Leere trifft es ganz gut.

Ich spüre mich nicht. Seit Tagen.

Ich sitze in einer fremden Stadt in einem Hotelzimmer und frage mich, wie ich es eigentlich hierher geschafft habe. Irgendwie muss es jedenfalls funktioniert haben, auch wenn ich mich rückblickend nur wie ein Zuschauer fühle. Der ganze Tag war so … strange. Ja, ich war arbeiten. Ja, ich habe mit meinen Mitarbeitern geredet. Ja, ich habe mich auf Dienstreise begeben. Nein, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles geschafft habe. Oder wie ich die nächsten Wochen zwei Tage überstehen soll.

Noch funktioniert der Autopilot, wenn er muss. Aber jetzt gerade muss er nicht, und es ist gut verdammt scheiße, dass ich weder Alk noch Rasierklingen mitgenommen habe.

What the f*cking hell is wrong with me?

Me.

Einen Versuch war es wert

Nicht.
Gestern. Der Kaffee ist alle, der Cursor blinkt, aber meine Finger tippen keine Worte mehr. Ich fahre den Laptop herunter, bringe meine leere Tasse zur Spüle und gehe zur Toilette. Krame im Medikamentenschrank nach dem verschreibungspflichtigen Muskelrelaxans, das bei mir Watte im Kopf verursacht, und nehme eins. Komme aus dem Bad, nehme meine leere Tasse und fülle sie fast zur Hälfte mit Kräuterlikör und Obstbrand. Setze mich aufs Sofa, schalte den Fernseher ein und trinke in langsamen Schlucken. Lecker ist es nur am Anfang.
Die Wirkung von beidem potenziert sich, mein Kopf geht endlich aus. Nein, kein Filmriss, aber das früher als so unangenehm empfundene Gefühl des Schwindels und der falschen Leichtigkeit breitet sich – sehr langanhaltend – aus und ich genieße es.
Der erste Dämpfer? Als ich mein Abendessen esse, kommen die Geschmäcker nicht in meinem Kopf an, was mich ärgert, weil ich das wenige, was ich esse, wenigstens richtig schmecken möchte.
Der zweite Dämpfer? Sehr viel später. Ich liege im Bett und brauche Finalgon, um nicht durchzudrehen. Ich kann nicht schlafen, und mir wird kotzübel. So bleibt es eine ganze Weile, bis ich doch irgendwann unruhig einschlafe.
Meine Augenringe heutefrüh sprechen neben dem Kopfweh (das ich aber wirklich nur auf den schlechten Schlaf zurückführe) eine eindeutige Sprache.
Ich fühle mich schlecht und schuldig, weil ich mich doch dazu habe hinreißen lassen. Und ich ekle mich vor mir selbst, weil ich bitte nie nie nie ein Alkohol- oder Medikamentenproblem haben möchte. Und ich schäme mich, während ich das hier aufschreibe.
Aber vielleicht war diese Erfahrung nötig. Denn die Tabletten, die ich gestern schon in meine Kulturtasche für meine mehrtägige Dienstreise kommende Woche getan hatte, habe ich wieder rausgenommen, und meinen Plan, mir für abends irgendetwas zum Trinken zu besorgen, in ein wenig leckeres Essen(-gehen) und auf dem Hotelbett Musik hören umgewandelt.
Dann ist auch Scham ein Gefühl, das zu irgendwas gut ist.

Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.

Geplante Planlosigkeit

Ein geplant planloser Sonntag an einem geplant planlosen Wochenende. Wie fast jeder Sonntag, weil ich das genau so brauche. Gammeln, und nur das tun, worauf ich Lust habe. Falls ich zu was Lust habe. Sport ist die einzige Sache, die dann doch fest jeden Sonntag eingeplant ist, weil sonst mein Rücken zu spinnen anfängt.
Mein Sportprogramm ist aber für heute schon durch, und vorher haben Schatz und ich sogar endlich – spontan – das Vogelfutter-Häuschen gebaut, was wir seit dem Frühjahr schon vorhatten. Jetzt also gammeln. Und ich muss sehr darauf achten, nicht in depressiver Langeweile zu versinken, an diesem grau-kalten Herbstsonntag, der eigentlich genau danach schreit.

Pläne

Ich liebe Pläne. Ich brauche Pläne. Auch wenn dann Planlosigkeit geplant ist. Aber eben noch mehr, wenn etwas geplant ist. So wie nächsten Sonntag, an dem ein Auswärts-Frühstück mit Freunden ansteht – dass ich noch nicht weiß, wann wir uns genau treffen (und ob ich überhaupt etwas essbares dort finde, ohne mich schrecklich zu fühlen) und überhaupt, macht mich jetzt schon nervös. Zusätzlich zu dem Umstand, dass es eben kein geplant planbefreiter Sonntag wird.
Man könnte meinen, Spontanität wäre nicht so mein Ding. Stimmt. So garnicht. Und ich hasse es, wenn meine Familie zu Besuch ist (wie heuer gleich vier Mal, wenn auch nicht immer die gleichen Leute), und es keinen genauen Tagesplan gibt. Och, schauen wir mal…, und ich stimme lächelnd zu und bekomme innerlich die Vollkrise.

Planlos

Interessanterweise beschränkt sich mein Planungsbedürfnis ausschließlich auf einzelne, nicht allzu weit in der Zukunft liegende Tage. Ich habe keinen Masteplan für mein Leben, nicht einmal beruflich. Die allseits beliebte Frage wo sehen Sie sich in 5 Jahren? ist daher immer mir viel Improvisation verbunden.
Vielleicht rührt daher die Angst, was in und mit meinem Leben passiert, wenn die Therapie endet. Drei Sitzungen noch, und dann ist mit Jahresende auch dieser Abschnitt vorbei. Und dann?
Und dann?

