Ausbaufähig

°Triggerwarnung°

Rosa und ich betrachten argwöhnisch die Zahlen auf der Waage – die wir natürlich entgegen der Klinikempfehlung jeden Morgen und nicht nur lächerliche zwei Mal die Woche betreten – und in der KalorienApp. Immerhin stehen nämlich auf ersterer eine doch nicht unerheblich höhere Zahl und in letzterer auch ~300 kcal mehr pro Tag als noch vor einem halben Jahr. Da haben sich die 5 1/2 Monate doch gelohnt.
Ich beruhige Rosa damit, dass Körper noch vor 9 Tagen schon deutlich mehr Brennwert nur aus dem immer gleichen Frühstück und Abendbrot ziehen konnte, ohne dass ich das Mittagessen mitgerechnet habe und das Defizit sich somit knapp um die Vierstelligkeit herum bewegen dürfte.
Apropos Bewegung, wirft Rosa ein. 3 Mal die Woche Sport. Dein Ernst?! Nein, eigentlich nicht. Trotzdem müssen ausgedehnte Spaziergänge an den restlichen vier Tagen erst einmal reichen. Rosa grummelt. Ich auch. Und Körper – aber nur an den Sporttagen. Und an denen, wenn wir ihn spazieren schleifen. Versteh ich garnicht.
Rosa und der Parasit haben derweil ihre Unstimmigkeiten zumindest vertagt. Mein Beitrag dazu ist wohl nicht unerheb-, aber unbeschreiblich – selbt hier. Austoben dürfen sich beide ein bisschen – Rosa etwas mehr, aber das verraten wir dem Parasiten nicht -, schließlich soll ja der neue Hausarzt auch noch was zu tun haben, wenn wir nächste Woche – dann auch mal wieder mit so richtiger ärztlicher Legitimation, dafür dann in eher nicht nennenswerter Mengen – Blut abgeben müssen für ein weiteres Labor.

Idio­syn­kra­sie

°Triggerwarnung°

Schatz schnarcht selig in meinen Nacken, während ich darüber nachdenke, dass mein letztes Blutbild keinen Eingang mehr in den Entlassbrief fand und der Herr Stationsarzt mich extra deswegen am Abend meines Abreisetages noch einmal anrief, um mir den als bedenklich einzustufenden Hb-Wert mitzuteilen. Und ich denke daran, wie der neue Hausarzt meinen Entlassbrief überfliegt, ebenjenen händisch von mir nachgetragenen Wert sowie auch die vorherigen auf Eisenmangel zurückführt und meinen Einwurf, dass es ziemlich eindeutig nicht daran liegt – zumindest nicht am ernährungsbedingten – genauso schnell übergeht wie die dort empfohlenen wöchentlichen Gewichtskontrollen. In den nun folgenden und kaum enden wollenden Assoziationsketten verliere ich mich gedanklich in Kontaktabbrüchen – und zwar jegliche, weil jeder am Ende nur Rosa bedroht – den Medikamenten, die ich nun nicht mehr in täglicher Einzeldosis bekomme, sondern in Mehrmonatsvorräten daheim habe und was ich damit alles anstellen könnte, in Rasierklingen, Blut und in Körper, der bitte schnellstmöglich wieder so fertig und kaputt aussehen soll, wie es im Innen nach wie vor ist. Anschließend fühle ich mich grauenvoll und verwirrt, weil ich 13² UrlaubsKliniktage einfach so anzünde, die Asche in eine Urne fülle und sie ins Regal stelle – zusammen mit all dem, was ich gelernt, erkannt und verstanden habe, aber schlichtweg nicht will.
Ich versuche zu verstehen, was seit meiner Ankunft daheim in meinem Kopf passiert und fühle mich multidimensional und inkonsistent, während im Außen sowieso nur ein verzerrtes Abbild dessen erscheint, was dunkel und wühlend darunter liegt.
Ich zähle die Tage bis zur angedachten Wiedereingliederung, Schritte, Schupfnudeln und sowieso auch alle Kalorien, die ich zu mir nehme. Ich könnte kaum verlorener sein.

Erebos

Der Versuch, unerklärliches zu erklären, kann schon angesichts der zugrunde liegenden Begriffsdefinition nichts anderes als scheitern. Also halte ich mich nicht näher damit auf, denke einfach Nichts und verliere mich – nur ein wenig, aber doch etwas zu viel – darin. Hoffend, dass die anstehende kontextuale Veränderung weniger einschneidend ist, als hiesige Unerklärbarkeiten.

Scheinwerfer

Irgendetwas ist gestern passiert. In meinem Kopf. Plötzlich war das Licht an. Nicht langsam wie ein Sonnenaufgang, so dass ich mich hätte vorbereiten können. Kein heller werdendes Grauschwarz, was erst Rot, dann Orange und anschließend strahlend Blau wird. Nein.

