Verletzungen

Ich

Es war eine Ausnahmesituation, in der ich mich das letzte Mal geschnitten habe. Über ein Jahr war ich vorher ohne, auch wenn es nicht immer einfach war, es wirklich zu bleiben. Seither bin ich wieder ohne – seit 5 Monaten und 2 Tagen. Auch das war nicht immer einfach.

Mama

Vor ein paar Wochen war ja meine Mama zu Besuch. In ihrer FeWo verletzte sie sich aus Versehen an der Ferse, so dass wir sie an den folgenden Tagen mit Wund- und Heilsalbe etc. versorgten. Sie wurde, als sie dann wieder daheim war, sogar noch einige Tage krankgeschrieben deswegen, weil eine Entzündung drohte.
Heute habe ich ein Bild und eine Sprachnachricht per WhatsApp von ihr bekommen. Ihr Finger ist dick einbandagiert, weil sie sich die halbe Fingerkuppe beim Gemüse schneiden fast abgeschnitten hat. Sie war in der Notaufnahme deswegen, und dort wurde die Kuppe angetaped, in der Hoffnung, dass sie wieder anwächst.

Ich

Niemand fragte mich während der ganzen Zeit, die seit der Katastrophe vergangen ist, wie ich in Hinblick auf die SV-Problematik damit zurecht komme oder gar, ob ich mich verletzt habe. Auch Mama nicht. Gerade Mama nicht.

Natürlich habe ich Mitgefühl mit Mama. Die Ferse war doof, die Fingerkuppe auch, und beides tut sicher scheiße weh. Trotzdem frage ich mich, warum sie beides so offensiv an mich kommuniziert, und wie ich darauf angemessen reagieren soll. Und warum es mich irgendwie aufregt…
„Hallo Mama, ach wie doof, das tut ja schon beim anschauen weh! Hoffentlich gehts dir schnell wieder gut! Ach übrigens, weil du gerade nicht fragst, meine fette, große Narbe am Bein von meiner letzten Selbstverletzung ist prima abgeheilt!“ Ähm, nein.

(Nicht) sorry für den heute schon dritten Beitrag. Ist ja mein Blog. Also darf ich das.

Verschwindend gering

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Ein Apfel, 130g Joghurt, 7g Leinsamen … ich rechne aus, wieviel Kalorien ich an einem gewöhnlichen Wochentag so esse. Ich erschrecke, weil es nur 3-stellig ist, und als mir einfällt, dass ich die Milch im Kaffee vergessen habe, erschrecke ich nochmal, weil ich spontan befürchte, doch die 1.000 Kalorien zu knacken und gleichzeitig weiß, dass selbst das zu wenig wäre. Ich knacke sie aber – bei weitem – nicht. Und auch am Wochenende, wenn ich abends etwas Warmes esse, komme ich wahrscheinlich nicht an eine 4-stellige Kalorienaufnahme heran.

Mein Stoffwechsel war schon immer ziemlich gut – nicht im landläufigen Sinne, dass ich besonders viel essen könnte und nicht zunehme, sondern gut im verwertenden Sinne. Mein Körper holt schon immer alles aus den Lebensmitteln raus, was geht. Wahrscheinlich nehme ich deshalb trotz der täglichen negativen Kalorienbilanz nur langsam ab und finde es gleichzeitig gut und schlecht. Mein Essverhalten zerreißt mich innerlich in zwei Lager – doch dazu habe ich ja mehrfach schon etwas geschrieben.

Ursachenforschung

Worüber ich in den letzten Tagen nachdenke, ich der Grund für mein Hungern. Denn eigentlich hasse ich Hunger. Ich werde unausstehlich, wenn ich Hunger habe, und finde es selbst absolut ätzend. Aber irgendeinen Zweck muss es erfüllen, sonst würde nicht in der Küche das letzte Stück Nusskuchen meiner Schwiegerma, dass so verdammt gut riecht, immernoch unangetastet rumstehen, weil ich nicht mal in Erwägung ziehe, es zu essen.

Es ist nicht mein Gewicht. Es ist nicht meine Figur. Mein BMI war nie so niedrig wie jetzt, und meine Figur ist eigentlich ziemlich gut, auch wenn ich meine wabbeligen Oberschenkel (da habe ich die Bindegewebsschwäche meiner Ma geerbt, die werden einfach nicht straff, egal was ich tue) nach wie vor nur in einer gut sitzenden Jeans (wenn ich noch eine hätte, weil alles zu groß wird) angucken und anfassen mag.
Es ist das Gefühl der Kontrolle. Darüber, was ich esse und wann ich esse, und die Faszination, wie eine Tasse Kaffee mit Milch einige Stunden überbrücken kann, ohne dass ich unausstehlich werde.
Es ist das Gefühl der Sichtbarkeit. Alle sehen, dass ich abgenommen habe und niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich fühle es, wenn ich auf einem Stuhl mit harter Sitzfläche oder Lehne sitze und meine Knochen spüre.
Aber es ist auch Ablenkung. In der Zeit, in der ich meinen Körper kritisch im Spiegel ansehe und in der ich darüber nachdenke, was ich wann esse, kann ich nicht an die Katastrophe, die Depression und die Fragen, die ich mir stellen sollte, denken.

Ungestellte Fragen

Also hungere ich, und versuche gleichzeitig, so wenig Hunger wie möglich zu haben. Fasziniert von meinem Körper, der, selbst wenn mein Magen meldet, dass kein Platz mehr ist, noch Hunger signalisiert, weil er nach Nährstoffen giert, und meiner Willensstärke, dem nicht nachzugeben.

