Gestern bekam ich jemandes Telefonnummer – und fühle mich überfordert.
Jahrelang habe ich, was Freundschaften angeht, auf dem Trockenen gesessen. Chronische Depressionen sind wenig hilfreich, wenn es – auch nach einem Umzug von mehreren hundert Kilometern – um den Erhalt vorhandener oder den Aufbau neuer sozialer Kontakte geht.
Ich habe zur Zeit zwei Arten von Freunden:
- die, die mehrere 100km weit weg wohnen und die man – abgesehen von wöchentlichen WhatsApp-Kontakten – nur ein- bis zwei Mal im Jahr wirklich trifft
- die, die alte Freunde von Schatz sind, die aber auch nicht um die Ecke wohnen und die ich zwar sehr mag, mit denen ich aber nie so 100%ig auf einer Wellenlänge bin
Ich hatte nie eine beste Freundin, und seit Jahren niemanden Vertrautes, außer Schatz. Und seit gestern habe ich die Telefonnummer einer Frau in der Tasche, die mir von sich aus (!) ihre Nummer in die Hand drückte.
Es war nach der letzten Stunde unseres Klettercoachings – schon an den Terminen davor dachte ich darüber nach, ob ich sie nach ihrer Nummer frage. Immer mit der Befürchtung, sie könnte ablehnen und das völlig absurd finden. Also schob ich meine Frage die ganze Zeit vor mir her und hätte es gestern fast sein gelassen. Und dann kam sie ganz am Ende in der Umkleide auf mich zu und drückte mir einen Zettel in die Hand – mit einem offenen Lächeln und den Worten, dass wir gerne mal Kaffee trinken oder spazieren gehen könnten, aber sie würde es ganz mir überlassen.
Ich bin immer noch ganz perplex, weil mir nie in den Sinn gekommen ist, dass sie von sich aus an weiterem Kontakt mit mir interessiert sein könnte. Mit mir!
Jetzt gehe ich seit gestern sämtliche Möglichkeiten in meinem Kopf durch, wie ich es verbocken könnte und bin schon fast so weit, mich nicht zu melden, weil ein Teil von mir damit rechnet, dass ich sowieso nicht mehr Freundschaftsfähig bin. Währenddessen sehnt sich ein anderer Teil seit Ewigkeiten nach jemandem, mit dem ich einfach mal Mädchenkram besprechen kann. Und durch die Gespräche mit dem Coach weiß sie z.B. schon über das ein oder andere „psychische“ bescheid, also haben wir auch hier eine andere Ebene, als wenn wir uns woanders über den Weg gelaufen wären (wären wir nicht, ich mache ja sonst nichts, wo ich Leute kennenlernen würde).
Ich bin also meilenweit davon entfernt, einfach mal so aus dem Bauch heraus an eine neue Bekanntschaft heranzugehen, sondern zerdenke es, soweit ich nur kann. Und das kann ich verdammt gut.

