0815


Ich fühle mich fremd, weit weg von mir. Ich schrieb Klinik-Tagebuch vorhin, aber nur Geschehnisse fanden den Weg aufs Papier, von Gefühlen keine Spur.
Dabei war da gestern noch eins, als ich allein spazieren ging und beinahe geweint hätte, auch wenn ich nicht hätte sagen können, warum. Heutefrüh war ich noch näher an mir dran, aber inzwischen bin ich weit weg und nur ein Echo. Es ist seltsam, ich kann es nicht einordnen. Aber ich habe Angst, dass es so bleibt, und die Therapien nur an der Oberfläche bleiben, weil das Drunter sich aus irgendwelchen Gründen abschottet. Vielleicht ist da Jemand.

Abstrakt

Das ganze Klinik-Gedöns war lange so wunderbar abstrakt, ein Konstrukt in meinem Kopf, dass mich funktional hielt. Und dann kam der Anruf, dass es doch schon eher losgeht. Konkret: nächste Woche.

Oh. Mein. Gott.
Ich stelle mich bloß an, die schmeißen mich noch am selben Tag wieder raus, und ich muss in der Arbeit erklären, warum ich so ein riesen Fass aufmache zwecks meiner Vertretung, nur um Tags drauf wieder auf der Matte zu stehen und verlegen zu lächeln. Und außerdem nehme ich jemand anderem den Platz weg, wer ihn wirklich braucht.
Und selbst wenn ich länger dort bleibe, erwarten die meisten Leute, dass ich geheilt zurück komme.

Ich will mich schneiden. Ich will mich betrinken.

Normaler Wahnsinn

Ich zähle die Tage, ohne zu wissen, wie viele genau es noch sein werden, bis ich raus bin.
Der Urlaub tat so gut, dass ich an seinem Ende an dem Punkt mit Frage angelangt war, ob ich den Klinikaufenthalt wirklich brauche. Dann kam der erste Arbeitstag und meine Konzentration ließ mir nur Kopfschmerzen und Schwindel zurück, als sie spontan davonstürzte, nachdem sie einen kurzen Blick auf die 185 Mails in Abwesenheit riskiert hatte. Nimm mich mit! rief ich ihr noch hinterher, aber da war sie schon weg.

Dis-tanz in Worten

Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.

Diffus

Der Cursor blinkt penetrant vor meiner Nase herum, als hätte er nichts besseres zu tun. Aber wenn er so ist wie ich, hat er das vielleicht tatsächlich nicht, einfach, weil ihm nichts besseres einfällt. Also starren wir uns gegenseitig an, ich blinzle, er blinkt. Er gewinnt.

Ich würde so gerne etwas in Worte fassen. Es sortieren, chrolonogisch, thematisch, nach Relevanz. Sätze bilden, eine Zusammenfassung dessen, was mich schlussendlich in die Klinik bringt oder gebracht hat. Aber der penetrant blinkende Cursor hinterlässt langsam Abdrücke, weil es es auf immer derselben Stelle tun muss. Nur, weil ich ihn nicht beschäftigen kann. Wie mich.
Ich kann nichts greifen von dem, was als diffuse Ahnung eines – vielleicht sogar schlauen – Gedankens durch die hintersten Ecken meines Kopfs weht. Es fühlt sich so an, als wären da wichtige Dinge, die festgehalten werden wollen, damit ich die Zeit in der Klinik auch optimal nutzen kann, aber sie entgleiten mir immer wieder. Dabei wäre es mir so wichtig, eine fertig strukturierte Aufstellung meines bisherigen Weges sowie meines nichtDenkens und nichtFühlens mitzubringen, so dass die Therapeuten nur noch sagen müssen, ich solle jetzt bitte Dieses tun, damit es mir anschließend ganz hervorragend geht. Für immer.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Als wäre genau das Teil des Problems.

2 von 3

Es ist vielleicht ironisch, vielleicht auch nur interessant, dass der Gedanke an die Klinik derzeit den gleichen Stellenwert in meinem Kopf einnimmt, wie vorher die Katastrophe. Das Loch, welches das Ende derselben hinterlassen hat, füllt nun der Klinikgedanke und lässt mich – einigermaßen – funktionieren. Und ich habe wirklich Angst davor, wenn es dann soweit ist, und auch der Gedanke nicht mehr da ist. Wenigstens ist dann da ein Netz, was mich hoffentlich auffängt.
Dieser Tage beinhaltet die Vorstellung eines erstrebenswerten Abends vorallem Alkohol und Rasierklingen. Wenn mich erst das Loch wieder zu verschlingen droht, will ich nicht wissen, wie es dann um meine Selbstbeherrschung bestellt ist.

Seit heute habe ich erst einmal Urlaub, auch wenn mich der Gedanke an die viele freie Zeit überfordert. Aber die paar tausend Dinge, die ich vorhabe, tun das genauso.
Vielleicht schaffe ich ja, was ich mir seit der Klinikzusage vorgenommen habe: ein paar wichtige Dinge aufschreiben, die ich ansprechen muss um mich dann doch nicht zu trauen.