Entscheidung fürs Leben

Ich bewundere Menschen, die öffentlich dazu stehen, psychisch krank zu sein und/oder sich für Entstigmatisierung stark machen. Ich wäre gerne ein Teil dieser Bewegung, doch dann kommt das Aber.

Ich finde es wichtig, darüber zu reden. Anderen klar zu machen, dass es, am Beispiel meiner Depression, nicht nur ein schlechter Tag ist, dem man mit Zusammenreißen oder Schokolade essen entgegen wirken kann. Dass es keine Ausrede ist, sondern eine zum Teil lebensgefährliche Krankheit, die jedem, der daran erkrankt ist, das Letzte abverlangt.

Aber

Das große Aber, was mich davon abhält, auf Facebook, Instagram und meiner Foto-Homepage, wo ich mich als „öffentlicher“ Mensch zeige, darüber zu schreiben, hat zwei Aspekte. Mit dem einen könnte ich vielleicht sogar nach einer Weile leben: öffentliche Ablehnung, öffentlicher Angriff, Hater. Ich glaube, das könnte mich sogar noch darin bestärken, weiterzumachen.
Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass Menschen, die mich kennen (oder zu kennen glauben), mir meine Krankheit absprechen oder mir (beruflich) einen Strick daraus drehen.
Ich weiß, dass ich mich durch diese Angst selbst diskriminiere. Mir nicht erlaube, in bestimmten Bereichen meines Lebens ganz ich selbst zu sein. Denn auch wenn ich nicht vorhätte, in der Arbeit mit Megaphon und Schild durch die Gänge zu laufen und „End the Stigma“ zu rufen, könnte ja jemand beim Stöbern (oder gezielten Suchen) im Netz darüber stolpern und es irgendwie benutzen.

Respekt

Daher ziehe ich meinen Hut vor allen, die es trotzdem tun. Die sich öffentlich so verletzlich und so stark zeigen, wie sie wirklich sind und für mehr Toleranz und Verständnis kämpfen. Danke.

Am Ende

Ich darf endlich wieder ins Bett. Aber anders als bei den Puppen, die beim Hinlegen die Augen schließen, gehen meine auf, als mein Kopf das Kissen berührt und ich das Licht ausschalte.
Der Tag war lang und ätzend. Brennende Kopfschmerzen, den ganzen Tag, weil ich seit Tagen nicht gut schlafe. Ich habe wieder mit Lasea angefangen, die mir das Ein- und Durchschlafen leichter machen. Dennoch fühle ich mich seit Tagen beim Aufwachen erschöpfter, als beim Schlafengehen.
Was am Tag zuvor erstaunlich gut funktionierte – mir sagen, dass Nachdenken nichts bringt und ich einfach schlafen sollte – zeigt jetzt keinerlei Wirkung. Ich denke an die Fahrt zur Arbeit, und dass ich fast umgedreht wäre an diesem Morgen, weil ich mich so unendlich müde fühlte und aus Angst, Erschöpfung und Sorge Weinen musste. Ich denke an die Fahrt nach Hause, bei der ich mich richig erschrocken habe, als mir auffiel, dass es erst Dienstag ist und ich noch 3 weitere Tage vor mir habe.
Ich liege also im Bett und denke. Schlafe ein, wache auf, denke, döse, und hoffe nicht, dass ich es am nächsten morgen trotzdem schaffe, aufzustehen.

Als ich wieder mal aufwache und nach langer Zeit doch auf die Uhr schaue, ist es 3.20 Uhr. Der Wecker geht in 1 1/2 Stunden, ich fühle mich, als hätte ich garnicht geschlafen. Ich bemerke Bauchkrämpfe, gehe zur Toilette und nehme eine Tablette. Als ich wieder ins Bett gehe, denke ich, dass ich unmöglich so arbeiten gehen kann. Eine Stunde Autofahrt in der Verfassung – keine gute Idee. Ich schreibe eine Email, melde mich krank, und schalte den Wecker aus. Endlich kann ich etwas schlafen.

Es ist kurz vor 9, als ich aufwache. Mein schlechtes Gewissen ist auch gleich da und hält mir vor, was für eine faule Sau und ein schlechter Mensch ich bin, dass ich heute krank bin blau mache.
Ich brauche fast eine halbe Stunde, bis ich mich zum Aufstehen aufraffen kann. Meine Knie tun aus unerfindlichen Gründen weh, ich habe immernoch, oder schon wieder Kopfweh, in meinem Handgelenk scheinen aus genauso unerfindlichen Gründen einige Nerven entzündet zu sein. Meine Bauchkrämpfe sind immernoch leicht da, meine Periode nach wie vor nicht – heute ist Tag 34 und ich weiß, dass ich nicht schwanger bin, auch wenn mein Bauch derzeit wie im 3. Monat ausschaut, weil er mal wieder so geschwollen ist (und ich mich wirklich mal auf Endometriose untersuchen lassen sollte). Ich habe das Gefühl, mein Körper will mir sagen, dass irgendetwas mal so überhaupt nicht stimmt. Mir fällt ein, dass mir in der Nacht ständig zu heiß oder zu kalt war, und mein Lymphknoten am Hals geschwollen war.

Ich versuche also, meinem schlechten Gewissen so wenig Raum wie möglich zu geben, während es mir weiter einzureden versucht, dass ich genauso gut hätte Arbeiten gehen können, statt faul und unproduktiv auf dem Sofa herumzusitzen. Den Tag zu nutzen, um etwas zur Ruhe zu kommen und mich um mich selbst zu kümmern.

Am Ende wird sich zeigen, wer gewinnt.