So richtig vorausschauend ist weder Rosas Handeln, noch ihr Denken. Gut, hätte man auch früher merken können. Egal. Jedenfalls machen wir 7 Mal die Woche Sport, essen wenig und sie denkt dabei keine Sekunde darüber nach, dass die Wand, gegen die sie am Tag der Klinikaufnahme mit voller Wucht rennen wird, härter kaum sein könnte. Aber mit etwas anderem als dem absoluten Tiefstgewicht dort zu landen, darauf lässt sie sich nicht ein und ich lasse sie gewähren, weil ich nebenbei viel zu sehr mit Orange beschäftigt bin, die gerade ex- wie intrinsisch unmotiviert versucht, ihren Job und den dazugehörigen Inhalt meines Gehirns der nächsten zwei bis drölf in der Arbeit abwesenden Monate in nachlesbare Informationen fürs Team, meine Vertretung und meinen Chef zu überführen, während sie nebenbei noch einen Teil des Tagesgeschäftes schmeißt, das sonst wegen chronischer Unterbesetzung bergeweise liegen bleibt. Was sie natürlich nicht anschauen kann, auch wenn die disziplinarischen Entscheidungen an anderer Stelle getroffen werden und so eine Lawine aus Bugwellenauflauf vielleicht ganz heilsam wäre an der Stelle.
Jetzt zerrt also Rosa an der einen und Orange an der anderen Hand, und Körper steht dazwischen und heult bald. Jedenfalls glaube ich das, weil er mir Cravings um die Ohren haut, die scharfe Gegenstände und hochprozentige Getränke nicht nur enthalten, sondern ausschließlich aus diesen bestehen.
Erstaunlicherweise komme ich keinem davon nach, sondern streiche stattdessen so Unnötigkeiten wie Sozialkontakte aus meinem Terminplan, um wieder Luft zu bekommen, was sogar zu funktionieren scheint, lese ich doch gerade die Blogbeiträge der letzten drölf Tage und finde sogar Zeit für einen eigenen.
Hoffentlich ist auf dem Boden der Tatsachen dann wenigstens eine weiche Matratze. Oder Glitzer.
Schlagwort: Klinik
Molekül
Achja. Körper ist ja auch noch da. Hatte ich verdrängt vergessen, irgendwie. Und statt sich hübsch diskret im Hintergrund zu halten, wie sich das für ein so fragiles Geschöpf gehören täte, hat er sich trotzig auf den Boden geworfen, umklammert nun mit beiden Händen Rosas Beine, die selbstverständlich schon in Sporthosen stecken, und macht sich extra schwer, was garnicht so leicht ist. Leicht wie er ist.
Aber Rosa hat sowieso nicht mehr als ein müdes Lächeln für ihn übrig, als sie ihn einfach trotzdem mit zum Sport schleift und so wort- wie mühelos auf den CrossTrainer stellt, wo er gefälligst seinen Dienst zu tun hat.
Dabei ist Körper langsam wirklich durch. Seit Klinik nur noch eine Frage der Zeit ist, nörgelt er täglich lauter, dass er weder die Reserven noch die Lust hat, Rosas jetzt nur noch übersteigerteren Bewegungsdrang, der uns zu inzwischen 6-7 Mal Sport pro Woche bei nochmals restringierter Energiezufuhr geführt hat, noch länger zu ertragen.
Ich stehe zwischen den Beiden und schaue zu. Denke darüber nach, ob es legitim ist, mir erst in aller Seelenruhe eine sehr lange Weile beim Verschwinden zuzusehen, nur um dann in eine Klinik zu gehen, ohne es vorher wirklich versucht zu haben, selbst oder ambulant wieder an Kontur zu gewinnen. Am Ende gehört es aber zu den Millionen von Dingen, die mir derzeit sehr egal sind. Und doch habe ich das unbändige Verlangen, meinen Kopf wirklich hart auf den Betonboden der Garage, auf dem meine Sportmatte und Körper liegen, zu schlagen. Damit Kopf zu Denken aufhört und Körper endlich die Pause bekommt, die ihm in seiner allumfassenden Erschöpfung zusteht. Praktisch wäre auch, wenn ich ihn einfach beim Sport abgeben und anschließend wieder abholen könnte, so dass ich mich nicht damit rumschlagen müsste, wie sehr er nicht mehr mag. Aber leider braucht er eine rund-um-die-Uhr-Betreuung, alleine geht er nicht dort hin. Und Rosa muss ich ja an die andere Hand nehmen, damit sie die Kontrolle nicht verliert und sich möglichst oft um Spiegel anschauen kann, die es im Studio gibt.
Bis auf Rosa haben wir also eigentlich alle keine Lust. Aber auch keine Wahl.
