Mein unbändiger Wunsch, ihr mein ganzes Leid ungefiltert und schwallartig vor die Füße zu kotzen, scheitert am Alkoholgehalt meines Leitungswassers, welcher mindestens 45% unter dem liegt, was ich eigentlich gerne in meiner Halbliterflasche hätte.
So rede ich unzusammenhängend von Hunger, selbst zugefügtem Schmerz und tausend Dingen dazwischen in der wahnwitzigen Hoffnung, auf so etwas wie Verstehen zu stoßen und pralle mehr als unsanft an Selbsterklärungversuchen über WeightWatchers und an etwas Anderes denken ab.
Zum Glück merke ich das kaum, weil einfach irgendwer redet, während ich mich – selbst von mir unbemerkt – um den ganzen Rest kümmere, der eigentlich gerne reden würde.
Als sie geht, bedaure ich die aktuelle Trockenheit einmal mehr und hasse es, noch etwas essen zu müssen, um Erwähnenswertes weiterhin aufrechtzuerhalten. Am liebsten würde ich dabei in Schatz hineinkrabbeln und meinen freien Tag morgen genau dort verbringen. Mit meiner Rasierklinge.
Irgendetwas in mir wimmert leise.
Schlagwort: Mama
Schreikind
Krankengymnastik steht zwar in der Verordnung, aber passieren tut etwas anderes. Etwas ganz anderes*.
Als die Therapeutin, die ich am ehesten als
Urmutter oder Schamanin bezeichnen würde – und das ohne jede Esoterik, sondern im Sinne einer Heilerin – meine Narbe berührt, sprechen wir über Hinter- und Abgründe, den Impuls, an meinem Daumen zu nuckeln und dass ich ganz dringend meiner Mama ein paar Fragen stellen sollte.
Als ich den Raum verlasse, fühle ich dumpfen Druckschmerz auf frisch gestreichelten, vor langer Zeit aufgespreizten Rippen, Übelkeit, Kopfschmerz und Kurzatmigkeit. Meine Hände zittern.
Also stelle ich Fragen zu etwas, das ich für erzählt hielt, und erfahre Details, die bisher verschwiegen unerwähnt blieben.
Während ich die Sprachnachricht höre, spüre ich den drohenden Tsunami. Etwas zieht sich zurück, so dass Nervenenden blank und ungeschützt vor mir liegen. Ich höre das tiefe Grollen dessen, was auf mich zu rollt und weiß mit unabwendbarer Gewissheit, dass es mich zermalmen wird. Der Wind, den die Welle vor sich hertreibt, beißt in meinen Augen und lässt mich diffus panisch werden. Ich schließe die Augen in Erwartung des Unabwendbaren und finde mich plötzlich mit einem Hammer und einem inzwischen ziemlich leeren Sack Nägel wieder, von denen ich bereits einen Großteil in den Deckel Kiste geschlagen und darin nun auch den Tsunami versteckt habe.
Rational betrachtet ist das ein frühkindliches Trauma. Emotional betrachtet ist das mein frühkindliches Trauma. Unbetrachtet passt es ganz gut in die Kiste, auch wenn ein paar Enden noch rausgucken.
*Somatic-Movement-Therapie oder Somatic Experience, falls es jemanden interessiert
Subtext
Rosa platzt fast vor Wut. Sie schaut ungläubig hin und her zwischen mir und dem, was dort steht. Ich kann nur hilflos mit den Schultern zucken und ungläubig zurück schauen. Weil ich es selbst nicht verstehe.
*Mama schickt mir ein Bild aus einer Zeitschrift. Ein Zwetschgenzopf samt Rezept und Kaorienangabe.*
Ich bin ähnlich irritiert wie vor Kurzem, als sie mir das Bild ihres fettig überbackenen Toasts schickt, welches ich kopfschüttelnd ignoriert und Rosa erst garnicht gezeigt habe.
*Mama schreibt, ob der vielleicht lecker ist.*
Ich lese es und schließe die Nachricht wieder.