Ich weiß nicht, wo es hinführt. Aber auch das ist nichts, worüber ich nachdenke.

Übersprungshandlung

Es ist Samstag, Schatz und ich fahren einkaufen. Und auf dem Rückweg durch unseren (sehr kleinen) Ort fahren wir an dem Arzt vorbei, der mich im Mai nach der Katastrophe mit einem selbstgefälligen und sehr anmaßenden Vortrag fast hat Zusammenbrechen lassen.
Bisher hatte ich weder den Anlass, noch den Mut, mit meinem eigentlichen Hausarzt darüber zu sprechen, aber ich dachte, zumindest ein Teil der Wur und Fassungslosigkeit von damals wäre verflogen. Dass dem nicht so ist, lerne ich in diesem Moment.

Gesichtserkennung

Zuerst denke ich „der sieht aus wie… und starre ihn ziemlich unverholen an (kennt ihr das: wenn man jemanden das erste Mal außerhalb des gewohnten Zusammenhangs und dann noch in anderer Kleidung sieht, muss man erstmal überlegen, ob und woher man das Gesicht kennt). Als er den Kopf hebt und in unser Auto schaut, ist jeder Zweifel ausgeschlossen, und ich kann nicht aufhören, ihn weiter anzusehen. Und ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, erschrocken/verwirrt/wütend zu werden, als dass ich auf die Idee kommen würde, ihn zu grüßen. Ich bin ziemlich sicher, dass er uns erkennt, und er grüßt ebenfalls nicht.

Es macht mich rasend. Alle Gefühle von damals sind in nahezu gleicher Intensität wieder da, und ich möchte aussteigen und ihn anschreien, schütteln, ohrfeigen. Natürlich tue ich nichts dergleichen. Wir fahren vorbei und nach Hause. Packen unsere Einkäufe weg, machen etwas Haushalt.

Wut

Und ich nutze jede Gelegenheit, um kratzbürstig zu sein. Lasse meine Wut an Schatz aus, weil sonst niemand da ist, dem ich die Augen auskratzen kann, und fühle mich schlecht dabei. Erst nach einer Stunde, oder auch zwei, kann ich ihm sagen, was los ist und mich entschuldigen. Er umarmt mich. Ich möchte nicht mehr wütend sein, aber abstellen kann ich es auch nicht.
Ich frage mich, ob er mich wirklich erkannt hat. Ob er mit Absicht nicht gegrüßt hat. Ob er gesehen hat, wie viel ich abgenommen habe und sich Gedanken darüber macht. Ob er mit seinem Vater, dem zweiten Arschloch Vertretungsarzt darüber redet. Dabei möchte ich nicht darüber nachdenken, weil er es nicht verdient. Er sollte mir egal sein, aber genau da liegt ja eines meiner Kernprobleme. Niemandes Meinung über mich ist mir egal.

If your world falls apart, I’d start a riot

Die Katastrophe. 5 Monate und 4 Tage sind vergangen. Und es brennt immernoch.

Stell dir vor…

Jemand dreht dir aus über 1 1/2 Jahrzenten Vertrauen einen Strick.
Jemand wirft dir etwas vor, was du nicht getan hast.
Jemand setzt dich so lange fest, bis du dein eigenes Todesurteil unterschreiben würdest.
Jemand lässt dich dein Todesurteil unterschreiben.
Jemand verletzt deine Privatsphäre.
Jemand drängt dich in eine Ecke.
Jemand zwingt dich in einen absurden Rechtsstreit, dessen Ausgang offen ist.
Jemand zerstört dein bisheriges Leben und zündet die Trümmer an.
Jemand betrachtet dich bloß als Kolateralschaden.
Jemand will deine Existenz vernichten.

Und jetzt stell dir vor…

Jemand meint es ernst. Und es wäre deine Existenz.

Genau genommen ist all das meinem Mann passiert. Ich bin nur zufällig seine Frau. Und vielleicht ist es ein Fehler, all das so nah auch an mich heran zu lassen. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum unsere Beziehung nicht nur funktioniert, sondern so wundervoll ist. Weil ich es persönlich nehme, wenn jemand Schatz bedroht.
Aber ich kämpfe an zwei Fronten. Gegen diesen Jemand, der uns alles nehmen will. Und gegen mich selbst, meinen Kopf, meine Gedanken, meine Hilflosigkeit, meine Müdigkeit.
Jemanden kann und werde ich nicht gewinnen lassen. Bleibt abzuwarten, wieviel für die zweite Front übrig bleibt.

Therapeutisches Klettern

Meine Thera drückte mir in der letzten Stunde einen Flyer dazu in die Hand, mit den Worten, dass sie an mich denken musste, als sie ihn sah. Sie kennt das Programm und ist davon sehr überzeugt. Es findet in Klein(st)gruppen statt und richtet sich explizit an Menschen mit psychischen/psychosomatischen Beschwerden, insbesondere bei Depressionen und Ängsten.

Mit Klettern hatte ich bisher nichts am Hut, aber ich muss sagen, dass sich die Homepage sehr gut liest. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und dort einmal angefragt – und auch schon eine Antwort erhalten. Nächste Woche werde ich angerufen, und dann sehen wir weiter. Mal gucken, ob ich es am Ende dann auch wirlich durchziehe. Ich bin gespannt, ob ich mir die Gruppengröße aussuchen kann (würde schon eine größere – maximal gehen eh nur 6 – bevorzugen, vielleicht lerne ich ja nette Leute kennen) und wie die Termine sind, weil ich ja unter der Woche arbeiten muss. Freitags oder Samstags wäre gut, wenn dann nicht nur verzweifelte Hausfrauen dabei sind…

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?