Drachentöter

Mehr durch Zufall als aus Absicht bin ich über sie gestolpert. Meine Träume, die schon lange tot und inzwischen nurnoch wenig erkennbar in einer Ecke vor sich hin verwesen. Es ist nicht mehr als eine Feststellung, dass sie dort liegen. Kein Bedauern, jedenfalls kaum. Ein dumpfes Erinnern vielleicht, an das, was sie mal waren, bevor sie zu einem Haufen Leichen wurden.

Siebenundreißig als neuer Negativrekord meines Pulses. Aber das nur am Rande, auch wenn ein kleiner Teil von mir sich fragt, ob ich es nicht vielleicht doch ein klitzeminikleines bisschen zu weit treibe. Der Sterben als reale Gefahr erkennt und es nicht als rein hypothetisches, niemals in den Bereich des überhaupt Möglichen kommendes Konstrukt abtut.

Beim Anblick der vor sich hin rottenden Traumreste zu meinen Füßen frage ich mich, was nun überhaupt noch als Motivation dienen könnte, mit Rosa die Bedingungen unserer Co-Existenz neu zu verhandeln. Mir fällt nichts ein.

Kopflos

Gestern und heute ist mein Puls mal nicht auf weniger als 45 gefallen – zumindest wäre es mir nicht aufgefallen. Rosa findet das bedenklich, aber mit den Extrasystolen, die dafür häufiger waren, ist sie dann doch fast zufrieden. Ihr erklärtes Ziel besteht darin, so lange weiter zu machen, bis nichts mehr geht. Krankenhaus, Sonde, wasweißich. So genau verrät sie mir das nicht.
In Ermangelung anderweitiger kurz- wie langfristiger Ziele, abgesehen von der als nächstes anstehenden Sport-, Schlaf- oder Essensroutine, nehme ich es hin. Und wenn ich dabei den Eindruck erwecke, also wolle ich gerade nichts dagegen tun, dann ist er richtig, dieser Eindruck. Denn ich weiß nicht, wofür ich es tun sollte. Oder mit welcher Energie.

Auch Schatz spricht von Therapeutensuche, als ich ihm einen Hauch oberflächlicher Gedanken von mir eröffne. Aber ich habe keine Lust. Weder auf die Suche, noch auf die Warterei oder die wöchentlichen Termine. Wie ich mich fühle, fragt er mich. Ich weiß es nicht, sage ich, und gebe ihm damit die Ehrlichste aller Antworten.

Bildungsfern

Konzentration. Ein Fremdwort. Bingewatching und gleichzeitig peripherer Handyexzess. Ich staple die unnützen Informationen in eine Ecke, nur damit ich stapeln kann und nicht denken muss. Oder fühlen. Gut, dass sich letzteres sowieso wie verlernt anfühlt. Ersteres auch. Ersteres aber nicht verlernt, sondern unmöglich, dank Dauerbeschäftigung mit Rosa, Sport, Essen, Nichtessen, Hungerhaben – und dank jeglichem Mangel an anderweitigen Interessen. Wäre zu anstrengend, außerdem.

Drei Wochen Urlaub. Tag 1.

Sollbruchstelle

Das Gespräch beim Arzt zu rekonstruieren fällt mir schwer. Ich weiß nur, dass 800g weniger auf der Waage stehen wie noch vor einer Woche, mein Puls viel zu oft bei gemessenen 43 und vielleicht ungemessen auch schon bei weniger war. Er redet von einem weiteren Kontroll-Termin nächste Woche und davon, dass ich mit kindlicher Neugier austesten könnte, wie ich die Kontrolle aufs Zunehmen ummünzen soll, wobei er irgendwie ratlos wirkt und stationär im Nebensatz erwähnt, was mich nur noch mehr in zwei Hälften zerreißt innerlich.

Frau Ernährungsberaterin wie auch Herrn Doktor nicke ich nur zustimmend zu, als es um die therapeutische Unterstützung geht, bei der ich dieses und jenes ansprechen soll. Dass ich dort alle vereinbarten Termine fürs neue Jahr abgesagt und keine neuen ausgemacht habe, lasse ich unter den Tisch fallen, zusammen mit meiner täglich stärker werdenden Therapiemüdigkeit.

Schatz sagt, er sorgt sich um mich. Fragt mich, wie er mir helfen kann. Herr Doktor fragt, wie Frau Ernährungsberaterin zuvor, worum es denn beim (Nicht-)Essen gehe.

Es geht um Kontrolle. Es geht um Sicherheit. Und um rein garnichts, was ich in Worte fassen könnte. Ich stehe nur vor einem Wust von Irgendwas und fühle mich ähnlich ratlos wie meine Umwelt. Ich weiß es. Nicht. Ich fühle es. Nicht. Ich denke es. Nicht. Ich spüre es. Nicht. Ich will es. Nicht.

Ich hasse es, dass ich mich selbst retten muss und das auch noch ganz genau weiß. Dass da kein Ritter kommt, und auch stationär nur eine Seifenblase ist, die im ersten Augenblick so verlockend hübsch aussieht, dann aber doch am Ende platzt und ich wieder auf dem Boden der Tatsachen lande – hart.

Schatz sagt, er will nicht, dass ich Hops gehe, und darin steckt in der als leicht und scherzend angedachten Tonlage so viel Angst, dass es mich fast zuschnürt. Ich gehe nicht Hops! sage ich zur Beruhigung im überzeugendsten aller mir möglichen Tonfälle – und denke, dass das so schlimm aber auch nicht wäre.