Inkohärent

Mein Kopf summt. Ich habe länger geschlafen als sonst, und es fällt wohl unter zu lang, was mitunter genauso doof ist wie zu kurz. Vorteil aber wird sein, dass zwischen Kaffeefrühstück und Sport – Körper verdreht die Augen bei dem Gedanken und verweist auf ein mehr als unangenehmes Erschöpfungsgefühl, welches ich aber ignoriere – etwas weniger Zeit liegt als sonst und ich es vielleicht schaffe, ohne knurrenden Magen zu trainieren, bevor es dann später das richtige Frühstück gibt.

Gesternabend betrachtete ich mich länger und etwas intensiver als sonst im Badspiegel. Und fand beim genaueren Hinsehen einen Haufen grauer Haare. Bisher waren die so rar gesäht, dass Schatz sie mir – weil sie ihm eher aufgefallen sind als mir – ausgezupft hat. Etwas, das bisher auch in Summe nur in einstelligen Anzahl vorkam. Jetzt aber sind es viele. Es stört mich nicht im Sinne der Ästhetik, ich finds eher cool. Aber es korreliert nicht mit meinem Selbstbild, weil die 36 Jahre, die in meinem Ausweis stehen, sehr viel Ähnlichkeit mit dem Juli im Kalender 2020 haben – beides ist mental noch nicht angekommen, es ist März (vielleicht Anfang April) und ich hänge irgendwo in den eher frühen 20ern.

Dämmerung

Es ist 3 Uhr früh, als ich aufwache und weiß, dass ich nicht mehr einschlafen werde, obwohl ich noch sterbensmüde bin. Aber Rosa tippt mir penetrant auf die Schulter, mit großen fragenden Augen, und verlangt, dass wir nun endlich den Restaurantbesuch von gesternabend mal genauer beleuchten. Also stehe ich auf, tappe im Dunkeln zum Sofa und versuche mit müden Augen, den Anzeigen auf meinem Handydisplay einen Sinn abzugewinnen.
Als ich fertig damit bin, die Mengen grob zu schätzen, schaut Rosa entsetzt bis fassungslos zwischen der Kalorienbilanz und mir hin und her. Kopfschüttelnd steckt sie sich die Finger in die Ohren und singt schief, als ich den Versuch starte, ihr logisch zu erklären, dass es trotzdem noch im Defizit gewesen sein wird und wir nicht zunehmen werden. Stattdessen murmelt sie du spinnst und ganze Woche im Arsch. Ich frage, ob ich jetzt noch ein bisschen weiterschlafen darf, aber sie bockt und redet nicht mehr mit mir. Immerhin hat sie aber zu singen aufgehört und beäugt immerhin meinen heutigen Tagesplan nicht allzu ablehnend – ich habe mir ja auch Mühe gegeben, das stimmt sie einen Hauch versöhnlich. Na gut, flüstert sie, und so rollen wir uns auf der Couch nochmal zusammen.

Zaunpfahl

Ich rocke das Homeoffice. Bleibe brav daheim und erkläre den wöchentlichen Einkauf zum Highlight der Woche.
Rosa findet es fantastisch, dass jeglicher Sozialkontakt – wenn überhaupt – digital stattfindet und damit jegliche Nahrungsassoziation entfällt.

***

Zum wiederholten Male wache ich mit schlechtem Gewissen aus einem Traum auf. Als ich meine Orientierung zurück habe, rede ich beruhigend auf Rosa ein. Dass es nur ein Traum war, und dass geträumte Kalorien nicht dick machen. Es dauert, bis sie mir glaubt, zumal ich noch das Gefühl habe, Reste von Schokolade und Kuchen zwischen den Zähnen zu haben. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre etwas in meinem Mund gestorben.

***

Nachmittags, wenn ich nach der Arbeit mein beinahe tägliches Sportpensum hinter mir habe, fühle ich mich seltsam leicht. Auf eine Art, die mir die Knie weich und den Kopf wolkig werden lässt. Es könnte so etwas wie Hunger darunter liegen, aber sicher bin ich mir nicht. Immer öfter flüsterte ich dem Körper zu, dass gerade ein guter Zeitpunkt zum Aufgeben wäre. Keine Kanten in der Nähe, wo er sich beim Umfallen anschlagen könnte. Aber aus irgendeinem Grund bleibt er stehen.

