Geträumt

Irreal ist das einzige Wort, das mir zu diesem Tag einfällt.

Jetzt, auf dem Sofa, mit einer schnurrenden Mieze auf dem Schoß, einem Körnerkissen an meinen Füßen und einer Tasse Kaffee neben mir, ist er echt. Ich bin echt. Aber die Arbeit ist wie etwas geträumtes, weit entferntes. Zusammenhanglos. Weit weg von mir.

Die Katastrophe hat etwas kaputt gemacht. Oder die Prioritäten verschoben. Zuvor war Arbeit mein Lebensinhalt – mehr als 100% geben war selbstverständlich, auch wenn ich mich dabei langsam aber sicher aufgearbeitet habe. Jetzt schleppe ich mich pflichtbewusst, aber lustlos von Arbeitstag zu Arbeitstag und frage mich, ob es bitte wieder so werden kann wie vorher, während es tatsächlich jeden Tag weiter in die Ferne rückt. Ich habe meinen roten Faden verloren und weiß nicht, wie ich ihn wiederfinden soll. Ich habe fast niemanden dort in der Katastrophe eingeweiht, so dass ich allein vor meinem Trümmerhaufen stehe und vor lauter Staub alles andere nicht mehr erkennen kann.
Ich bin orientierungslos und soll anderen eine Richtung vorgeben, sie anleiten, motivieren und auch noch Interesse an ihrem Leben haben, weil man das nunmal so macht als gute Führungskraft.

Kann ich mal ne Pause haben, bitte? So für 2 bis 17 Monate, bis sich der Staub gelegt und ich mein Leben wieder sortiert habe?

Nö.

Es ist leichter, mich schlecht zu fühlen…

…und es nervt mich. Warum muss es Arbeit sein, mich ok oder gar gut zu fühlen? Bei anderen geht das doch auch einfach so?

Ich weiß, dass es nicht immer so war und nicht immer so bleiben wird. Und dass ich mich nicht mit anderen vergleichen sollte. Aber jetzt gerade (und schon seit viel zu langer Zeit) ist es so, und es kotzt mich an. Weil es so leicht ist, mich wahlweise schlecht oder nichts zu fühlen, und es so sehr anstrengt, jeden Tag aufs Neue dagegen anzugehen. Und wenn ich es nicht tue, denke ich daran, dass es nur hätte versuchen müssen, statt in Selbstmitleid und einer Diagnose zu versinken.

Leck mich, Welt.

Heul doch!

Mein kleiner Nervenzusammenbruch kam einen Tag früher als gedacht; denn unser heute anstehender Termin, auf den wir so lange gewartet hatten, wurde gestern mittag auf Anfang Februar verschoben. -.-

Ich fühle mich immer noch wie betäubt, weiß garnicht, was ich denken soll. Gesternabend, als ich heimkam, habe ich mich betrunken und Schatz vollgeheult. Schlafen konnte ich kaum. Hunger ist mal wieder weg.
Mein spontaner Plan gestern, den eh schon freigenommenen Tag heute in der Therme zu verbringen, scheitert nicht nur am Schneegestöber, sondern vorallem an meiner Unlust. Atmen ist anstrengend genug. Hätte mein Rücken nicht nach 13 Stunden im Bett gestreikt, wäre ich wohl weiter liegen geblieben. Augen zu und abwarten, dass es 8 Wochen später ist.

Also von vorne. Mich weiter wie ein Zombie fühlen, meine Gefühle vergraben, damit sie mich nicht überwältigen, und irgendwie die nächsten Wochen überstehen. In Gedanken Leute anschreien, heulen, wüten, um mich schlagen – und außen lächeln und winken. Ich weiß nicht, wie ich weiter meinen Job machen soll. Ich kann mich nicht konzentrieren, und ich will verdammt nochmal die Verantwortung gerade einfach nicht mehr tragen müssen.

FUCK.

°

Kalt! war die erste Empfindung, die ihr Bewusstsein drang, als sie erwachte. Nur langsam, denn der Schlaf entließ sie nur zögerlich aus seiner Welt in die ihre. Bewegungslos wartete sie darauf, ob sie wieder zurück in seine warme Umarmung durfte, aber er war fort, und sie fror. Sie lag auf dem nackten Erdboden, ohne Decke oder Kissen. Vorsichtig richtete sie sich in eine halb sitzende Position auf, und spürte neben jedem einzelnen Knochen in ihrem Körper auch die raue, feuchte Holzwand, an der ihr Rücken nun lehnte.
Ihr Gefängnis.
Der Verschlag war winzig, dunkel, und hatte nur ein kleines Fenster, was eher den Namen eines Gucklochs in die Welt da draußen verdiente. Und wieder ein neuer Tag im Paradies dachte sie sarkastisch. Sie versuchte, in sich hinein zu fühlen, in welcher Stimmung sie heute war. Wollte sie kämpfen? Es nur aushalten? Oder wimmernd in eine Ecke kriechen und auf die Nacht und den (meist nicht erholsamen) Schlaf warten?
Heute war sie fürs Kämpfen. Der Funke, den sie fand, war zwar nur winzig, aber dann kämpfte sie eben langsam und mit kleinen einhundert Prozent.
Also stand sie auf und suchte die Stelle, an der sie gestern schon gearbeitet hatte. Wieder einmal fand sie sie nicht, also startete sie von Neuem: mit ihren bloßen Händen kratzte sie so lange an einem der Bretter des Gefängnisses, bis ein Stück sich löste, das sie als Werkzeug verwenden konnte, um vielleicht eines der Bretter lockern zu können. Es war mühsam und anstrengend, und mehr als einmal fing sie sich einen schmerzhaften Splitter in den Fingern ein. Die modrige Luft machte ihr das Atmen bei der Anstrengung schwer.
Am Abend hatte sie nicht viel erreicht. Eines der Bretter war lose, und sie hatte sogar einen Nagel entfernen können, aber dahinter war ein weiteres Brett zum Vorschein gekommen. Sie war müde und erschöpft, und irgendwann, als das Licht schwand, beschloss sie, am nächsten Tag an dieser Stelle weiterzumachen. Sie sehnte sich nach Schlaf, als sie sich am Boden zusammenrollte und die Augen schloss.
Ein Geräusch weckte sie auf. Klebriger Schlaf verlangsamte ihre Gedanken, als ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappte. Es war Schock, als sie die Augen öffnete und es sah, als sie sich an das schwache Licht gewöhnt hatte. Den Hammer in der einen, den Nagel in der anderen Hand, die das gelöste Brett wieder an seinem Platz befestigten. Ihre Hände.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

Pause

Ein anstrengender Tag nach einer anstrengenden Nacht geht zuende. Schatz und ich schauen “unsere Serie“ und ich trinke Federweißen, als eine der Miezen ums Eck kommt und Hunger hat. Schatz steht pflichtbewusst auf, ich drücke auf Pause.

Mein Kopf drückt auf Start: ich sehe mich aufstehen und zum Schrank mit dem Alkohol gehen. Schenke mir einen großen Schluck ein, den ich exe. Schatz fragt, was ich da tue, ob es mir gut geht. Langsam drehe ich mich um, mit Tränen in den Augen und der Klinge im Hinterkopf. “Nein“, sage ich, breche zusammen und heule. Sage, dass ich nicht mehr jeden Tag kämpfen will, dass ich keine Lust mehr habe. Einfach will, dass es aufhört.

Schatz kommt zum Sofa zurück, ich nippe an meinem Glas. Drücke auf Play, und mein Kopf auf Pause.