Reflektion

Du siehst scheiße aus, sagt er zu mir. Emotionslos, und nicht, um mich zu verletzen, sondern eine bloße Feststellung. Ich hätte ihn besser nicht fragen sollen, aber das habe ich, und nun habe ich eine Antwort, auch wenn sie mir nicht gefällt.
Dabei muss ich ihm Recht geben. Ich bin ja selbst geschockt erschrocken, als ich mich so sah. Jetzt weiß ich, warum ich auch auf weichen Möbeln in bestimmten Positionen kaum noch sitzen kann. Mein Hintern sieht aus wie der, den ich mir an einer unterernährten 80-jährigen vorstelle, und ich kann einen Finger zwischen meine Pobacken legen, die sich selbst angespannt nicht mehr berühren. Das ist nicht nur nicht schön, das ist hässlich.
Sieht so aus, als hätte ich die Wahl zwischen mich-angezogen-schön-dünn-und-dafür-mit-faltigem-Arsch oder nackt-nicht-allzu-unansehnlich-aber-angezogen-nicht-so-dünn-wie-ich-gern-wäre-und-sein-könnte zu fühlen. Da nehme ich wohl ich-frage-den-blöden-Spiegel-einfach-nicht-mehr-nackt-nach-seiner-Meinung. Und ziehe mich nie wieder vor meinem Mann aus.

Über

IMG_3328_bea_x
Die erste Woche Alltag liegt hinter mir und neben dem Gefühl, mit meiner Überforderung überfordert zu sein, stellt sich auch die unerwartete Erkenntnis ein, dass eine 4-Tage-Woche nicht einfach nur nett gegenüber einer prä-Klinik-5-tägigen ist, sondern 3 Tage Wochenende (gerade?) einfach (noch?) notwendig sind. Und beides fühlt sich garnicht so schön an, erst recht nicht an einem grauen Novembertag, auch wenn sich dieser gerade von seiner gemütlichen Seite mit warmem Tee, einer Decke und einem Sofa zeigt.

Für die Überforderung mit der Überforderung fällt mir keine schicke Umschreibung oder ein Kunstwort ein, leider. Die Anforderungen in der Arbeit sind hoch, und in 4 Tagen mit einem immer noch anhaltenden Informationsdefizit nur schwer bis garnicht zu schaffen. Mein Ich-leiste-also-bin-ich-Teil hält natürlich nichts vom Delegieren, also rudere ich alleine, obwohl Angebote im Raum schweben, dass andere etwas übernehmen würden. Ja, auch ich sehe den Fehler. *PunktaufderbessermachenListe*
Wahrscheinlich resultiert genau aus diesem Umstand der, dass ein langes Wochenende echt nötig ist gerade, um wieder runterzufahren.

Und ganz nebenbei ist da ja auch noch die ES, der es ganzhervorragend geht und die einen Großteil meiner Gedankenkapazitäten einnimmt, wenn diese gerade mal nicht mir der Arbeit ausgelastet sind. So haben wir fast 24 Stunden mit der Diskussion verbracht, ob ich an meinem sportfreien Samstag doch ins Studio fahre, weil ich gestern nicht wie freitags üblich dort auf der Waage war um zu sehen, dass ich auch nicht nur gefühlt weiter abgenommen habe und ob ich heute Flammkuchen selber machen und essen darf. Auf beides lautet die Antwort Nein, was ich mal als ganz blauäugig alsTeilsieg verbuche – und dann halt morgen auf die Waage steige.

Mindf*ck

Möglicherweise hatte Schwarz genau das im Sinn, als sie mich gesternabend nach einer ätzenden Nacht und einem noch viel ätzenderen Tag wieder mal zum Alkohol greifen lässt. Viel Alkohol. Der erst meinen Kopf angenehm ausschaltet, aber dann die Mauer, die ich so sorgfältig um meine Gefühle gebaut habe, erst bröckeln und schließlich unter viel Lärm und Staub in sich zusammenstürzen lässt.

Plötzlich kann Schwarz all das rauslassen, was ich sonst so sorgsam kontrolliert wegsperre. Und sie lässt viel raus. So sitze ich dort auf der Terrasse mit Schatz und heule, weil Schwarz so sehr nicht mehr kann und sich einen Hauch Beachtung wünscht. Sage Dinge, die ich nüchtern nie ausgesprochen hätte und lasse zu, dass Schwarz sogar erwähnt, dass mein Hausarzt noch Sprechstunde hätte und es nicht das schlechteste wäre, genau jetzt zu ihm zu fahren, weil ich genau weiß, dass Nüchtern und am nächsten Tag Schwarz wieder weggesperrt sein wird.

