Seit die Fachmenschin mir mit einem imaginären PostIt zusätzlich die Diagnose Essstörung auf die Stirn geklebt hat, ist ebenjene in Feierlaune. Trötet munter in meinem Kopf umher und meint nun, sie wär echt wichtig. Zählt noch penibler jegliche Kalorien und wird noch strenger, weil, sie steht ja jetzt da auf dem gelben Zettelchen. Von einem Fachmenschen. Da kann man schonmal unter einem Anflug von Größenwahn leiden, gell.
An den vertraglichen Regeln, an denen ich arbeiten soll, beiße ich mir derweil die Zähne aus. Ich sage X, ES sagt weniger. Ich schlage Y vor, ES sagt nö. So winden wir uns umeinander und kommen auf keinen grünen Zweig. ES hat außerdem die tolle Idee, Schatz und mich zu belügen und gnadenlos weiterzumachen. Ganz hervorragend. Nicht.
Vertragsverhandlungen
Das Wochenende werde ich damit verbringen, einen Vertrag auszuhandeln. Mit mir – auf Geheiß meiner Therapeutin, die mir nun auch offiziell eine Essstörung attestiert. Ohne dass sie weiß, dass mein Zyklus gerade keiner mehr ist…
Weil ich noch die Kontrolle habe, soll ich aufschreiben, welche Regeln ab sofort gelten. Regeln, die die ES beschränken, nicht mich. Der vernünftige Teil in mir hat eine Idee, was da festgelegt werden könnte – der essgestörte Teil findet das aber garnicht witzig. Im Gegenteil, der feiert gerade, als solcher erkannt und gelabelt zu sein. Es geschafft zu haben.
Für Alkohol gibt es Regeln. Die habe ich vor ein paar Tagen aufgestellt, und meistens fühlt es sich okay an. Aber fürs Essen? Schwer. Richtig schwer.
Genau 48 Stunden …
… wird mich dieser beknackte Kuchen beschäftigt haben, bis es ihn dann morgenfrüh gibt.
Also, für die Gruppe, nicht für mich.
Heute nicht
Am Montag gibt es Kuchen, und ich könnte überforderter nicht sein.
Eine Mitpatientin, die am Wochenende heim darf, möchte backen und am Montagmorgen in der Gruppe jedem ein Stück Kuchen mitbringen. Toller Zeitpunkt, wo wir doch erst in der letzten Gruppenstunde über das von mir angeregte Thema Den eigenen Körper annehmen gesprochen haben und mir beim Reden nicht nur selbst auffiel, wie essgestört das klingt, was ich so dazu sage.
Jetzt gerade, wo ich seit Wochen mal wieder das widerliche wundervolle Gefühl von Sättigung habe (das mir an normalen Tagen völlig fremd ist und heute nur dem Kürbis und der inzwischen zunichte gemachten Überzeugung, kalorientechnisch trotzdem hinzukommen, geschuldet ist), fühle ich mich bei dem Gedanken noch schlechter. Ich plane schon das Essen der nächsten zwei Tage per App möglichst noch unterkalorischer als sonst, um den Tag heute zu kompensieren, der unfreiwillig zum Cheat-Day wurde, und überlege, wann ich mich frühestens wieder auf die Waage trauen kann. Derweil warte ich auf meine Menstruation, die sich ungewöhnlich viel Zeit lässt und rechne damit, sie mit dem täglichen Sportprogramm, was ich inzwischen durchziehe (außer heute, abgesehen von 10km Spazierengehen -.- ), gänzlich verschreckt zu haben.
Ich habe keine Ahnung, wie ich rauskommen soll aus der Nummer. Noch dazu wird meine Einzeltherapeutin, mit der ich in dieser Woche auch (eher oberflächlich) über das Thema gesprochen habe, die Gruppe leiten. Absagen traue ich mich nicht und außerdem hält der vernünftige Anteil in mir das für völlig überzogen. Aber den Kuchen annehmen und essen, noch dazu um diese Uhrzeit – undenkbar.
Da hab ich sie also, die angestrebte Analyse meines Themas rund ums (Nicht-) Essen:
„Kuchen?“
Nein.
Oder doch, vielleicht? Sieht ja schon auch lecker aus…
Nein! Geht nicht! Geht garnicht!
„Heute lieber nicht, danke.“
Deal with it!
Hungern & Ich.
Alkohol & Ich.
Essen & Ich.
Cravings & Ich.
Seit Tagen will ich all das aufdröseln und analysieren, aber ich bekomme es nicht so hin, wie ich mir das vorstelle.
Dann halt nicht.
(Vielleicht hilfts.)
Will. Nicht.
Im Traum fühle ich mich unendlich erschöpft. Ich liege draußen im Gras und heule, weil ich nicht mehr kann. Wovon ich nicht mehr kann, weiß ich nicht (mehr), aber das Gefühl ist allumfassend.
Als ich aufwache, erscheint jede Bewegung zu viel. Allein aufzustehen kostet unendlich viel Überwindung und Kraft. Viel lieber würde ich liegen bleiben, aber etwas treibt mich dann doch nach zehnminütigem Kampf aus dem Bett.
Der erhoffte Effekt vom Kaffee bleibt aus und liebend gern würde ich mich wieder hinlegen – Zeit wäre genug, der erste Therapietermin ist erst um zwanzig nach zehn. Aber ich muss zum Sport, und das ist nicht verhandelbar.
Mein Körper will keinen Sport machen. Sagt er. Ziemlich laut. Ich höre nicht zu. Stattdessen trage ich ihn ins angrenzende Fitnessstudio, während er sich denkt, dass das nun echt nicht mein Ernst sein kann. Ist es. Mein voller.
Er sieht das anders, aber das ist mir egal. Also macht er mit, um anschließend nur noch mehr zu motzen, dass er schlafen will. Geht aber nicht, weil: Körpertherapie. Ausgerechnet. Mein Kreislauf steigt inzwischen in den Protest mit ein. Soll er doch.
Ich ziehe trotzdem brav all meine Termine heute durch und falle nach dem Abendessen endlich aufs Bett.
Der Gedanke, dass ich für tägliches Training zu wenig das Falsche esse, kommt kurz vorbei, aber wie in der Achtsamkeit gelernt lasse ich ihn ziehen.
Morgen? Zum Sport natürlich. Da muss er schon deutlicher werden, mein Körper.