Dekonstruktion

Langsam sickert die Tragweite dessen, was ich entschieden habe, in mein Bewusstsein durch. Ich bekomme so etwas wie Heimweh, obwohl dank Feiertag am Donnerstag und terminfreiem Wochenende bisher nur Entzug light von Schatz und Zuhause stattfindet und wir uns nur am Freitag garnicht gesehen haben.
Aber ab Morgen geht es hinab in die Tiefen meiner Psyche, und das für die nächsten paar Wochen. Und nach dieser De- und hoffentlich Rekonstruktion meines Innern soll ich dann auch noch wieder zurück in ein Leben finden, das in letzter Zeit keins war.

Wie es mir in letzter Zeit ging, zeigt mir gerade mein Zyklus. Der sich sonst immer jenseits der 30 Tage bewegte, und mir gestern nach nur 23 Tagen sein Ende präsentierte. Dieses Internet beschreibt Stress als eine der Hauptursachen – ich denke, es ist die plötzliche Abwesenheit desselben. Weil ich jeden Tag schwimme und lese und nichts tue, außer auf den Start der Therapien zu warten. Nicht arbeiten, kaum daran denken, abwarten in einer Zuckerwattewolke. Die hoffentlich gut genug klebt, dass ich hier nicht noch mehr von mir verliere, sondern mich wieder zusammensetzen kann.

0815


Ich fühle mich fremd, weit weg von mir. Ich schrieb Klinik-Tagebuch vorhin, aber nur Geschehnisse fanden den Weg aufs Papier, von Gefühlen keine Spur.
Dabei war da gestern noch eins, als ich allein spazieren ging und beinahe geweint hätte, auch wenn ich nicht hätte sagen können, warum. Heutefrüh war ich noch näher an mir dran, aber inzwischen bin ich weit weg und nur ein Echo. Es ist seltsam, ich kann es nicht einordnen. Aber ich habe Angst, dass es so bleibt, und die Therapien nur an der Oberfläche bleiben, weil das Drunter sich aus irgendwelchen Gründen abschottet. Vielleicht ist da Jemand.

Abstrakt

Das ganze Klinik-Gedöns war lange so wunderbar abstrakt, ein Konstrukt in meinem Kopf, dass mich funktional hielt. Und dann kam der Anruf, dass es doch schon eher losgeht. Konkret: nächste Woche.

Oh. Mein. Gott.
Ich stelle mich bloß an, die schmeißen mich noch am selben Tag wieder raus, und ich muss in der Arbeit erklären, warum ich so ein riesen Fass aufmache zwecks meiner Vertretung, nur um Tags drauf wieder auf der Matte zu stehen und verlegen zu lächeln. Und außerdem nehme ich jemand anderem den Platz weg, wer ihn wirklich braucht.
Und selbst wenn ich länger dort bleibe, erwarten die meisten Leute, dass ich geheilt zurück komme.

Ich will mich schneiden. Ich will mich betrinken.

Normaler Wahnsinn

Ich zähle die Tage, ohne zu wissen, wie viele genau es noch sein werden, bis ich raus bin.
Der Urlaub tat so gut, dass ich an seinem Ende an dem Punkt mit Frage angelangt war, ob ich den Klinikaufenthalt wirklich brauche. Dann kam der erste Arbeitstag und meine Konzentration ließ mir nur Kopfschmerzen und Schwindel zurück, als sie spontan davonstürzte, nachdem sie einen kurzen Blick auf die 185 Mails in Abwesenheit riskiert hatte. Nimm mich mit! rief ich ihr noch hinterher, aber da war sie schon weg.

Dis-tanz in Worten

Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.

Prothese

Auf dem Gartenstuhl vor mir liegt die Post, und darauf ein sehr haariges Fliegenbein. Die zugehörige Fliege dazu fehlt. Meine frisch rasierten Beine liegen ebenfalls auf diesem Stuhl, aber ich bin noch an ihnen dran.

Mir ist nach Alkohol, heute. Ich versuche zu verstehen, warum das so ist, aber ich zerschelle an den Möglichkeiten und deren fehlender offensichtlicher Relevanz, so dass nur das Verlangen zurückbleibt, eine Schicht Rausch zwischen mich und die Welt und meine Gedanken zu legen.

Ein bisschen bin ich wie dieses einsame Bein, denke ich. Weit entfernt vom Rest meines Seins.