Ich öffne sie, lese sie nochmal und will sie ignorieren. Wirklich.
Aber dann liest Rosa sie, und ich kann ihre Antwort, dass ich das wohl so bald nicht beantworten kann, immerhin noch mit einem Zwinkersmiley versehen.
*Mama schickt einen fragenden Smiley und ein dickes rotes Fragezeichen.*
Und Rosa explodiert.
Und deshalb werden ab morgen die Kalorien nochmal gekürzt, weil es für heute schon zu spät ist.
Stillschweigen
Die Notwendigkeit, gedachtes in Gesprächen in gesagtes zu übersetzen, um sie in Gang zu halten, erscheint mir mehr als lästig. Kein Wunder also, dass es nicht so richtig laufen will, als wir in toller Kulisse viel zu gehaltvolles leckeres Essen im Restaurant auf der Terrasse mit Blick auf den See und die Berge essen.
Rosa zeigt sich ziemlich angewidert angesichts des Veggiburgers, den ich mir mangels Alternativen auf der coronabedingt eingekürzten Karte bestellt habe und brennt darauf, die Kalorien in die App zu hacken, um herauszufinden, wie schlimm es tatsächlich ist. Derweil kann ich den immer wieder missglückenden Versuchen meiner Mutter oder von Schatz, anhaltende Gespräche zu erzeugen, nur schwer folgen.
Gedanklich hänge ich außerdem im Fitnessstudio fest, in dem ich das erste Mal seit Anfang März an diesem Morgen wieder gewesen bin. Mit altem Trainingsplan, aber mit zum Teil dann selbst nach unten korrigierten Gewichten, weil ich offensichtlich nicht alle Muskelgruppen gleichermaßen im Homeworkout erhalten konnte. Finden Rosa und ich beide doof.
Als ich dort ankomme, werde ich von den zwei Trainern regelrecht gescannt und bin mehr als erleichtert, dass keiner von ihnen etwas sagt und mich trainieren lassen. Bis einer der Beiden – ausgerechnet der, den ich aus unerfindlichen Gründen nicht ausstehen kann – fast am Ende schließlich doch noch auf mich zukommt und meint, ich hätte ganz schön abgenommen. Ich winde mich unter seinen Worten wie Blicken irgendwie heraus und verschwinde nach meiner letzten Einheit so unauffällig wie möglich. Hoffend, dass ich nächste Woche beim nächsten geplanten Besuch meine Ruhe habe.
„… und haben sie was gesagt, als sie dich gesehen haben?“ fragt meine Mama auf den dann doch verbalisierten Gedanken, dass ich eben heutefrüh zum ersten Mal wieder im Studio war. „Nö.“, erwidere ich wahrscheinlich etwas zu schnell, belasse es dann aber auch dabei und betrachte stattdessen wieder den See.
⦁
Ich liege endlich im Bett, aber an Schlafen ist erst einmal nicht zu denken. Atmen steht stattdessen viel zu deutlich im Vordergrund und ich versuche – weitgehend erfolglos – herauszufinden, ob mein Kopf oder mein Herz für das tonnenschwere Gewicht auf meiner Brust verantwortlich ist. Fast bitte ich Schatz, mich zum Arzt oder den Arzt zu mir zu bringen, schäme mich aber zu sehr – egal, wer nun die Schuld trägt. Irgendwann wird es gefühlt besser und ich schlafe ein, aber heutefrüh ist es wieder – oder immernoch – da und strengt mich an. Die Befürchtung, mir eine Herzinsuffizienz angehungert zu haben, schwebt drohend über mir wie das heraufziehende Unwetter. Ich vereinbare mit Rosa, mir beides mal eine Weile weiter anzusehen. Bedrohlich, aber auch irgendwie faszinierend. Es fängt zu regnen an.
Etappenziel
Etwas ratlos schaue ich den Staffelstab an, den Rosa mir wieder in die Hand gedrückt hat. Ich dachte, wir wären damit durch und bräuchten den nicht mehr. Gut, das dachte ich auch im März, als ich meine Eltern besucht habe. Und zwischendurch zu anderen Gelegenheiten.
