Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

Mein Universum in der Nussschale

Ich sitze in einer winzigen Nussschale auf einem endlosen, tobenden Ozean. Die Wellen spielen ihr ganz eigenes Spiel mit mir, der Sturm reißt meinen Atem fort.

Meine mühevoll aufrecht gehaltene Projektion steht aufrecht und blickt nur im Augenwinkel auf die kleine Pfütze hinab, in der meine Nussschale mit meinem Ich schwimmt. Mit etwas Glück entschuldigen sich die, die die Hosenbeine meiner Projektion beim achtlosen Hindurchlaufen mit Wassertropfen bespritzen – falls sie es überhaupt bemerken oder kümmert. Meine Projektion lächelt und winkt ab, während sie nicht einmal flackert.

Meine Nussschale, in der sich mein ganzes konzentriertes Universum befindet, kentert fast, als die Wellen, die die unbedachten Schritte verursachten, darauf treffen. Nur mit Mühe kann ich mich fest- und gleichzeitig die Projektion aufrecht erhalten. Eisiges Wasser schwappt herein und lässt mich zittern. Mein Universum droht, sich in der Kälte noch weiter zusammenzuziehen, meine Gedanken sich noch weiter zu komprimieren. Bis ein schwarzes Loch entsteht.

Feige

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Zeit, einmal mehr über mein Essverhalten zu reflektieren. Mein BMI liegt bei 19,1. So dünn war ich noch nie.

Letzte Woche hatte ich zum allerersten Mal in meinem Leben den Gedanken „Wow, bin ich dünn!“. Ich war erstaunt, erschrocken, stolz, verwirrt, besorgt, … alles auf einmal. Ich weiß nicht, wo ich stehe. Ich weiß nicht, ob ich mich mit Absicht in eine Essstörung manövriere, schon eine habe, oder es nur eine Phase ist. Dabei esse ich ja. Ich esse weiterhin meinen 3,5%igen Joghurt, brate meinen Kürbis in etwas Butter an, esse Käse, trinke 3,5%ige Milch. Aber eben weniger – deutlich weniger. Ich habe bisher vermieden, meine Gesamtkalorienzahl am Tag auszurechnen, weil ich dann nur in Versuchung käme, noch etwas einzusparen. Aber so oder so, am Ende des Tages steht da einfach eine negative Kalorienbilanz.

Schatz sagte heute beim Duschen zu mir, er mache sich Sorgen – ich sei dünn und knochig.  Ich empfinde mich nicht so. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meine Knochen, und wenn ich (mit Absicht, weil ich sie gerne fühle) meine Schlüsselbeine oder Rippen berühre, kann ich sie deutlicher als je zuvor fühlen.
Voller Überzeugungskraft antwortete ich, es müsse sich keine Sorgen machen und ich würde versuchen, mein Gewicht zu halten.

Aber versuche ich es wirklich?
Ich bin innerlich – wie so oft und wie zu so vielen Themen – gespalten.

Einserseits…

…finde ich meine Figur wirklich in Ordnung
…werden nur meine Hosen zu groß, so dass sie nicht mehr sitzen (ich kann eh nur noch die Hälfte meiner Hosen anziehen)
…finde ich nicht, dass ich weiter abnehmen sollte
…habe ich, verdammt nochmal, Hunger!

Andererseits…

…bekomme ich eine Krise, wenn es um zu kalorienhaltiges Essen geht
…verhandle ich in der Arbeit schon jeden Tag mit mir, ob ein zweiter Kaffee mit Milch drin ist (oft nicht, dabei gibts da nur die 1,5%ige)
…verweigere ich mir Nahrungs-, nein Genussmittel, die ich gerne mal wieder essen würde
…habe ich viel zu viel Angst davor, unkontrolliert (naja, auch kontrolliert) wieder zuzunehmen
…ist es eine Herausforderung*

*an dieser Stelle schüttelt der „Einerseits“-Teil mit dem Kopf und findet mich armselig. Ich weiß nicht, was ich damit erreichen will. Wirklich nicht. Ich weiß, dass es zu nichts führt, außer dass es irgendwann zu viel (also, zu wenig) ist. Ich weiß, dass es klingt, wie ein bockiges Kind. Ich weiß, dass es klingt, als würde ich „Aufmerksamkeit!“ schreien. Ich weiß, dass ich nicht einfach so damit aufhören kann.

Und wo war jetzt die Reflektion? Ach, da – fast übersehen, weil ja nicht mehr so viel übrig ist.

98 – Denken. Hoffen.

Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Verhaltensmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Denkmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, ich muss dranbleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich muss Achtsam bleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich soll mich ablenken.

Ich sage nicht, dass ich keine Lust mehr habe. Dass ich will, dass es aufhört. Dass ich finde, nach 15 Jahren reicht es jetzt wirklich mal. Dass ich aus Überzeugung und ganz bewusst zu wenig esse, zu oft (heimlich!) Alkohol trinke, und keine Hoffnung auf dauerhafte Besserung sehe.
Ich schweige. Denke. Hoffe. Auf ein Ende.

*alt ist relativ. alt ist nur ein paar wochen alt. alt ist jetzt. alt ist neu.

94 – Wohin?

Wohin mit den Gedanken, dass es nur eine Absolutheit im Leben gibt?

Wohin mit den Gedanken, dass die einzige Gewissheit ein Ausweg wäre?

Wohin mit den Gedanken, die ein normaler Mensch nicht denkt?

Wohin mit den Gedanken, die ich niemandem erzählen kann?

Wohin mit den Gedanken, die ich doch gar nicht haben kann, wo es mir doch besser geht?

Geht es mir besser?