Anastomose

Ich bin irritiert. Die Diskussion, die keine war, klingt noch nach in meinem Kopf, als ich plötzlich rede. Mich öffne, wenn auch nur eine Winzigkeit, aber seit langem erstmals wieder im nicht selbstschädigenden Sinne. Dabei bin ich nicht mal betrunken. Was mich zusätzlich erstaunt. Und Angst macht. So viel.
Vielleicht ist es das Verständnis, auf das wir stoßen, dass Rosa und den Parasit perplex verstummen lässt. Und nicht nur mein, sondern auch Schatz‘ Zugeständnis, dass niemand jetzt gleich und für immer weg muss, niemand zum Gehen gezwungen wird, sondern dass Babyschritte okay sind. Und wir einfach schauen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn ich nur ein ganz bisschen mehr Verbindung zulasse.
Scheiße, ist das gruselig.

Abnorm


°Triggerwarnung°

Manche Entscheidungen müssen einfach getroffen werden. Nicht, weil man sich für oder gegen etwas entscheiden will, sondern weil… Weil halt. Und so entscheide ich mich. Suche nicht weiter nach ambulanten Therapeuten, halte Rosa weiter ein bisschen zu viel an der einen Hand und den Parasit an der anderen. Ich habe keine Lust mehr darauf, zu Warten und gehe stattdessen langsam, aber beständig, rückwärts, während ich versuche, es nach Babyvorwärtsschritten aussehen zu lassen. Auch für mich. Besonders für mich.

Zu sagen, es hat sich verselbstständigt, wird der Sache irgendwie nicht gerecht. Aber anders kann ich trotzdem nicht erklären, warum ich seit nunmehr fast 5 Wochen außerhalb der Klinik die Tage, an denen ich kein Pflaster an teilweise deutlich mehr als das verlangenden Wunden am Arm habe, im einstelligen Bereich ansiedeln muss.
Dabei bin ich meine eisenmangelbedingten Restless-Legs gerade munter vor mich hin supplementierend losgeworden, als heute wieder einmal ein Upsmoment unter der Dusche entsteht, der so nicht ganz geplant, aber auch nicht unwillkommen ist. Tiefschürfend.

Neonschwarz

„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“

Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.

Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.

Kleine und große Dinge

Es geht mir gut. Punkt. Kein Komma. Kein aber. Ist so, fühlt sich geil an. Ausrufezeichen!

Ja, tatsächlich hat mir der Klinikaufenthalt, der in ein paar Tagen endet, unglaublich gut getan. Die Symptome meiner Depression haben sich verkrümelt, und es geht mir so gut, wie seit Jahren nicht. Mehr noch, ich kann es sogar sagen: es geht mir gut. Ohne, dass ich mich fühle, als würde ich Schwarz verleugnen oder all das wäre nur eingebildet. Nein, es ist real und Teil meines Weges, und es tat weh und wird es vielleicht auch mal wieder tun, aber jetzt gerade nicht. Ich bin unendlich dankbar dafür.

Ich nehme vieles mit aus der Klinik und hoffe, dass es nicht im Alltag versickert. Die Essstörung nehme ich auch mit, die sich dann doch eher Ironie an gut Ironie aus entwickelt hat – dass ich vielleicht nicht mehr täglich Sport machen kann, muss ich erst noch für mich einsortieren. Wie das Ganze ES-Thema, welches mich gerade (zu?) stark beschäftigt und schon dazu führte, dass ich meiner Therapeutin hier in der Klinik nicht die Wahrheit sagte, als es um meine Gewichtsabnahme ging. Vielleicht hole ich das noch nach. Vielleicht auch nicht.

Pause

(Keine) Pausen machen ist eines der Themen bei meiner Therapie (gewesen). Immer wieder falle ich, vor allem Beruflich, in mein angestammtes Muster zurück. Während andere mit keiner anderen Absicht als Ratschen von Büro zu Büro laufen, habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir auf der Toilette jetzt im Winter noch ein paar Sekunden länger als notwendig warmes Wasser über meine dauernd kalten Hände laufen lasse. Wobei notwendig an dieser Stelle natürlich ein dehnbarer Begriff ist, bei Eishänden.

Meine Motivation in der Arbeit ist derzeit aus Gründen, die ich nur zum Teil verstehe, eher wenig nicht vorhanden. Für morgen habe ich mir spontan heute frei genommen, nicht zuletzt wegen der gemeldeten Schneemengen. Für mich vom Gefühl her trotzdem eher ein Blau machen als Frei haben, obwohl alles mit dem Chef abgestimmt ist.
Als ich Schatz davon erzähle – inklusive wenig Bock auf Arbeit – sagt er, “dann nimm dir doch diese Pause, wenn du sie brauchst“. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Dass es eine Pause ist, die ich brauchen könnte und sich dadurch von selbst rechtfertigt – auch wenn ich sie vor mir garnicht rechtfertigen müssen sollte.

Also mache ich morgen (schneeschaufelnd) Pause. Basta.

88 – Tatendrang

Heute bin ich rastlos. Normale Sonntage bestehen bei mir zu 90% aus geplantem Nichtstun, nur unterbrochen von einer Runde Sport und Bügeln für die kommende Woche.
Gebügelt habe ich heute schon, Sport steht noch aus. Wir waren gestern den ganzen Tag unterwegs (ein schöner Ausflug), und ich weiß, wenn ich heute nicht ein bisschem rumgammel, hängt mir das die ganze Woche nach.
Ein Teil von mir will aber heute (unnötigerweise) das Bad putzen, aufräumen, das lang geplante Vogelhäuschen bauen und hundert andere Dinge machen, die ich mir noch ausdenken müsste. Und warum? Weil ich nicht nachdenken will. Über die Katastrophe, die gerade wieder präsenter ist und mich gestern schon beschäftigt hat, über die anstehende schwierige Therastunde diese Woche, über meine Mutter.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Gesternabend, nach genügend Alkohol, habe ich das Foto und ein Outing über meine Depression in die Familien-WhatsApp-Gruppe geschmissen. Ich schrieb, dass ich mich seit 15 Jahren fühle, als würde ich eine Maske tragen, und das nun nicht mehr wolle. Ich bereue es nicht, ich hatte es seit einigen Tagen vor, nur traute ich mich nicht.
Über das Medium lässt sich streiten, aber meine gesamte Familie lebt fast 800km entfernt, da ist alles andere schwierig.
Nun, mein Schwager (der es zumindest in groben Zügen bereits wusste) schickte als Reaktion ein Herzchen. Meine Tante ebenfalls, mitsamt einer Umarmung. Beides finde ich sehr lieb und die einzig wünschenswerte Reaktion. Meine Mama (die es weiß) fragte mich per WhatsApp außerhalb der Gruppe, was passiert sei, dass ich es gepostet hätte.
Irgendetwas an dieser Reaktion bringt mich zur Weißglut. Ich möchte antworten, dass der Grund dort steht: keine Maske mehr. Nenn es Weiterentwicklung, Offensivität, wie auch immer. Aber frag nicht so blöde Fragen, sondern sei einfach stolz auf mich, weil ich endlich ein Stück mehr zu mir stehe!

Genau darüber möchte ich heute nicht nachdenken. Ich geh sporteln.