Zerstreut

Dinge, die dringend gedacht werden wollen, geistern durch meinen Kopf. Aber ich denke sie nicht. Ich ignoriere sie, weil ich keine Zeit habe, so dass sie zerfallen und die einzelnen Buchstaben lose umherliegen und keinen Sinn ergeben, wenn ich hinsehe. Der Berg an Buchstabendurcheinander wird immer höher, und ab und zu lösen sich kleine Lawinen und rollen über mich hinweg.

Und wenn ich dann denke, da war doch was, was gedacht werden wollte – jetzt hätte ich Zeit, ist da nur Buchstabensalat, der sich am Boden festgetreten hat. Und meine Konzentration sagt zu mir, dass sie jetzt aber sowas von keine Lust hat, das alles zu sortieren und zu etwas sinnvollem zum Denken zusammenzubasteln. Also lässt sie es, während ich Salat denke und wieder einmal hoffe, dass der Tag bald ein Ende hat.

Verschwiegen

Wenn ich es genau betrachte, liegt hier eine ganze Menge Zeug rum, was dringend aufgeräumt werden müsste. Altes, nicht so altes und neues Zeug stapelt vor sich hin und setzt Staub und Spinnweben an, während es im Weg rumsteht.

Aber ich betrachte es nicht genau. Ich stehe auf einer Stelle, kneife die Augen zusammen, bewege mich nicht und ignoriere das, was da um mich herum und vor sich hin liegt und staubt. Wenigstens kann ich so nicht umfallen.

Vielleicht.

Fragen

Es ist kein Sein. Kein Denken, kein Fühlen. Es ist ein Aushalten und hoffen, dass heute bald vorbei ist und ich meinen Lieblingsmenschen nicht ausversehen zerfetze, weil er mich zu lieben versucht.

Als ich mich für die Klinik entschied, hatte ich erwartet, dass es mir tags darauf Bombe geht und ich mich die nächsten Wochen täglich frage, was ich dort dann eigentlich soll. Aber statt Erwartungen zu erfüllen ist mein Kopf in einer seltsam abwartenden Statik gefangen, die nur noch wenig mit Leben zu tun hat. Es ist ein Reagieren und dreht sich um die reine Funktionserhaltung, hat aber große Ähnlichkeit mit Nichts.

Jetzt.

Vielleicht habe ich mir nun mein eigenes Grab geschaufelt.
Eine anstrengende, kurze, chaotische, viel zu lange Woche liegt hinter mir. Ich werde im September in eine Klinik gehen. Und das habe ich nun allen gesagt. Meinem Chef. Meinem Kollegen. Meinem Team. Und ausnahmslos alle stehen hinter mir. Denn alle (mit Ausnahme meines Chefs, aber das ist eine andere Geschichte – er ist Vulkanier, muss man wissen) machen sich Sorgen um mich. Und ich weiß nicht, ob ich das geil oder beängstigend finden soll.

Ich dachte, ich fühle mich freier danach. Defragmentierter. Ein bisschen ist das vielleicht so, aber weniger, als erwartet. Viel weniger. Aber fühlen ist ja eh so eine Sache. Der Schatten eines Gefühls, vielleicht, den ich fühle. Immerhin, es schattenfühlt sich nicht falsch an. Ist ja schonmal was.

Jetzt, wo es feststeht, wird mir langsam klar, wie fertig ich bin. Und ich weiß noch nicht, wie ich die 3 Wochen bis zum Urlaub schaffen soll, wenn mich 4 Arbeitstage schon so schlauchen. An die Wochen danach mag ich noch garnicht denken.

Nie genug

°Triggerwahrnung°

Meine Mama schreibt.

Hast du schon was von der Klinik gehört?
Nein.
Aber deinen Chef kannst du doch am Montag dann trotzdem vorbereiten, dass das kommt.
Das mag ich erst machen, wenn ich was genaues weiß. Nicht dass die sagen, ich passe nicht ins Konzept, bin nicht krank genug oder hab die falsche Nase…
Ja stimmt.
Und sie wechselt das Thema.

Ich weiß nicht, warum ich es immer wieder versuche. Bestätigung von ihr zu bekommen, dass sie mich versteht, mich ernstnimmt. Mich aufbaut, mir Mut macht und relativiert, was ich schreibe. Schwarz stürzt sich natürlich darauf. Ich bin nicht krank genug!
Seit sie mir das schrieb, will ich mich betrinken und schneiden. Tief. Und ihr Bilder davon schicken und sie anschreien, ob es jetzt vielleicht ausreicht? Ob ich jetzt krank genug bin? Rot hat sich mit Schwarz zusammengetan und beide überfluten mich mit unendlich viel Wut, die nirgends hin kann. In meinem Kopf schmeiße ich sämtliches Geschirr an die Wand und brüllte, bis ich heiser bin. Kopfweh und Schwindel melden sich.
Ich antworte. Auf den Themenwechsel.

Der einzig mögliche Zeitpunkt

Mein Gewissen schreit fragt mich ja pausenlos, wer eigentlich die idiotische Idee hatte, ausgerechnet jetzt blauzumachen krank zu sein. In der Hochphase in der Arbeit. Schwarz übrigens, aber das nur am Rande. Die sich zur Zeit erstaunlich bedeckt hält.
Mir ist klar geworden, dass es der einzig mögliche Zeitpunkt überhaupt war für den Zusammenbruch. Ja, es ist megaviel zu tun. Aber wenn ich nun weiter arbeiten gegangen wäre, dann hätte ich in einigen Wochen wohl gedacht, dass ich jetzt auch nicht zusammenbrechen brauche, schließlich war ja vor einigen Wochen viel mehr zu tun.

Ich habe Angst vor der anstehenden Arbeitswoche. Weil ich keine Ahnung habe, was ich erzählen oder wie ich reagieren soll, wenn ich auf das Kranksein angesprochen werde. Ich weiß, ich müsste niemandem auch nur irgendwas darüber sagen, aber wie sagt man, dass man nichts sagen möchte und später dann aber sagen muss sollte, dass man vielleicht, eventuell, voraussichtlich, hoffentlich einige Wochen stationär gehen wird?

Ich mag nicht.