Falsch

Mein unbändiger Wunsch, ihr mein ganzes Leid ungefiltert und schwallartig vor die Füße zu kotzen, scheitert am Alkoholgehalt meines Leitungswassers, welcher mindestens 45% unter dem liegt, was ich eigentlich gerne in meiner Halbliterflasche hätte.
So rede ich unzusammenhängend von Hunger, selbst zugefügtem Schmerz und tausend Dingen dazwischen in der wahnwitzigen Hoffnung, auf so etwas wie Verstehen zu stoßen und pralle mehr als unsanft an Selbsterklärungversuchen über WeightWatchers und an etwas Anderes denken ab.
Zum Glück merke ich das kaum, weil einfach irgendwer redet, während ich mich – selbst von mir unbemerkt – um den ganzen Rest kümmere, der eigentlich gerne reden würde.
Als sie geht, bedaure ich die aktuelle Trockenheit einmal mehr und hasse es, noch etwas essen zu müssen, um Erwähnenswertes weiterhin aufrechtzuerhalten. Am liebsten würde ich dabei in Schatz hineinkrabbeln und meinen freien Tag morgen genau dort verbringen. Mit meiner Rasierklinge.
Irgendetwas in mir wimmert leise.

Anastomose

Ich bin irritiert. Die Diskussion, die keine war, klingt noch nach in meinem Kopf, als ich plötzlich rede. Mich öffne, wenn auch nur eine Winzigkeit, aber seit langem erstmals wieder im nicht selbstschädigenden Sinne. Dabei bin ich nicht mal betrunken. Was mich zusätzlich erstaunt. Und Angst macht. So viel.
Vielleicht ist es das Verständnis, auf das wir stoßen, dass Rosa und den Parasit perplex verstummen lässt. Und nicht nur mein, sondern auch Schatz‘ Zugeständnis, dass niemand jetzt gleich und für immer weg muss, niemand zum Gehen gezwungen wird, sondern dass Babyschritte okay sind. Und wir einfach schauen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn ich nur ein ganz bisschen mehr Verbindung zulasse.
Scheiße, ist das gruselig.

Perikarp

Also ein bisschen nervt mich ja die Professionalität, die Orange so wiedereingliedernderdings an den Tag legt. Der Punkt ist, sie glaubt tatsächlich den Kram, den sie da erzählt. Meistens zumindest. Wenn zwischen einem Es geht mir besser, ich habe viel gelernt und arbeite daran, dass es so bleibt oder auch noch besser wird und einem Natürlich kümmere ich mich darum, kein Ding dann aber kein Platz für Frühstück bleibt und auch nicht freigeschaufelt wird, weil Rosa das Werkzeug dafür unter Verschluss hält, kommt auch Orange ins Grübeln und fragt mich, wie das dann eigentlich genau funktionieren soll. So auf Dauer.
Die Antwort auf die Frage bleibe ich ihr schuldig, während ich in aller Heimlichkeit gemeinsam mit Rosa unauffällige Kürzungen bespreche und mit dem Parasit Möglichkeiten und Ausmaße plane.
Dass selbiges bereits hervorragend funktioniert, zeigt mein jeweils niedrigster nächtlicher Puls, der sich in den heute genau vier Wochen seit meiner Entlassung bereits um 20 Schläge verringert hat. Was mein Eisen- und Hb-Wert machen, will ich garnicht erst wissen. Mal gucken, ob es den Hausarzt morgen mehr interessiert als mich.

Was also am Ende dabei rauskommt, wenn verschwiegene Heimlichkeiten auf bewundernswerte und irgendwie tatsächlich auch sinnstiftende Professionalität treffen? Keine Ahnung und Egal wechseln sich ab. Letzteres fände Alkohol gut. Sehr.

Wachkoma

Alles neu macht der Mai. Heißt es. Aber ich so: nö.

Nun waren es doch nur oder doch ganze 2×2 Tage Pause, die in meinem bisherigen Beitragsrythmus nicht einmal aufgefallen wäre, hätte ich es nicht dazu geschrieben. Tadaaa, da bin ich wieder.

Und weil ich mich nach wie vor nicht entscheiden kann, weder fürs Nicht- noch fürs Leben, hänge ich weiterhin zwischen den Welten, in einem rosaparasitären Strudel. Erstarrt und entfremdet, mit einer schrillen, kaum erklärbaren Dissonanz zwischen meiner physischen und meiner mentalen Existenz.

Lost

Es ist nicht so, dass mir die gesprungene Schallplatte nicht selbst unfassbar sehr auf den Keks geht.
Aber.
Ich bin durch für heute. Könnte am Hangover durch die Bedarfsmedikation von gestern oder am ~4-stelligen Kaloriendefizit oder an der nicht unerheblichen Anämie in Kombination mit einem eher lächerlich anmutenden 6,5-Kilometer-Spaziergang liegen. Oder und.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Kapitulation schleichend kam oder *puff* plötzlich einfach da war. Das Ergebnis bleibt das Gleiche. Unglaublich viel ist mir unglaublich egal – sofern es nicht in Rosas Zuständigkeitsbereich fällt – und dazu zählt auch, dass ich einfach allen sage, was sie hören wollen, nur damit ich meine Ruhe habe.
Ausmaße kennt daher niemand und geschenktes Vertrauen wird ohne große Skrupel angenommen, nur um postwendend schändlich missbraucht zu werden.
Der Parasit schmiedet derweil Pläne und erwägt Gelegenheiten, während ich nur noch müde darauf verweise, dass Restless Legs garkein Ausdruck für das Gefühl in mehr als nur meinen Beinen sind und wir uns für die blöden, langsam wirkenden Eisentabletten – die wir auch erst morgen bekommen – statt einer Infusion entschieden haben. Wissend, dass ihn das äußerst wenig interessiert – wie auch die deutlich kritischeren Konsequenzen, wenn er noch lange so weitermacht.

Dysmorphie

Nachdem Rosa die Wiedereingliederung übersprungen hat und bereits wieder unauffällig, aber überaus fest in meinem Alltag installiert ist, steckt Orange gerade mittendrin und zettelt einen handfesten Streit an. Und sie hat verdammt gute Argumente, die Rosa garnicht lustig findet – und ich noch viel weniger. Weil es nunmal so fragwürdig wie verlockend ist, wenn ich nach heutigem Wiegeergebnis in hochgerechnet spätestens 3 Monaten am selben Punkt sein könnte wie vor der Klinik.

Mein neuer Hausarzt geht wahrscheinlich aus Versehen davon aus, dass ich erwachsen – und noch dazu vernünftig – bin, weil ich nur 4 Jahre jünger bin als er. Und weil ich seltsamerweise diesen Schein waren möchte, nehme ich nach der aktuellsten Blutbildbesprechung mit weiterhin – Sie wissen ja, warum – bestehender Anämie und leeren Eisenspeichern das Rezept für die Tabletten statt die alternativ angebotene Infusion, die der Parasit viel cooler fände. Später kann ich immer noch sagen, dass ich die nicht vertrage.

Der Parasit überlegt, wie weit er es noch treiben kann. Wer schneller ist, Rosa oder er. Beide Varianten finde ich unglaublich beruhigend. Aber dann kommt Orange und der Kreis schließt sich. Wir streiten.

Ich verstehe mich nicht. Warum ich mich so wissent- wie willentlich mit sorgsamer Akribie langsam aber sicher selbt zerstöre. Nicht nur töte, sondern zerstöre. Stück. Für. Stück.