Hell. Von einem Moment auf den anderen, weil irgendetwas mit voller Wucht und ohne Vorwarnung auf den Schalter gehauen hat. Ich bin so geblendet, dass es mir Tränen in die Augen treibt, die seit Wochen staubtrocken und an tiefste Dunkelheit gewöhnt sind. Plötzlich bin ich wach. Und frage mich, was in den letzten 6-8 Wochen* passiert ist. Wie ich so eskalieren konnte. Warum ich ein ferngesteuerter, lieber ganz- als halbtoter Zombie in meinem ganz privaten Horrorfilm war, dessen Regie definitiv nicht bei mir lag.

Ich fühle mich derart klar, derart präsent, dass es mir unheimlich ist. Meine Hände fühlen sich nicht nur anders an, sie fühlen auch anders. Ein zartes Hallo entsteht in meinem Kopf.

* ein Schelm, wer dabei an den Einnahmestart des Antidepressivums denkt.

Parasit

°Triggerwarnung°

Etwas zerrt in mir. Reißt voll verzweifelter Gewalt an der Kette, die es halten soll. Es windet sich unter meiner Haut, in meinen Knochen und wühlt sich durch nassrote Gedärme. Drängt sie beiseite, martert mich und sich, weil es irgendetwas will. Die einzige Artikulation besteht aus verzweifeltem Aufheulen und einem seltsam sehnenden, mehr spür- als hörbaren Knurren. Tief. Voller Vorwurf und Lust. Und unendlich gequält.
Es zerreißt mich im Innen, minutiös, und schlägt scharfe Klauen in Empfindlichkeiten, Fangzähne in nackte NervenEnden. Es kämpft und gräbt sich durch Unbewusstes, getrieben von uralten Instinkten, die sich jeder Logik, jeder Beschreibung entziehen.
Ich bin verloren.

Visite. Blutbildbesprechung. Hämoglobin und Hämatokrit kratzen am Rande einer schweren Anämie.
Irgendwie kann ich mich rauswinden, aber mein Kopf packt umgehend seine Instant-Hüpfburg aus und schmeißt alle Gedanken, die er gerade so findet – und das sind echt viele – ungefragt dort rein.
Irgendetwas reitet mich nur Minuten später, eine kurze Mail mit der tatsächlichen Ursache an den Stationsarzt zu schreiben. Chefarzt und Frau Bezugseinzeltherapeutin werden informiert. Letztere treffe ich wenig später zum Einzel und ich sehe und höre ihr an, wie sehr sie mich nicht darauf ansprechen will, aber muss. Aber weil Frau Bezugseinzeltherapeutin Frau Bezugseinzeltherapeutin ist und nicht Herr Vertretungseinzeltherapeut, der mich zweifelsohne zerlegt hätte, winde ich mich erneut heraus und in großen Bögen um mich herum, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine weitere Diffusität, die kaum noch auffällt in all den konstruierten Gebilden um mich herum und die ich manchmal fast selbst glaube.

Schreikind

Krankengymnastik steht zwar in der Verordnung, aber passieren tut etwas anderes. Etwas ganz anderes*.
Als die Therapeutin, die ich am ehesten als
Urmutter oder Schamanin bezeichnen würde – und das ohne jede Esoterik, sondern im Sinne einer Heilerin – meine Narbe berührt, sprechen wir über Hinter- und Abgründe, den Impuls, an meinem Daumen zu nuckeln und dass ich ganz dringend meiner Mama ein paar Fragen stellen sollte.
Als ich den Raum verlasse, fühle ich dumpfen Druckschmerz auf frisch gestreichelten, vor langer Zeit aufgespreizten Rippen, Übelkeit, Kopfschmerz und Kurzatmigkeit. Meine Hände zittern.

Also stelle ich Fragen zu etwas, das ich für erzählt hielt, und erfahre Details, die bisher verschwiegen unerwähnt blieben.
Während ich die Sprachnachricht höre, spüre ich den drohenden Tsunami. Etwas zieht sich zurück, so dass Nervenenden blank und ungeschützt vor mir liegen. Ich höre das tiefe Grollen dessen, was auf mich zu rollt und weiß mit unabwendbarer Gewissheit, dass es mich zermalmen wird. Der Wind, den die Welle vor sich hertreibt, beißt in meinen Augen und lässt mich diffus panisch werden. Ich schließe die Augen in Erwartung des Unabwendbaren und finde mich plötzlich mit einem Hammer und einem inzwischen ziemlich leeren Sack Nägel wieder, von denen ich bereits einen Großteil in den Deckel Kiste geschlagen und darin nun auch den Tsunami versteckt habe.

Rational betrachtet ist das ein frühkindliches Trauma. Emotional betrachtet ist das mein frühkindliches Trauma. Unbetrachtet passt es ganz gut in die Kiste, auch wenn ein paar Enden noch rausgucken.

*Somatic-Movement-Therapie oder Somatic Experience, falls es jemanden interessiert