Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.

Unwichtig

Aus der Ferne könnte man es glatt mit Arbeitseifer und Verantwortungsbewusstsein verwechseln, dass ich mich für heute, an meinem regulär freien Freitag, dazu bereit erklärt habe, ab Mittag für ein paar Stunden zu arbeiten. Gestern hielt ich es selbst dafür.
Heute dagegen weiß ich, dass es aus der Nähe betrachtet wieder nur zum bekannten Schema passt. Mögt mich! Findet mich toll! Alle, bitte. Dann muss ich mir selbst nicht die Arbeit damit machen.

Salat

Feierabend. Oder auch Leere. Es ist Mittwoch, und somit einer der zwei Tage pro der Woche, an denen ich keinen Sport mache. Also sitze ich mit Schatz auf der Terrasse und weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann mich nicht erinnern, was ich letzten Mittwoch getan habe. Oder am Mittwoch davor. Irgendwas halt. So wie ich die Tage immer mit irgendwas fülle, damit sie vorbeigehen und ich ins Bett kann.
Rosa wirft ein, dass wir ja doch noch Sport machen könnten, aber der Körper mag nicht. Gut, daß mochte er gestern auch nicht, aber heute sagt der Kalender, dass er nicht mögen darf. Also mag ich auch nicht, und es hat nicht das geringste mit Rücksichtnahme zu tun.
Dafür darf Rosa sich nun an der Planung des Abendessens austoben – natürlich hätte sie das aber auch mit Sport gedurft. Gemeinsam überlegen wir, wie wir aus der Nummer mit der Tütensuppe unauffällig wieder rauskommen. An die musste ich die Tage mal denken, und weil Schatz heute eine Pizza möchte, dachte ich, könnte ich die ja dann heute essen, weil ich Bock drauf hätte. Sagte ich. Vor dem Kaloriencheck, der mal so garnicht in die Planung passt. Aber Schatz will auch die Gefriertruhe morgen abtauen, also muss vielleicht noch eingefrorenes Gemüse weg, aus dem sich eine Suppe stricken lässt. Rosa hofft. Ich auch.

Vorschuss

Der Körper macht Sport. Ich habe ihm bloß die Geräte und die Hanteln hergerichtet, den Rest kann er selber. Automatisch. Ich schaue ihm von innen dabei zu und beschäftige mich hauptsächlich mit denken.
Zwischendurch frage ich mich, ob ich gerade wirklich Sport mache, weil ich kaum weiter entfernt von einem Gefühl für den Körper sein könnte, der pflichtbewusst seiner übertragenen Aufgabe nachkommt. Alles geht erstaunlich leicht, ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Weil er seit vorgestern nicht mehr richtig Luft bekommt – was vorher nur phasenweise auftrat, ist seither Dauerzustand, als würde ein Betonklotz auf meinem Brustkorb liegen.

Langsam – ganz langsam – dämmert mir nicht nur rational, sondern auch auf tieferliegenden, gefühlsdominierten Ebenen, dass wir vielleicht doch wieder mal mit- statt gegeneinander arbeiten sollten, Körper und ich. Weil, es rettet mich keiner. Und das Ende auf Raten fängt an, unlustig zu werden. Nicht so, dass es Angst macht, aber irgendwo ganz tief innen wird scheinbar doch so etwas wie ein Überlebenswille aktiviert.
Ich gebe mir Mühe, darauf zu vertrauen, dass es schnell genug dämmert, ohne es erzwingen (lassen) zu müssen und doch noch so etwas wie ein gesunder Körperinstinkt vorhanden und kein hinterlistiger Schachzug von Rosa ist.

Körperlos

Weil ich nicht möchte, dass sich meine in letzter Zeit nur noch selten getragene Jeans wegen mir schlecht und ungeliebt fühlt, entscheide ich mich für eine der Beiden, die mir noch passen. Wir wollen ins Gartencenter und den Wochenendeinkauf erledigen – nach wie vor mein Highlight der Woche, da ich wegen Homeoffice und festbetonierten Tagesroutinen ansonsten ausschließlich Zuhause bin und je nach Kontext nur die eine Jogging-, Sport- oder Cargohose trage.
Oh. Ich stocke gedanklich, als ich feststelle, dass eben jene Skinnyjeans nicht mehr so skinny ist, wie sie noch vor einigen Wochen war, als ich sie das letzte Mal anhatte. Unschlüssig stehe ich vorm Spiegel, aber schöner wirds nicht. Auch wenn ich die Gefühle meiner Jeans wirklich nicht verletzen möchte, das geht so nicht. Also doch die Cargohose mit Gummizug und Bändchen zum Zuknoten. Die ist zwar noch weiter, aber wenigstens sieht es ein bisschen nach Absicht aus.

Auf dem Weg zum Einkaufen machen wir einen Zwischenstopp am See. Schatz macht ein Bild von mir und ich denke, dass mein Kopf viel zu groß auf meinem Körper sitzt, der mir so furchtbar fremd geworden ist. Den ich beim Sport in der Garage in der spiegelnden Autoscheibe beobachte, wie er Übung um Übung ausführt und es seltsam finde, wenn ich doch mal meine Muskeln dabei spüre, während die Frau im Spiegel trainiert. Und wenn ich das spüre, konzentriere ich mich schnell wieder auf das Bild vor mir, weil dort noch einiges mehr in dem Körper zu spüren wäre, was mir nicht gefällt. Extrasystolen, Schwindel, Erschöpfung – solche Sachen halt.

Während sich extern einfach alles um den Körper zu drehen scheint, habe ich intern einfach mal so garnichts (mehr) damit zu tun. Ich müsste nicht einmal mehr – weder optisch, noch gefühlt – abnehmen, eher ganz vielleicht sogar ein miniwinzigkleinesbisschen im Gegenteil – wenn nur diese abstrakte und genauso wenig zu mir gehörende Zahl auf der Waage weiter sänke und die Kontrolle fortbestünde.

Der Versuch, all jenes zu verstehen, scheitert wie jedes Mal. Doch manchmal wird ein Drängen spürbar, etwas zu unternehmen, bevor mir die Kontrolle entzogen wird. Selbst anzuerkennen, dass es genau jetzt genug ist, und es besser anders werden darf, ohne externen Druck oder gar Zwang Bestätigung.

Neonschwarz

„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“

Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.

Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.