Kluft

Es ist 4.26 Uhr, als ich aufwache. Es ist Freitag und ich habe frei, also drehe ich mich rum und schlafe nach einer Weile wieder ein.
Es ist nicht allzu viel später, als ich erneut aufwache und mich frage, warum eigentlich, denn ausgeschlafen bin ich definitiv nicht. Ich beobachte, wie so oft in letzter Zeit, meinen Puls und stelle fest, dass er wohl eher < 40 liegt. Ich schlafe wieder ein.
Wieder wache ich auf. Und was schon die Male zuvor eher unbewusst wahrgenommen wurde, rückt ins Bewusstsein. Kurzatmigkeit. Sie hat mich aufgeweckt – und wird es zwei weitere Male tun, bevor ich dann doch aufstehe. Mein Körper will Sauerstoff, den mein langsames Herz scheinbar gerade nicht in ausreichender Menge zu transportieren bereit ist.

Nachdenken. Feststellen, dass die Entfernung zwischen Körper und Geist, zwischen Denken und Fühlen, einfach riesig ist. Ich schaffe es nicht, den ganzen Körperkram auch nur ansatzweise mit der Essstörung oder mit mir in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Rational, ja. Aber das ist so oberflächlich, so entfernt, dass es garnichts miteinander zu tun haben kann. Geschweige denn mit mir.

Selbstlos

Das konstruierte Selbst, dieses Konstrukt aus Rationalität und Wissen um das, was es tut und welche Konsequenzen es haben kann, zerfällt in der Dunkelheit zu Staub wie ein Vampir im Sonnenlicht. Übrig bleibt ein aschiger Hauch, eine Patina auf dem, was mir ureigen ist. Alles, was im Licht sinnvoll, vernünftig und logisch erscheint, ist nichts mehr, wenn die Nacht beginnt. Logik wird ausgehebelt, Konsequenzen werden negiert. Das Fühlen zählt, nicht das Wissen. Und Fühlen ist nicht bereit zu dem, was das Wissen wollen will.

Tribut

Ich will mich nicht bewegen, bitte. Ich will nicht aufstehen, nicht wach sein. Auch wenn Schlafen derzeit ist, als würde ich ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein kleben, ist es immer noch besser, als mich so unendlich erschöpft zu fühlen.
Aber ich stehe auf und sitze nun mit einem inzwischen leeren Kaffeebecher, der seinen Job nicht besonders gut gemacht hat, auf dem Sofa. Ich könnte heulen bei dem Gedanken daran, auch nur 3 Schritte gehen zu müssen und wünsche mir, mein Körper würde einfach den Notschalter drücken und mich ausknipsen. Aber er tut es nicht, und so ich werde trotzdem nachher meiner üblichen Samstagsroutine aus Bad putzen, Staubsaugen und Einkaufen fahren nachgehen, weil alles andere undenkbar wäre.

Nicht, dass ich es währenddessen bemerkt hätte, aber jetzt weiß ich, dass ich diese Woche in der Arbeit mehr als nur übertrieben habe und auch, dass meine Kalorienbilanz irgendwie im Vergleich zu den letzten Wochen nochmal nach unten gesackt ist.

Mein Akku, meine Körperspeicher sind sowas von leer…

Body in Focus

Interessanterweise ist in den letzten Wochen mein Körper in meiner Aufmerksamkeits-TopList immer weiter nach hinten gerutscht. Er ist dünn, er verweigert die Menstruation, ich sehe Muskeln und Adern und Knochen an Stellen, die ich vorher nicht sehen konnte, und ich finde es verdammt gut so, also wende ich mich anderen Dingen zu. Sport. Essen. Sport. Nicht Essen.

Bisher hat mich niemand – abgesehen von nahestehenden Menschen – auf meinen Körper angesprochen. Doch das änderte sich diese Woche, drastisch sogar.

Situation 1.
Kaffeeküche am Morgen. Ein Kollege, mit dem ich nie mehr als 3 Sätze Smalltalk im Quartal rede, sagt, er habe mich ja lange nicht gesehen (immerhin, mein Klinik-Aufenthalt scheint nicht bis zu ihm getratscht worden zu sein) und ich sei so dünn geworden. Ob das Absicht sei?
Ja und nein. Ich mache sehr viel Sport zur Zeit. Als Pantoffelheld und Mann in den frühen 50ern muss er mir daraufhin gleich von seinen sportlichen Ambitionen berichten. Themenwechsel? Check.

Situation 2.
Eine berentete Kollegin ist zu Besuch. Ich sehe ihr an, dass sie mit den anderen schon über mich und die Klinik geredet hat und unfassbar neugierig ist. Ich gebe ausweichen Antworten. Und ich sei ja nur noch die Hälfte!
Ich mache sehr viel Sport zur Zeit. Was machen die Enkel? Es folgt ein Wortschwall. Themenwechsel? Check.

Situation 3.
Ich erzähle einer Kollegin von einer aktuell belastenden Situation (Katastrophe lässt grüßen). Sie sagt, ich werde immer dürrer,ob ich das wisse.
Ja, weiß ich. Ich mache sehr viel Sport zu Zeit. Ich kann gar nicht so viel Essen, wie ich verbrenne. Während ich noch nicht glauben kann, den letzten Satz wirklich gesagt zu haben, kommen wir zum Glück auf anderes zu sprechen. Themenwechsel? Check.

Situation 4.
Im Fitnessstudio. Eine Frau, die ich vom Sehen her kenne und bei der ich überzeugt bin, dass sie mich nicht leiden kann – ohne dass wir je miteinander gesprochen hätten, aber sie guckt mich immer so schräg an – spricht mich an. Ich hätte ja eine so tolle Figur! Ob ich so wenig essen würde?
Oh, danke. Ich habe wohl einen guten Stoffwechsel. Innerlich verdrehte ich die Augen über diesen Blödsinn und starte die nächste Trainingseinheit. Themenwechsel? Unnötig.

Ich hätte gerne stille Bewunderung oder Besorgnis. Aber tatsächlich ist es mit mehr als unangenehm, auf meinen dünnen, sportlichen, schönen Körper angesprochen zu werden. Weil ich weiß, dass gesund gerade keines der zutreffenden Adjektive für ihn ist.