Ich lasse Schatz mich lenken, und als ich mich im Wartezimmer wiederfinde und die Woge des Alkohols nachzulassen scheint, frage ich mich, was ich eigentlich hier tue. Außer mich anstellen und so.
Der Weg ins Sprechzimmer und die frische Luft der offenen Balkontür spülen eine neue, heftige Welle Rausch über mich hinweg, und Schwarz weiß genau, was sie hier tut. In meinem Kopf steht ein minutenlanger Monolog bereit, der beschreibt, wie es Schwarz so geht. Aber als der Arzt vor mir sitzt, sind da plötzlich nur noch Bruchstücke, und genau so fallen auch meine Worte aus. Bruchstücke, aus denen man mehr Verzweiflung heraushört, als ich es mir selbst zu fühlen gestatte.

Viel ist nicht rekonstruierbar aus dem Gespräch. Ich soll mich um einen psychosomatischen Klinikaufenthalt bemühen, soll mich nochmal melden am Ende der Woche, ggf. auch wegen Medis zum Schlafen. Ich bin die nächsten zwei Wochen krankgeschrieben.

Die Nacht war kurz. Die Mauer um meine Gefühle steht noch nicht wieder. Und da ist das schlechte Gewissen, weil es gerade jetzt in der Arbeit so viel wichtiges für mich zu tun gäbe und viele Gedanken an das, was ich an fachlichen Dingen noch meinem Chef schreiben muss möchte.
Ganz viel Sortierarbeit liegt vor mir, und die Aufgabe, mich mit dem Thema Klinik zu beschäftigen, was mir ebenso viel Angst wie Hoffnung macht.

Glaskugeltage

Ich habe Geburtstag, dieser Tage.
Ich habe frei, aber nicht gut geschlafen, wie die letzten Nächte schon. Unruhig, irgendwie. Ich bin lange vorm Wecker wach, der eingeschaltet ist, weil Schatz und ich einen Ausflug geplant haben. Aufstehen, anziehen, Kaffee, losfahren.
Die Sonne scheint, und der Himmel ist so blau, wie er es nur im Winter ist. Dazu ferne hohe Wolken, die im morgendlichen Licht beige und rosa und lila über der schneebedeckten Landschaft schweben.
Nichts davon erreicht mich. Selbst, als ich laut ausspreche, wie schön das aussieht, spüre ich nichts dabei. Mein Geist ist gefangen in einer Glaskugel, so dass meine Gedanken gegen die Wände prallen und durcheinander sind.
Auch unser Ziel – fotografisch mehr als lohnenswert – weckt keine Vorfreude. Natürlich würde ich die Frage, ob ich mich darauf freue, mit Ja beantworten, aber eigentlich ist da nichts. Kein Gefühl.
Als ich die Kamera in die Hände nehme, verschwindet die Glaskugel. Kurz wünsche ich sie zurück, weil es viel zu voll ist, für meinen Geschmack, aber dank der Linse schaffe ich es, bei mir zu bleiben und sogar so etwas wie Spaß daran zu haben.

Gläsern

Direkt unter meiner Haut, die jeden Tag dünner wird, bin ich aus Glas und von tausend Sprüngen durchzogen. Nicht nur, weil ich mich gerade erst wieder einigermaßen funktional zusammengesetzt hatte, sondern weil der Druck langsam in bedrohliche Höhen steigt. Jeden Tag höre ich es knirschen, wenn ein neuer Riss entsteht. Jeden Tag versuche ich, durch Anspannung und innere Kontrolle dagegen zu halten. Und jeden Tag wird es schwieriger.

Eine Woche noch. Heute in einer Woche ist dieser so wichtige Termin, an dem sich unser weiteres Schicksal entscheidet. Ich könnte schreien und heulen, weil immer mehr der hypotetischen Gefühle in mir toben. Aber ich weiß, wenn ich jetzt nachgebe – und wenn es nur ein klitzekleines bisschen ist – werde ich bersten. In millionen Splitter zerspringen, von denen mich mehr als einer schwer verletzen könnte wird. Ein Scherbenhaufen, den ich nicht binnen einer Woche wieder zusammensetzen kann.

Also gebe ich nicht nach. Und lasse die Angst Gewissheit, dass ich – egal, wie es ausgeht – nächsten Mittwoch implodiere, unbeachtet.