Colorblocking
Rosa hat nur deshalb geschwiegen, weil sie Luft geholt hat. Ganz tief. Und jetzt redet sie. Ohne Punkt. Ohne Komma. Was für eine beschissene Idee eine Klinik ist, wenn wir dort im Zweibettzimmer sitzen, keinen Sport mehr machen und die Fitnessuhr nicht mehr tragen dürfen. Und Frühstücken müssen. Frühstücken! So in originärer Bedeutung, zu einstelligen Uhrzeiten. Geht garnicht. Mal abgesehen von den ganzen restlichen Regeln, die mit den unseren mal so gar nichts zu tun haben.
Orange gesellt sich gleich mal dazu und gibt auch noch ihren Senf dazu ab. Weil, jetzt schon wieder in die Klinik, und dann auch noch wegen so etwas peinlichem wie einer Essstörung, die nur GNTM-schauende Teenagermädchen haben, geht ja jetzt echt mal gar nicht. Außerdem, was passiert dann mit deinem Team, und überhaupt, du wirst doch bestimmt eh bald abgesägt.
Dass ich keinen der beiden wirklich verstehe, weil sie einfach gleichzeitig und in Dauerschleife reden, ist beiden egal, weil ihnen ausreicht, dass sie mich nerven. Und verunsichern. Und die Überzeugung, dass das die überflüssigste Entscheidung überhaupt war, fast wie von selbst immer größer wird.
Körper dagegen scheint sich daraus nun langsam aber sicher einen Freifahrtschein zu denken, dass er ja nun nicht mehr leisten muss, was ich ihm persönlich übel nehme. Schließlich kann er sich noch genug ausruhen und unförmig werden, wenn wir uns den Arsch retten lassen. Bis dahin hat er gefälligst zu funktionieren. Sonst wird Rosa zu laut.
Inpatient ⦁ Körperintelligenz
Dienstag. Wiegetermin beim Hausarzt, es ist sein letzter Tag vor dem Urlaub. Ich habe extra meine Eigenverantwortung, die seit Ewigkeiten in einer Ecke liegt und vor sich hin gammelt, abgestaubt und eingepackt, um sie ihm vor die Füße zu werfen. Ich will sie nicht, soll er damit machen, was er will.
Denn irgendwas ist passiert in den letzten Tagen, insbesondere nach unserem Ausflug. Es geht nicht mehr. Ich funktioniere nicht mehr und fühle mich physisch wie psychisch am Ende.
Doch ich werde nur auf die Waage gestellt, die einen Hauch mehr anzeigt als am Freitag – an dem ich nüchtern war, während ich jetzt schon diverse Tassen Tee und Kaffee intus habe und das auch sage; genau wie dass meine Waage daheim einen Hauch weniger zeigt als am Freitag – und mit einem neuen Wiegetermin in 14 Tagen nach Hause geschickt. Ohne Arztgespräch.
Immernoch Dienstag. Fünf Minuten, bevor der Vertretungsarzt schließt. Ich rufe dort an und soll kurz angeben, worum es geht. Ich stammle etwas von Untergewicht und Einweisung ins Telefon und erhalte einen Termin für Donnerstagmittag. Das ist der Moment, in dem Rosa erkennt, dass ich es ernst meinen könnte. Aber noch bevor sie den Mund aufmachen kann, sage ich ihr, dass sie die Klappe halten soll, und erstaunlicherweise hält sie sich daran. Was mich fast noch mehr verunsichert.
Donnerstag. Natürlich überlege ich, den Termin abzusagen. Weil ich bestimmt nicht krank genug bin, nur überreagiere und mir die weiteren Androhungen zur totalen Systemabschaltung von Körper bloß einbilde. Aber ich gehe trotzdem hin und habe wieder meine Eigenverantwortung eingepackt. Diesmal werde ich sie los. Er gibt mir die Zusage für eine akute Einweisung in eine psychosomatische Klinik, kümmert sich um einen Platz, nimmt heute nochmal diverse Werte ab und dann… Ja, dann geht es hoffentlich (?) sehr kurzfristig stationär. Und das ist die Stelle, an der ich fast sowas wie froh bin über meine kognitiven Nicht-Funktionen, weil Nicht-Denken an der Stelle bedeutend weniger Angst macht. Und Rosa? Schweigt sich aus, gerade.
Zerfall
Feiertag! raunzt mein Körper mir in der Früh entgegen, als ich aufwache. Jede Faser meiner physischen Existenz wehrt sich dagegen, mich auch nur rumzudrehen, weil ich wohl schon zu lange in dieser Position liege. Zu anstrengend lautet die einhellige Meinung.
