Signalstärke

Ich komme nicht umhin, so etwas wie stille Bewunderung zu empfinden für die Körper der richtig Magersüchtigen.
Mein Körper hat heute das Schutzglas vor dem Not-Aus-Schalter mit dem Ellbogen zerschmettert, den Finger auf den Knopf gelegt und starrt mich wütend an. Weder er noch ich blinzeln.

Ich sitze in der Arbeit. An- und abschwellende Kopfschmerzen gesellen sich zu diffusem Schwindel und durchdringender Nervosität, die ich nicht verorten kann. Ich taste nach meinem Puls in der Erwartung, dass er zu schnell ist, dabei ist das Gegenteil der Fall. Deutlich unter 50 – sonst liege ich immer bei um die 70+. Ein Zustand, der mich am Ende dazu bringt, schon mittags Feierabend zu machen, weil ich in seinen Augen sehe, dass mein Körper ernsthaft in Betracht zieht, den Knopf zu drücken.

In den letzten drei Wochen kann ich dem körperlichen Abbau wie im Zeitraffer zuschauen. Bleierne Erschöpfung, die mich immer dann ereilt, wenn ich Leerlauf habe. So kalte Füße, dass ich meine, sie sterben gleich ab und die auch an der auf 5 stehenden Heizung nicht nachhaltig warm werden. Büschelweise Haarausfall. Schmerzen in jeglichen Sitz- oder Liegepositionen. Und ich bilde mir nicht nur ein, Lanugobehaarung zu entwickeln. Ganz zu schweigen vom bereits monatelangen Ausbleiben meiner Menstruation.

Also passt es irgendwie, dass ich heuteabend einen Termin bei meiner Ernährungsberaterin habe und wir mit dem Programm beginnen. Vor nichts habe ich gerade mehr Angst. In nichts setze ich gerade mehr Hoffnung.

Fadenscheinig

Als ich aus der Klinik zurück war, habe ich angefangen, die Fäden wieder in die Hand zu nehmen. Langsam wollte ich es angehen, und strukturiert. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sie bei meiner Rückkehr nicht so ungeordnet und lose in der Luft hängen.
Die Struktur, das angestrebte Muster verlor ich schnell aus den Augen. Schwelbrände machten sich breit, und ich machte mich ans Löschen, statt auf die Suche nach den Funken. Und inzwischen fühle ich mich wie eine Mumie, weil ich mich in den unzähligen Fäden rudernd verheddert habe und den Boden nicht mehr berühre, während ich hier und da versenge.
Wie gerne würde ich eine Schere nehmen, all die Fäden abschneiden und nach meinem harten Aufprall auf dem Boden alles zusammen sammeln und in einen anderen Raum, einen anderen Verantwortungsbereich schmeißen, die Tür hinter mir zuknallen und wegrennen. Weit weg. Aber ich sehe die Schere nicht einmal mehr in dem ganzen Gewirr. Wenn ich irgendwo ziehe, bewegt sich plötzlich alles im Raum, und ein neuer Knoten entsteht. Funken geistern wie Irrlichter umher und treiben ihr Unwesen.
Die Erkenntnis, ziemlich selber Schuld an dem Chaos zu sein, tut fast so weh wie die Schlingen, die sich überall um meinen Körper gelegt haben und mich abschnüren.
Alle anderen sehen bloß den riesigen Knoten und schütteln den Kopf. Ich sehe nichtmal mehr mich selbst.

Retrospektive

Nein, ich ziehe keine Bilanz des vergangenen Jahres. Stattdessen frage ich mich, wie es mit der Retrospektive im Hinterkopf im kommenden Jahr weitergehen soll. Und so richtig weiß ich das gerade nicht. In der Klinik haben sie mal gesagt, Verwirrung sei gut, weil sie ein Zeichen dafür sei, dass sich etwas im Gehirn neu organisiert. Es könnte dann mal fertig werden und mir seinen Plan präsentieren, bitte.

Heute habe ich eine Mail an die Ernährungsberaterin geschrieben und ihr zugesagt. Erstaunlicherweise fühlt sich das gerade okay an – stattdessen stoße ich auf massive innere Widerstände, was die Wiederaufnahme einer jetzt dann tiefenpsychologischen Therapie angeht. Ich habe (gerade?) keine Lust, in mir herumzuwühlen und innere Kinder an sichere Orte zu verpflanzen. Auch wenn mir bewusst ist, dass es irgendwie blödsinnig ist, an meinem Essverhalten arbeiten zu wollen, wenn der Rest brach liegt. Aber ich mag nicht. Echt nicht. Das ist mir zu viel, jede Woche im Januar hat mit die Thera einen Termin gegeben, was an sich toll ist, weil es ja erstmal nur Sprechtstunden sind, aber ich will Sport machen und arbeiten muss ich auch und zur Ernährungsberatung gehen und auch noch Zeit für mich finden in der ich dann nichts mit mir anzufangen weiß.
Tatsächlich könnte ich gerade Weinen, wenn ich zu sehr daran denke, dort hinzugehen. Nur muss das Schatz noch beigebracht werden.

 

Ratio

Die ES prattet. Weil ich bei der Ernährungsberaterin war und doch tatsächlich daran denke, das Essstörungs-Programm dort zu machen – noch dazu, weil Mama zahlt und ich mir deswegen über die Kosten nicht den Kopf zerbrechen muss. Im Januar ginge es dann los, mit Terminen über etwa 3 Monate.
Du willst also echt zunehmen?!“ fragt mich die ES. Passiv-aggressiv kann sie.
Nein, eigentlich kann ich mir gerade kaum etwas weniger vorstellen. Mehr auf der Waage macht mir eine riesengroße Angst. Mehr auf meiner Kalorientagesbilanz macht mir eine riesengroße Angst. Nicht mehr den ganzen Tag an Essen denken macht mir eine riesengroße Angst.
Nicht mehr krank sein macht mir eine riesengroße Angst.