Fadenscheinig

Als ich aus der Klinik zurück war, habe ich angefangen, die Fäden wieder in die Hand zu nehmen. Langsam wollte ich es angehen, und strukturiert. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sie bei meiner Rückkehr nicht so ungeordnet und lose in der Luft hängen.
Die Struktur, das angestrebte Muster verlor ich schnell aus den Augen. Schwelbrände machten sich breit, und ich machte mich ans Löschen, statt auf die Suche nach den Funken. Und inzwischen fühle ich mich wie eine Mumie, weil ich mich in den unzähligen Fäden rudernd verheddert habe und den Boden nicht mehr berühre, während ich hier und da versenge.
Wie gerne würde ich eine Schere nehmen, all die Fäden abschneiden und nach meinem harten Aufprall auf dem Boden alles zusammen sammeln und in einen anderen Raum, einen anderen Verantwortungsbereich schmeißen, die Tür hinter mir zuknallen und wegrennen. Weit weg. Aber ich sehe die Schere nicht einmal mehr in dem ganzen Gewirr. Wenn ich irgendwo ziehe, bewegt sich plötzlich alles im Raum, und ein neuer Knoten entsteht. Funken geistern wie Irrlichter umher und treiben ihr Unwesen.
Die Erkenntnis, ziemlich selber Schuld an dem Chaos zu sein, tut fast so weh wie die Schlingen, die sich überall um meinen Körper gelegt haben und mich abschnüren.
Alle anderen sehen bloß den riesigen Knoten und schütteln den Kopf. Ich sehe nichtmal mehr mich selbst.

Zehrend

Ich bin so müde, dass es weh tut. Nicht unbedingt mir, aber anderen, die ich ich in der Luft zerreißen möchte, einfach nur, weil sie da sind. Und wach.
Ich weiß gar nicht genau, seit wann ich schlecht schlafe. Zwei Nächte sicher. Gefühlt hundert. Real immer die auf einen Arbeitstag und manchmal auch andere. So wie heute.
Mein Kopf schmerzt, so wie es mein Körper auf der weichen steinharten Matratze tat. Liegen tut weh. Sitzen tut weh. Aber hauptsache, ich habe die Kontrolle. °an der Stelle verdreht die ES mal gepflegt die Augen und schnaubt verächtlich°

Das macht so keinen Spaß. Wirklich nicht.

Hintergrundrauschen

Alles, was hängen bleibt, ist „noch nicht so schlimm„. Dass dieses Fragment aus dem Zusammenhang gerissen ist und der vollständigere Satz „…die wog nur noch 33 kg und alle Knochen standen ganz spitz raus. Bei dir ist das hoffentlich noch nicht so schlimm?“ eine zumindest etwas andere Aussage trifft als dieses Fragment, interessiert die ES nicht. Und sie ist raffiniert, weil sie alles, was an Gedanken und Gefühlen durch diese Worte passiert, außerhalb meines Zugriffs hält. Alles läuft mindestens eine Ebene tiefer ab, und lässt mich nicht schlafen.

Also frage ich mich stattdessen – weil ich ja eh wach und hundemüde im Bett rumliege – wie es weitergehen soll. Ich muss diese Ernährungsberatung machen. Ich habe keine Lust auf Frieren, einen im Sitzen und Liegen schmerzenden Körper, Haarausfall, Osteoporose und was sonst noch so an Folgen aus der ES resultieren kann. Das sagt mein Kopf. Das weiß mein Kopf. Aber meinem Gefühl ist der ganze Körperkram schlicht egal. Alles abstrakt, alles nicht meine Baustelle. Es geht nicht um meinen Körper, es geht um was anderes, und das hat Priorität. In einer Absolutheit, von der ich nicht weiß, wie ich sie umgehen und über mein Denken und Handeln mein Gefühl in die vermeintlich richtige Richtung lenken soll.

Ratio

Die ES prattet. Weil ich bei der Ernährungsberaterin war und doch tatsächlich daran denke, das Essstörungs-Programm dort zu machen – noch dazu, weil Mama zahlt und ich mir deswegen über die Kosten nicht den Kopf zerbrechen muss. Im Januar ginge es dann los, mit Terminen über etwa 3 Monate.
Du willst also echt zunehmen?!“ fragt mich die ES. Passiv-aggressiv kann sie.
Nein, eigentlich kann ich mir gerade kaum etwas weniger vorstellen. Mehr auf der Waage macht mir eine riesengroße Angst. Mehr auf meiner Kalorientagesbilanz macht mir eine riesengroße Angst. Nicht mehr den ganzen Tag an Essen denken macht mir eine riesengroße Angst.
Nicht mehr krank sein macht mir eine riesengroße Angst.

Reflektion

Du siehst scheiße aus, sagt er zu mir. Emotionslos, und nicht, um mich zu verletzen, sondern eine bloße Feststellung. Ich hätte ihn besser nicht fragen sollen, aber das habe ich, und nun habe ich eine Antwort, auch wenn sie mir nicht gefällt.
Dabei muss ich ihm Recht geben. Ich bin ja selbst geschockt erschrocken, als ich mich so sah. Jetzt weiß ich, warum ich auch auf weichen Möbeln in bestimmten Positionen kaum noch sitzen kann. Mein Hintern sieht aus wie der, den ich mir an einer unterernährten 80-jährigen vorstelle, und ich kann einen Finger zwischen meine Pobacken legen, die sich selbst angespannt nicht mehr berühren. Das ist nicht nur nicht schön, das ist hässlich.
Sieht so aus, als hätte ich die Wahl zwischen mich-angezogen-schön-dünn-und-dafür-mit-faltigem-Arsch oder nackt-nicht-allzu-unansehnlich-aber-angezogen-nicht-so-dünn-wie-ich-gern-wäre-und-sein-könnte zu fühlen. Da nehme ich wohl ich-frage-den-blöden-Spiegel-einfach-nicht-mehr-nackt-nach-seiner-Meinung. Und ziehe mich nie wieder vor meinem Mann aus.