Weil der Körper aber gerade nichts ist, was besonderer Beachtung bedarf, stehe ich trotzdem auf. Kaffe, Handy, Sofa. Morgenroutine an einem freien Tag.
Zwischen Hashtags und weiterhin ignoriertem Körper muss ich an das Gespräch von gesternabend mit Frau Ernährungsberaterin denken, der ich Anfang der Woche anstelle eines Essensprotokolls einen kleinen Seelenstrip geschickt hatte. Worte wie Sorgen, Therapeutensuche, Klinikaufenthalt und im Notfall Krankenhaus fallen. Wir verabreden, dass ich bis Ende April nachdenke und mich dann wieder bei ihr melde.
Sport ist der nächste Tagesordnungspunkt. Auch wenn mein Körper gerne auf dem Sofa bleiben würde, nehme ich ihn mit, weil es ohne nunmal nicht so richtig funktioniert. Eine Weile lang macht er auch brav mit, aber die letzten 10 Minuten vom Crosstrainer verweigert er. Ich lasse ihn gewähren und nehme ihn mit duschen, danach frühstücken wir.
Ein bisschen fotografieren, Bilder bearbeiten und Youtube leergucken später stelle ich entsetzt fest, wie viel noch von diesem wundertollen, warmen, sonnigen Frühlingsfeiertag übrig ist und wie wenig von mir. Schlafen wäre fantastisch, aber das müsste ich begründen, und Schatz hat bisher keine Ahnung von dem, was die letzten Wochen in meinem Kopf passiert, weil ich ihn rigoros aussperre. Und wenn ich ihn reinlasse, kann ich wohl nicht mehr so weitermachen, also nagle ich noch ein paar Bretter mehr von Innen an die Fenster.
Body in Focus
Interessanterweise ist in den letzten Wochen mein Körper in meiner Aufmerksamkeits-TopList immer weiter nach hinten gerutscht. Er ist dünn, er verweigert die Menstruation, ich sehe Muskeln und Adern und Knochen an Stellen, die ich vorher nicht sehen konnte, und ich finde es verdammt gut so, also wende ich mich anderen Dingen zu. Sport. Essen. Sport. Nicht Essen.
Bisher hat mich niemand – abgesehen von nahestehenden Menschen – auf meinen Körper angesprochen. Doch das änderte sich diese Woche, drastisch sogar.
Situation 1.
Kaffeeküche am Morgen. Ein Kollege, mit dem ich nie mehr als 3 Sätze Smalltalk im Quartal rede, sagt, er habe mich ja lange nicht gesehen (immerhin, mein Klinik-Aufenthalt scheint nicht bis zu ihm getratscht worden zu sein) und ich sei so dünn geworden. Ob das Absicht sei?
Ja und nein. Ich mache sehr viel Sport zur Zeit. Als Pantoffelheld und Mann in den frühen 50ern muss er mir daraufhin gleich von seinen sportlichen Ambitionen berichten. Themenwechsel? Check.
Situation 2.
Eine berentete Kollegin ist zu Besuch. Ich sehe ihr an, dass sie mit den anderen schon über mich und die Klinik geredet hat und unfassbar neugierig ist. Ich gebe ausweichen Antworten. Und ich sei ja nur noch die Hälfte!
Ich mache sehr viel Sport zur Zeit. Was machen die Enkel? Es folgt ein Wortschwall. Themenwechsel? Check.
Situation 3.
Ich erzähle einer Kollegin von einer aktuell belastenden Situation (Katastrophe lässt grüßen). Sie sagt, ich werde immer dürrer,ob ich das wisse.
Ja, weiß ich. Ich mache sehr viel Sport zu Zeit. Ich kann gar nicht so viel Essen, wie ich verbrenne. Während ich noch nicht glauben kann, den letzten Satz wirklich gesagt zu haben, kommen wir zum Glück auf anderes zu sprechen. Themenwechsel? Check.
Situation 4.
Im Fitnessstudio. Eine Frau, die ich vom Sehen her kenne und bei der ich überzeugt bin, dass sie mich nicht leiden kann – ohne dass wir je miteinander gesprochen hätten, aber sie guckt mich immer so schräg an – spricht mich an. Ich hätte ja eine so tolle Figur! Ob ich so wenig essen würde?
Oh, danke. Ich habe wohl einen guten Stoffwechsel. Innerlich verdrehte ich die Augen über diesen Blödsinn und starte die nächste Trainingseinheit. Themenwechsel? Unnötig.
Ich hätte gerne stille Bewunderung oder Besorgnis. Aber tatsächlich ist es mit mehr als unangenehm, auf meinen dünnen, sportlichen, schönen Körper angesprochen zu werden. Weil ich weiß, dass gesund gerade keines der zutreffenden Adjektive für ihn ist.