Tribut

Ich will mich nicht bewegen, bitte. Ich will nicht aufstehen, nicht wach sein. Auch wenn Schlafen derzeit ist, als würde ich ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein kleben, ist es immer noch besser, als mich so unendlich erschöpft zu fühlen.
Aber ich stehe auf und sitze nun mit einem inzwischen leeren Kaffeebecher, der seinen Job nicht besonders gut gemacht hat, auf dem Sofa. Ich könnte heulen bei dem Gedanken daran, auch nur 3 Schritte gehen zu müssen und wünsche mir, mein Körper würde einfach den Notschalter drücken und mich ausknipsen. Aber er tut es nicht, und so ich werde trotzdem nachher meiner üblichen Samstagsroutine aus Bad putzen, Staubsaugen und Einkaufen fahren nachgehen, weil alles andere undenkbar wäre.

Nicht, dass ich es währenddessen bemerkt hätte, aber jetzt weiß ich, dass ich diese Woche in der Arbeit mehr als nur übertrieben habe und auch, dass meine Kalorienbilanz irgendwie im Vergleich zu den letzten Wochen nochmal nach unten gesackt ist.

Mein Akku, meine Körperspeicher sind sowas von leer…

Fadenscheinig

Als ich aus der Klinik zurück war, habe ich angefangen, die Fäden wieder in die Hand zu nehmen. Langsam wollte ich es angehen, und strukturiert. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sie bei meiner Rückkehr nicht so ungeordnet und lose in der Luft hängen.
Die Struktur, das angestrebte Muster verlor ich schnell aus den Augen. Schwelbrände machten sich breit, und ich machte mich ans Löschen, statt auf die Suche nach den Funken. Und inzwischen fühle ich mich wie eine Mumie, weil ich mich in den unzähligen Fäden rudernd verheddert habe und den Boden nicht mehr berühre, während ich hier und da versenge.
Wie gerne würde ich eine Schere nehmen, all die Fäden abschneiden und nach meinem harten Aufprall auf dem Boden alles zusammen sammeln und in einen anderen Raum, einen anderen Verantwortungsbereich schmeißen, die Tür hinter mir zuknallen und wegrennen. Weit weg. Aber ich sehe die Schere nicht einmal mehr in dem ganzen Gewirr. Wenn ich irgendwo ziehe, bewegt sich plötzlich alles im Raum, und ein neuer Knoten entsteht. Funken geistern wie Irrlichter umher und treiben ihr Unwesen.
Die Erkenntnis, ziemlich selber Schuld an dem Chaos zu sein, tut fast so weh wie die Schlingen, die sich überall um meinen Körper gelegt haben und mich abschnüren.
Alle anderen sehen bloß den riesigen Knoten und schütteln den Kopf. Ich sehe nichtmal mehr mich selbst.

Retrospektive

Nein, ich ziehe keine Bilanz des vergangenen Jahres. Stattdessen frage ich mich, wie es mit der Retrospektive im Hinterkopf im kommenden Jahr weitergehen soll. Und so richtig weiß ich das gerade nicht. In der Klinik haben sie mal gesagt, Verwirrung sei gut, weil sie ein Zeichen dafür sei, dass sich etwas im Gehirn neu organisiert. Es könnte dann mal fertig werden und mir seinen Plan präsentieren, bitte.

Heute habe ich eine Mail an die Ernährungsberaterin geschrieben und ihr zugesagt. Erstaunlicherweise fühlt sich das gerade okay an – stattdessen stoße ich auf massive innere Widerstände, was die Wiederaufnahme einer jetzt dann tiefenpsychologischen Therapie angeht. Ich habe (gerade?) keine Lust, in mir herumzuwühlen und innere Kinder an sichere Orte zu verpflanzen. Auch wenn mir bewusst ist, dass es irgendwie blödsinnig ist, an meinem Essverhalten arbeiten zu wollen, wenn der Rest brach liegt. Aber ich mag nicht. Echt nicht. Das ist mir zu viel, jede Woche im Januar hat mit die Thera einen Termin gegeben, was an sich toll ist, weil es ja erstmal nur Sprechtstunden sind, aber ich will Sport machen und arbeiten muss ich auch und zur Ernährungsberatung gehen und auch noch Zeit für mich finden in der ich dann nichts mit mir anzufangen weiß.
Tatsächlich könnte ich gerade Weinen, wenn ich zu sehr daran denke, dort hinzugehen. Nur muss das Schatz noch beigebracht werden.

 

Zehrend

Ich bin so müde, dass es weh tut. Nicht unbedingt mir, aber anderen, die ich ich in der Luft zerreißen möchte, einfach nur, weil sie da sind. Und wach.
Ich weiß gar nicht genau, seit wann ich schlecht schlafe. Zwei Nächte sicher. Gefühlt hundert. Real immer die auf einen Arbeitstag und manchmal auch andere. So wie heute.
Mein Kopf schmerzt, so wie es mein Körper auf der weichen steinharten Matratze tat. Liegen tut weh. Sitzen tut weh. Aber hauptsache, ich habe die Kontrolle. °an der Stelle verdreht die ES mal gepflegt die Augen und schnaubt verächtlich°

Das macht so keinen Spaß. Wirklich nicht.

Hintergrundrauschen

Alles, was hängen bleibt, ist „noch nicht so schlimm„. Dass dieses Fragment aus dem Zusammenhang gerissen ist und der vollständigere Satz „…die wog nur noch 33 kg und alle Knochen standen ganz spitz raus. Bei dir ist das hoffentlich noch nicht so schlimm?“ eine zumindest etwas andere Aussage trifft als dieses Fragment, interessiert die ES nicht. Und sie ist raffiniert, weil sie alles, was an Gedanken und Gefühlen durch diese Worte passiert, außerhalb meines Zugriffs hält. Alles läuft mindestens eine Ebene tiefer ab, und lässt mich nicht schlafen.

Also frage ich mich stattdessen – weil ich ja eh wach und hundemüde im Bett rumliege – wie es weitergehen soll. Ich muss diese Ernährungsberatung machen. Ich habe keine Lust auf Frieren, einen im Sitzen und Liegen schmerzenden Körper, Haarausfall, Osteoporose und was sonst noch so an Folgen aus der ES resultieren kann. Das sagt mein Kopf. Das weiß mein Kopf. Aber meinem Gefühl ist der ganze Körperkram schlicht egal. Alles abstrakt, alles nicht meine Baustelle. Es geht nicht um meinen Körper, es geht um was anderes, und das hat Priorität. In einer Absolutheit, von der ich nicht weiß, wie ich sie umgehen und über mein Denken und Handeln mein Gefühl in die vermeintlich richtige Richtung lenken soll.