
Ich schrieb, dass es mir relativ plötzlich vor drei Wochen besser ging. Hell, bunt, Feierabend und so. Die erste Woche war ein Selbstläufer, ich musste nichts dafür tun. Woher es kam? Keine Ahnung, aber geil wars. In der zweiten Woche spürte ich, dass es nicht mehr von selbst ging, sondern ein bisschen Arbeit bedurfte – auf meine Gedanken achten, bewusst den Schritt aus dem Hamsterrad machen. Aber es ging, es blieb erstaunlich gut, und ich war achtsam.
Nun ist die dritte Woche rum, und ich frage mich, ob ich mich genug anstrenge. Ob ich es genug will.
Es ist, als würde ein Berg langsam, aber stetig wieder steiler, und ich werde müde und langsamer. Immerhin, ich gehe noch vorwärts.
Die letzten drei Wochen waren die Besten seit 2015 – mindestens, vielleicht sogar seit 2010. Ich will nicht, dass es aufhört, ich will nicht zurück – nicht kopfüber in die nächste dunkle Episode. Nicht jetzt, wo ich ganz frisch wieder weiß, wie es sein kann.
Ich will nicht übers Wasser laufen und ich will nicht ertrinken. Ich will fliegen…
Schlagwort: Sog
90 – Paralleluniversum

Meine Depression ist ein Paralleluniversum, dass mich umschließt und überall hin begleitet. Ich bewege mich in der Welt der Anderen, aber niemand kann sehen, dass ich kein echter Teil dieser Welt bin. Wie eine unsichtbare, aber für mich deutlich spürbare Blase umhüllt sie mich – trübt die Farben und das Licht, während sie meine Energie raubt. Mich und die Anderen trennt eine ganze Dimension, die nicht fassbar ist. Wie ein Stück stoffliche Dunkelheit, allgegenwärtig.
Die Trennschicht, die zwischen mir und der Welt der Anderen liegt, ist manchmal unendlich und unüberbrückbar.
Vor einigen Tagen aber bildete sich ein Riss, der mir die ungetrübte Sicht ermöglichte. Auf eine bunte Welt, und den Abgrund am Rande der aufeinanderprallenden Dimensionen. Dieser Riss, der zunächst von einer ganz eigenen Energie auseinandergetrieben wurde, ist nun ein fragiler Zustand der Verbindung zweier Welten. Er braucht Energie, um sich nicht allmählich wieder zu verschließen und mich in sein Innerstes zu ziehen. Ein Schwebezustand, zwischen den Welten, zwischen den Kräften, die dort herrschen.
Ein Versuch, meine Gefühle zu beschreiben, die mich hin- und herreißen zwischen dem vertrauten Dunkel und dem fremden Bunt. Wenn die einfache Entscheidung die falsche ist…
87
Sie war einfach aufgewacht. Hatte die Augen geöffnet und die Farben gesehen. Viele Farben, millionen! Alles war bunt und warm und leicht. Fasziniert, mit staunenden Augen, hatte sie sich erhoben und die fremde Welt erkundet, vorsichtig tapsend die ersten Schritte gewagt.
Der erste Tag hatte sie berauscht und mit so vielen neuen Eindrücken überflutet, dass ihr ganz schwindlig wurde. Ihre überreizten Gedanken gehorchten ihr kaum, sie sprangen wie ein Flummi umher. Doch die kommenden Tage beruhigte sich ihr Kopf und die ungerichtete Energie fand den Weg in ihren ganzen Körper. Sie wurde durchströmt von Tatendrang und fühlte sich … glücklich? So genau konnte sie das neue Gefühl garnicht einordnen, sie wusste nur, dass es gerne auf ewig so bleiben könnte.
Doch wenn sie ihren Gedanken den Blick zurück gewährte, und kurz die Augen schloß, erinnerte sie sich an das Leben im Dunkel. Dort, wo Tonnen von Gestein auf ihrem Kopf und ihrem Körper lagen und selbst ihre Gedanken kaum Platz hatten. Sie mussten sich als dichtes Knäuel immerwährender Schleifen zusammendrängen, gefangen im Schraubstock der massiven Felsen.
Ein Blinzeln, und die Erinnerung wurde wieder zu etwas, was sie hinter sich lassen wollte. Sie würde diese neue Welt entdecken, sich unbeschwert und leicht fühlen. Für immer. Das war ihr Wunsch.
Das Kopfweh kam schleichend. Die Anspannung, die fehlende Achtsamkeit. Und dann, von einem Tag auf den anderen, war es nicht mehr leicht, nicht mehr selbstverständlich, die Augen geöffnet und die Gedanken frei zu halten. Da begriff sie, dass es kein böser Traum, keine alte Erinnerung war, sondern ein Teil ihres Selbst. Was immer geschehen war, dass es sich für eine Woche nach Leben anfühlte, es war fragil. Es bedeutete Arbeit und Kraftanstrengung, ohne dass sie genau wusste, wo sie es festhalten konnte. Sie hoffte nur, dass sie es irgendwie schaffte, bevor sie wieder verschüttet wurde.
86 – Jahre der Stille
Weil mir danach ist: Jahre der Stille
40
Sie war ein Mond. Ein komplexer Himmelskörper aus Gedanken und Gefühlen, der um ein Leben kreiste, um einen Planeten.
Er hatte eine helle und eine dunkle Seite, dazwischen Zwielicht. Sie kannte ihn in- und auswendig. Kannte jede seiner Seiten, seine Oberfläche und alles, was darunter lag. Auch die Narben waren ihr vertraut, die die Einschläge von Asteroiden und die Vulkanausbrüche hinterlassen hatten.
Sie war dieser Planet, dieses Leben. Aber sie war auch der Mond, der auf ewig verbunden seine Bahnen am Himmel zog.
Sie wünschte sich, frei zu sein. Frei von einem Planeten, der sie seit einer gefühlten Ewigkeit zwang, ihren Blick ausschließlich auf ihn – und damit auf sich selbst – zu richten. Auf das Zwielicht und seine dunkle Seite, die so anders war, als das Licht. Bizarr, kalt, und auf eine nicht greifbare Art gewaltig. Der mit seiner schwankenden Anziehungskraft irgendwann dazu führen konnte, dass sie hinunter stürzte und sich selbst verlor.
Sie wollte mehr sein, als nur ein gefangener dunkler Satellit. Sie wünschte sich hin zum Licht, hin zu den zahllosen Sternen.
35 – Abwege
Sie war los gesprintet, ganz und gar fokussiert und ohne Rücksicht. Weder auf sich, noch auf den Weg, den sie genommen hatte. Eigentlich war es nur eine kurze Strecke, die es galt, möglichst sicher und unbeschadet zu überwinden. Es gab sogar eine Brücke, die vom einen Ufer zum anderen führte; sie hatte sie vorher gesehen und auch darauf zugesteuert, als sie startete. Als sie noch festen Boden unter den Füßen hatte.
Doch es hatte sich verselbstständigt – sie war zu schnell gewesen, hatte die verbleibende Zeit viel zu gering eingeschätzt und war blindlings auf ihr Ziel zu gerannt, ohne auf die Brücke oder ihre Beine zu achten. Weiterlesen „35 – Abwege“