Untergang

°Triggerwahrnung°

Ich will Alkohol. So sehr. Geht natürlich nicht, hier in der Klinik, weil ich a) keinen hier habe und er b) verboten ist und ich c) keinen wollen will, weil das sonst hieße, dass ich längst eine Grenze überschritten habe, die ich weit entfernt wähnte.
Ich könnte jetzt sezieren, warum ich gerade so sehr ein Wattehirn möchte, aber das würde wohl nur dazu führen, dass ich noch viel mehr eins will. Schneiden hat mir aber bisher niemand verboten.

Es ist Schwarz, die sich abends raus traut und fragil ist. Die alles so anders empfindet, als es sich tagsüber anfühlt. Und am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden, so dass ich meinen könnte, sie wäre garnicht dagewesen. Und wenn da weder ein Glas steht, das noch etwas hochprozentig riecht, noch meine Haut ein Indiz dafür zurückbehalten hast, ist mir, als wäre alles nur Einbildung gewesen, die nicht erwähnt werden muss, weil ja NICHTS! passiert ist.
Aber seit mindestens 3 Abenden liegt Schwarz mir in den Ohren, dass sie etwas will, etwas braucht. Dass sie gesehen werden mag, und wenn es dadurch ist, dass ich sie mit Bedarfsmedikation, die ich mich nicht anzufragen traue, beruhige und die Therapeutin das dann hoffentlich hinterfragt – so ihre Hoffnung. Ich fänd es weit weniger peinlich, mich zu schneiden, als nach Bedarf zu fragen.

Alte Wunden

Gerade ist 2003. Und 2006. Und alles dazwischen, bis 2009, weil ich alte Tagebücher gelesen habe und die Gefühle, die Leere, die Zerrissenheit und die Verzweiflung so fühle, als wären nicht Jahre vergangen, sondern Minuten. Maximal.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mich darin zu verlieren, weil ich nicht finden werde, was ich schon damals verlor.
Und doch ist da so viel, was mich anzieht, so dass ich mich in einem schwarzen Strudel wiederfinde, der mich zu ersticken droht. Ich dachte, ich wäre damit durch. Aber es ist nur ein Pflaster drauf, und ich habe es gerade abgerissen. Es blutet.

Lie to me

Ich denke darüber nach, ob ich mich belüge, und das Ergebnis gefällt mir garnicht. Aber ich weiß, dass ich es tun muss. Und schlimmer noch: auch darüber reden muss, in einer der nächsten Einzelgespräche hier in der Klinik.

Meine Therapeutin fragte heute am Ende der Stunde, ob ich abgenommen habe, weil ich so schmal aussehe. Gut, das kenne ich in dem Outfit, da sagt auch Schatz, dass ich da extra dünn aussehe.
Nein, sage ich, habe ich nicht, keine Sorge. Und füge in Gedanken hinzu, aber schön wäre es! Und seit Aufnahme sind die 1,2 kg weniger vielleicht Zyklusbedingt – vielleicht aber auch nicht. Sie sagt, das sei auch gut so, weil wir sonst nach der positiven Schilderung meines aktuellen Gefühlszustandes schauen müssten, ob sich die Spannung nicht nur verlagert.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie genau damit einen Nerv getroffen hat (wie mit vielen Dingen, die sie in Nebensätzen fallen lässt und die mir die größten Erkenntnisse bringen).
Ich muss hier jeden Tag Sport machen. Ich muss mich bewegen. Ich muss meine Kalorien zählen und deutlich unter der vorgeschlagenen Zahl bleiben. Dass ich nicht abnehme, liegt nicht daran, dass ich es mir nicht wünschen und forcieren würde, sondern nur an der (noch) vorhandenen dünnen Stimme der Vernunft, die sagt, ich soll essen.

Aber ich weiß nicht, ob ich das aufgeben möchte.

Kopf hoch

Ich staune, zu wie viel Selbstmitgefühl ich in der Lage bin. Etwas, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es könnte, geschweige denn, es gut zu finden. Aber irgendetwas macht die Klinik mit mir. Irgendetwas erzeugt Resonanz in meinem Inneren, und ich wünsche mir wirklich (wirklich!), dass ich, was immer es ist, es mit nach Hause nehmen und weiter kultivieren kann.

Auf Resonanz trafen auch die Worte eines Vortrags über Depression, die ich garnicht so genau wiedergeben kann, aber deren Kernaussage mich seither beschäftigt. Depression ist nicht heilbar – aber wenn ich die Auslöser kenne, kann ich (fast, vielleicht auch ganz) symptomfrei leben. Ich weiß nicht warum, aber dieser Gedanke hilft mir viel mehr als der, dass ich Gesund werden kann. Auch wenn das Ergebnis am Ende das Selbe ist.

Und manchmal nehme ich in Gedanken Schwarz an die Hand, und wir gehen gemeinsam ein Stück. (… ein Satz, der mir beim Schreiben Tränen aufsteigen lässt…)

(die Karte auf dem Foto ist von cityproducts – ggf. unbezahlte und unaufgeforderte Werbung wg. Nennung)

Nachts sind manche Katzen schwarz

Ich habe das Gefühl, meine Depression hat sich abgekapselt. Jetzt könnte man meinen, dass das doch super ist, weil sie mich dann nicht so stört. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn Schwarz sich einrollt und in einer Ecke verkriecht, geht sie nicht mit zur Therapie. Dann sitzt sie es aus und kommt erst wieder raus, wenn ich raus bin – aus der Klinik.
Während OrangeGelb sich fragen, ob ich hier genug tue, genug leiste, um die Zeit hier zu nutzen, sagt Schwarz einfach nichts.
Nur am Abend schlurft sie kurz durchs Bild und erinnert mich daran, dass sie auch noch da wäre, aber tagsüber halt nicht rauskommt, weil die sonnenfarbenen Schwestern den Tag schon schaukeln und Jemand zur Therapie geht. Sie würde gerne einen Hinweis auf mir hinterlassen, aber ich lasse sie nicht, weil ich doch Schwimmen gehen will jeden Tag. Dann wäre ich gerne betrunken, sagt sie, aber auch das geht nicht, weil Alkoholverbot. Also legt sie sich mit mir schlafen, und rollt sich in der Nacht wieder wie eine Katze in der hintersten Ecke meines Kopfes zusammen.
Bis morgenabend, flüstert sie.