Invalidiert

Ich zähle 12 Musterreihen, als ich den Vorderteil meines Häkelpullis in Teilen wieder aufribbeln muss, weil irgendwo ein Fehler drin ist, den ich weder finden noch ausmerzen kann. Das mache ich so gefühlte drölfzig Mal heute, so dass er jetzt kleiner ist als zu Beginn des Tages. Trotz Häkelorgie.

Ich zähle unglaubliche 24 Wochen, als ich den Kalender bis zur – voraussichtlich – geplanten Entlassung aus der Klinik anschaue und mich selbst wieder in einen Alltag integrieren muss, der beängstigender kaum sein könnte. Mit Rosa an der Hand, die zwar weitaus weniger quängelig ist, als sie schonmal war, der ich aber auch schon versprochen habe, dass wir daheim ganz dringend an bestimmten Definitionen arbeiten werden. Grau dagegen fragt, ob wir denn nach Hause oder überhaupt noch irgendwohin wollen, oder ob es nicht einfacher wäre, einen Cut zu machen, so dass ich mich frage, ob wir nach dem ganzen Auseinandernehmen tatsächlich so viel weiter weg vom Nichts sind, als zu Beginn des Aufenthalts. Trotz Therapieorgie.

Utopie

Ratschläge. Mitten in die Fresse. Statt die eigene Hilf- und Ratlosigkeit einzugestehen. Statt anzuerkennen, dass ich eine Überlebende bin. Dass Atmen reicht.

Einfach mal xy machen. Ins Tun kommen. Fickt euch. Ihr habt keine Knarre mit gespannten Hahn an der Schläfe. Jeden. Verdammten. Tag. !. Den Abzug teilt sich die Katastrophe mit mir. Mal gucken, wer zuerst abdrückt.

Abwarten

°Triggerwarnung°

Ich will hübsche Worte dafür finden, dass mein halber Unterarm nackt ist und eine nicht enden wollende Welle Schmerz über mich hinweg rollt, weil ich es vor Tagen schon in einer Kurzschlussreaktion für eine gute Idee hielt, mein übrig gebliebenes Teewasser über diesen Umweg ins Waschbecken zu schütten. Aber ich finde sie nicht, denn da ist einfach nur nacktes Fleisch unter einem unspektakulären Verband, der seither täglich in der Medizinischen Zentrale gewechselt wird – und gestern neben der Wundauflage auch eine Menge Haut den Weg in den Abfall findet.
Es dauert eine Weile, ehe ich mir trotz selbst schuld eine Schmerztablette erlaube, weil es halt einfach scheiße weh tut, wenn physische und emotionale Belastungen in blanke NervenEnden beißen.
Und weil es inzwischen drei sind, frage ich mich, ob Übelkeit nun so viel besser ist.

Fünfhundertachtundvierzig

Körper sagt, er ist nun ausreichend wiederhergestellt, um zu menstruieren. Zumindest ein bisschen.
Ich sehe ihm mit hochgezogener Augenbraue dabei zu und frage mich, wann er gedenkt, seine Hirnchemie mal näher in Augenschein zu nehmen, statt sich um derlei Lästigkeiten zu kümmern. Jene Hirnchemie, die sich bisher sehr unbeeindruckt zeigt von den Antidepressiva, so dass wir die Dosis ab morgen erhöhen und mit Spannung darauf warten, ob aus der Erst- eine Zweitverschlimmerung wird.
Die dumpfgraue Leere versuche ich derweil mit purpurfarbenem Schmerz zu übertünchen, um wenigstens irgendetwas zu fühlen. Mit blutigen Fingern versuche ich, die Kiste, in der ich zumindest ein paar meiner Gefühle vermute, zu öffnen und ziehe mir bloß Splitter ein.

Schuldfrage

°Triggerwarnung°

Es ist kurz nach 7 Uhr abends, als meine Anspannung wie aus dem Nichts die Grenzen des auch nur annähernd erträglichen sprengt.
Ich versuche, auszuhalten. Mich zu beruhigen. Benutze Skills. Die Anspannung lacht.
Es dauert 40 Minuten, ehe ich mich entschließe, zur medizinischen Zentrale zu gehen und mit einem Co-Therapeuten zu sprechen. Hochstress. 99 von 100. Gründe? Ich habe nur eine diffuse Ahnung, die ich aber weder genau greifen, noch erzählen kann (denn wie würde es wohl aussehen, wenn ich sagen müsste, dass ich seit letzter Woche aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zu viele Deziliter Blut verloren habe und heute auf Anraten meines Körpers wirklich nach einem letzten Mal davon Abstand nehmen wollte).
Ich habe vergessen, dass ich tatsächlich so etwas wie Bedarfsmedikation auf meinem Zimmer und in meiner Verordnung habe und es schaut auch niemand nach, als mir anschließend großzügig zwei Baldrian ausgehändigt werden, die nur durch Globuli noch an Absurdität überboten werden könnten – auch wenn man bedenkt, dass ich bis Anfang dieser Woche noch wegen deutlicher Suizidgedanken zweimal am Tag zum Gespräch musste und auch jetzt aufgefordert war, mir jederzeit Hilfe zu holen.
Ich will ihnen eine Chance geben. Wirklich. Nehme die Placebos Pflanzenwirkstoffe und skille weiter. Zehn Minuten. Zwanzig. Und finde mich am Ende mit blutiger Rasierklinge, einem zu tiefen Schnitt am Bein, klappernden Zähnen und – endlich – heulend in der Dusche wieder. Schmerzen suche ich vergeblich. Genauso wie irgendwelche anderen Gefühle.
Ich ignoriere, dass es wohl eigentlich mehr als ein Pflaster bräuchte und beschließe, dass es ausreichen muss, es morgen professionell versorgen zu lassen.