Sog

Aufstehen. Warum eigentlich? Der Sinn erschließt sich mir nicht so recht. Genausowenig, warum ich Montag schon wieder arbeiten muss – habe ich doch nach meinem Urlaub schon zwei Tage, reicht das nicht?

Meine Tageskalorien bewegen sich seit ca. zwei Wochen wieder auf Prä-Ernährungsberatungs-Niveau, dazu fünf Mal die Woche Sport. Findet mein Körper nicht so super, sagt er und erzeugt schon nach dem Aufstehen eine nahezu unüberwindbare gravitative Kraft in Richtung Sofa und allen anderen sich bietenden Sitzgelegenheiten.
Rosa zeigt sich dagegen ziemlich zufrieden, weil nur diese Form der Erschöpfung die Untätigkeit beinahe entschuldbar macht.

Der zwischenzeitliche Gedanke, alles rund um die Essstörung die alle meinen, die ich habe, mal genauer aufzudröseln, zerschellt am Energiedefizit und liegt damit neben allen anderen Aufgaben, die ich heute nicht erledigen kann, auf einem größer werdenen Haufen. Ich sollte die Unterlagen von Frau Ernährungsberaterin dazu legen und ihn einfach anzünden, dann wäre mir wenigstens warm.

Eruption

Ich wache auf und wundere mich, dass ich weder tränenüberstömt noch heiser bin.
Die Träume diese Nacht waren weder von besonderer Kreativität, noch von so etwas wie einem Hauch von Logik geprägt. Dafür von einer Wucht an Emotionen, die ich im Wachzustand seit – ja, seit wann eigentlich? – ewig nicht gefühlt habe. Angst. Scham. Überforderung. Wut. Man, ich war so unendlich, so unfassbar wütend. Ich habe mir die Seele aus dem Leib geschrien, geheult, gekämpft. Es hat mich zerrissen und verzweifeln lassen.
All das liegt nun wie ein klebriges Spinnennetz über meinen Gedanken und ich versuche herauszufinden, was hinter den wirren Geschichten steckt, die mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat. Und ob es sie erdacht hat, um diesen Ausbruch zu erzeugen, oder um ihn unterzubringen, weil er sonst getobt hätte, ohne dass ich ihn erinnern würde.
Jetzt hat jedenfalls wieder alles seine Ordnung. Ich bin, wie seit ewig, unendlich weit entfernt.

Reserve

Im Bett.
Ich möchte bitte endlos weiterschlafen ist mein erster Gedanke, als ich heutemorgen aufwache. Als mir dann auch noch das Virus die Welt wieder einfällt, und dass mein Fitness-Studio geschlossen hat, erst recht. Zwar habe ich das Wochenende bei meinen Eltern halbwegs gut überstanden, aber es hat wohl mehr Reserven gefressen, als ich gestern noch vermutet hatte. Weltschmerz und das Gefühl von Sinnlosigkeit erdrücken mich.
Doch irgendwann stehe ich plötzlich, auch wenn ich mir das nicht so richtig erklären kann. Aber dann kann ich mich auch anziehen und – nach zu vielen Tagen ohne – wieder etwas Routine leben. Immerhin.

In der Garage.
Mein alter Crosstrainer ist eine Zumutung, wenn man das Studioequipment gewohnt ist. Aber hilft ja nix, kein Sport ist auch keine Lösung. Ich versuche, irgendwie die Übungen, die ich sonst so mache, ohne Geräte – dafür mit Hanteln und Isomatte – abzubilden und habe am Ende das Gefühl, trotzdem genau nichts getan zu haben, auch wenn ich meine Arme bitte nie wieder bewegen möchte. Ernsthaft. Nie wieder!
Weil Schatz aber draußen noch Brennholz macht und ich nicht ohne ihn frühstücken will, helfe ich ihm noch für ne Stunde. Super Idee, finden meine Arme und auch der ganze Rest, so ohne jeden Brennstoff. Rosa freut sich.

Unter der Dusche.
Keine Ahnung, wie ich meine Arme zum Haarewaschen so fucking weit anheben soll. Irgendwie gehts dann doch. Und ich schaffe es sogar, nicht noch vor meiner Frühstücksschüssel umzufallen.

Auf der Couch.
Meine Arme fühlen sich immer noch an, als hätte ich Elefanten jongliert. Ich prüfe meine Online-TV-Liste auf anguckbares und vergesse fast, meine Fotos vom Wochenende zu bearbeiten. Meine Arme zittern, als ich die Teetasse anhebe.