Jetzt haben meine Eltern Rosa also ganz aktuell in Augenschein nehmen und als besorgniserregend einstufen können, aber das reicht ihr nicht. Nächstes Ziel: die Kollegen, die ich dank Homeoffice seit dreieinhalb Monaten nicht mehr gesehen habe. Dass unklar ist, wie lange das noch so sein wird, spielt dabei keine Rolle und dient eher als Ansporn. Und dass ich der Meinung bin, so besser genau nicht von Kollegen gesehen zu werden, weil schon damals hinter meinem Rücken geredet wurde und dort nun langsam kein Platz mehr für Heimlichkeiten ist, zählt ebenfalls nicht.
Ich drehe und wende den Stab in meiner Hand und jammere ein bisschen, weil mir nicht nur der Hintern weh tut („sitz halt nicht so viel rum!“), sondern ich auch andauernd außer Atem bin und Sommerbergtouren, die ich wirklich gerne machen würde, an Rosas Auswirkungen zerschellen, die mich gerade noch so den Weg ins Lieblingscafé schaffen lassen, während Sport einfach immer geht. Auch die Sorge, dass sie uns am Freitag, wenn ich zum ersten Mal seit März wieder ins Fitnessstudio gehen mag, nicht mehr trainieren lassen, ist ihr egal, weil wir ja jetzt ein schickes und funktionierendes Homeworkout etabliert haben, das eh viel praktischer ist.
Ich beschließe, keine Lust auf Diskussionen zu haben und auch nicht zu hinterfragen, wie das auf Dauer weiter funktionieren soll, weil es ja gerade noch genau das tut.
Kindchenschema
Mama möchte dringend mit mir reden, erzählt mir die Sprachnachricht in WhatsApp. Was ich unpraktisch finde, weil meine Woche mit Arbeiten und Sport mehr als voll ist und ich jetzt nicht nur genervt, sondern auch scheiße neugierig bin. Also, Verabredung für nach dem Abendessen. Nach einer Weile Smalltalk kommt sie zum Punkt.
Dein Papa hat gesagt, ich muss mit dir reden. Und das hatte ich sowieso vor. Der hat sich richtig erschrocken.
Jemand im Innen drückt an dieser Stelle mal vorsorglich den roten Knopf, auf den ich extra groß Nicht drücken! geschrieben habe und dessen Funktion ich nicht verstehe, weil er gerade genug Schwindel verursacht, um mich zu irritieren und in den Fluchtmodus zu versetzen, aber nicht ausreichend, um vom Stuhl zu fallen. Nicht, dass ich das Thema nicht herbeigesehnt erwartet und schon den ganzen Tag totgedacht habe, aber da hat wohl jemand trotzdem keine Lust auf Konfrontation.
Was folgt, ist eine erstaunlich sensible, aber mehr als holprige Konversation über Hunger, Kontrolle, Sport und andere Nebensächlichkeiten, die alle nur die Hülle um den eigentlichen Kern, der sich auch meiner Kenntnis entzieht, bilden.
Dein Papa meint, wenn du so weitermachst, kommen wir das nächste Mal, um dich … zu beerdigen, sagt sie zwischendurch, mit gut, aber nicht vollständig überspielter brüchiger Stimme.
Wir reden 1 1/2 Stunden lang, wenn auch nicht ausschließlich über Rosa, die unauffällig neben mir auf dem Boden der Terrasse sitzt und die Bienen am Lavendel beobachtet.
Ich hab jedenfalls nicht vor, mich unter die Erde zu Hungern, schließe ich auf die Frage, ob sie denn meinen Papa beruhigen kann.
⦁
Ich liege im Bett. Unaufgewühlt, das Gespräch lief und tat irgendwie gut – trotzdem gehe ich es natürlich nochmal Wort für Wort durch. Plötzlich denke ich Wirklich? als Reaktion auf meinen letzten Satz. Das wühlt dann doch.