will. Außer ein paar Genen und Familientreffen hatten wir wenig Anteil am Leben der jeweils anderen. Zumindest schiebe ich es lieber darauf, als die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, mich inzwischen recht erfolgreich emotional abgetötet zu haben oder so etwas wie perverse Bewunderung und gleichzeitig das größtmögliche Mitgefühl für sie zu empfinden.

Die Tatsache ansich erscheint nach wie vor unwirklich. Und auch, wenn es mich emotional wenig trifft, kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Weil ich mich erinnere, wie allumfassend Verzweiflung und Sinn- wie Ausweglosigkeit sein können und mich einen Moment lang frage, wo eigentlich der Unterschied liegt zwischen erinnerten und gefühlten Gefühlen.

Rosa bedauert derweil, dass sie deswegen gerade nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit meiner Mutter liegt – und ich kann sie verstehen, bin aber mindestens maximal entsetzt, so etwas überhaupt denken zu können.

Der Beitrag wäre doppelt so lang, hätte ich die vielen angefangenen Sätze nicht wieder gelöscht – und schier endlos, würde ich jeden Gedanken dazu in der Tiefe weiterverfolgen. Aber dort ist es dunkel – verdammt dunkel. Und dass mir das Angst macht, werte ich mal positiv.