Argwöhnisch und mit hochgezogener Augenbraue betrachte ich dieses seltsam fantastische Gefühl, einen Plan zu haben, ohne dass es ein wirkliches Ziel braucht.
Gestern. Ich stehe auf dem CrossTrainer im FitnessStudio, nachdem ich dort – nachmittags, also mit Essen und Trinken in mir drin – auf der Waage war, um meinen Muskel- und Körperfettstatus zu erfahren und einen Termin zur Trainingsplanbesprechung für nächste Woche ausgemacht habe und °pling° ist er da. Der Plan. Für die Arbeit. Für Sport. Fürs Essen. Mit Rosa. Mit dem Parasit. Beide an der Hand, halb umarmt, lassen mich planen. Und schauen beinahe neugierig zu.
Und heute? Ist er immer noch da. Ein Plan für mein Leben. Ganz unaufgeregt, kein 5-Jahres-Masterplan mit smarten (Treppen-)Zielen, sondern einfach ein ok, ich mach einfach weiter 3 Mal die Woche Sport für richtig echten Muskelaufbau, schaue weiter trackend, aber kritisch auf meine Ernährung und konzentriere mich in der Arbeit auf die und die Punkte. Und dann schau ich mal, was passiert.
Ja, ich bin genauso perplex. Freue mich und habe Angst, mich zu freuen, weil es mich ja auch nur verarschen könnte. Also, das Leben. Oder mein Gehirn. Oder so.
°Bähm° halt.
Schlagwort: Selbstfürsorge
Erwähnenswertes
.kein Pflaster
.keine Notwendigkeit für eines
.eine seit 1 1/2 Wochen auch an Schatz kommunizierte Kaloriensteigerung
.Rosa, die sich freut, dass es dennoch zu wenig sein und weiterhin hübsch kontrolliert wird
.ich, die ich den wahrscheinlich bloß zyklisch bedingten Fast-Stillstand auf der Waage kritisch beäuge
Inpatient ⦁ Körperintelligenz
Dienstag. Wiegetermin beim Hausarzt, es ist sein letzter Tag vor dem Urlaub. Ich habe extra meine Eigenverantwortung, die seit Ewigkeiten in einer Ecke liegt und vor sich hin gammelt, abgestaubt und eingepackt, um sie ihm vor die Füße zu werfen. Ich will sie nicht, soll er damit machen, was er will.
Denn irgendwas ist passiert in den letzten Tagen, insbesondere nach unserem Ausflug. Es geht nicht mehr. Ich funktioniere nicht mehr und fühle mich physisch wie psychisch am Ende.
Doch ich werde nur auf die Waage gestellt, die einen Hauch mehr anzeigt als am Freitag – an dem ich nüchtern war, während ich jetzt schon diverse Tassen Tee und Kaffee intus habe und das auch sage; genau wie dass meine Waage daheim einen Hauch weniger zeigt als am Freitag – und mit einem neuen Wiegetermin in 14 Tagen nach Hause geschickt. Ohne Arztgespräch.
Immernoch Dienstag. Fünf Minuten, bevor der Vertretungsarzt schließt. Ich rufe dort an und soll kurz angeben, worum es geht. Ich stammle etwas von Untergewicht und Einweisung ins Telefon und erhalte einen Termin für Donnerstagmittag. Das ist der Moment, in dem Rosa erkennt, dass ich es ernst meinen könnte. Aber noch bevor sie den Mund aufmachen kann, sage ich ihr, dass sie die Klappe halten soll, und erstaunlicherweise hält sie sich daran. Was mich fast noch mehr verunsichert.
Donnerstag. Natürlich überlege ich, den Termin abzusagen. Weil ich bestimmt nicht krank genug bin, nur überreagiere und mir die weiteren Androhungen zur totalen Systemabschaltung von Körper bloß einbilde. Aber ich gehe trotzdem hin und habe wieder meine Eigenverantwortung eingepackt. Diesmal werde ich sie los. Er gibt mir die Zusage für eine akute Einweisung in eine psychosomatische Klinik, kümmert sich um einen Platz, nimmt heute nochmal diverse Werte ab und dann… Ja, dann geht es hoffentlich (?) sehr kurzfristig stationär. Und das ist die Stelle, an der ich fast sowas wie froh bin über meine kognitiven Nicht-Funktionen, weil Nicht-Denken an der Stelle bedeutend weniger Angst macht. Und Rosa? Schweigt sich aus, gerade.
Vorschuss
Der Körper macht Sport. Ich habe ihm bloß die Geräte und die Hanteln hergerichtet, den Rest kann er selber. Automatisch. Ich schaue ihm von innen dabei zu und beschäftige mich hauptsächlich mit denken.
Zwischendurch frage ich mich, ob ich gerade wirklich Sport mache, weil ich kaum weiter entfernt von einem Gefühl für den Körper sein könnte, der pflichtbewusst seiner übertragenen Aufgabe nachkommt. Alles geht erstaunlich leicht, ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Weil er seit vorgestern nicht mehr richtig Luft bekommt – was vorher nur phasenweise auftrat, ist seither Dauerzustand, als würde ein Betonklotz auf meinem Brustkorb liegen.
Langsam – ganz langsam – dämmert mir nicht nur rational, sondern auch auf tieferliegenden, gefühlsdominierten Ebenen, dass wir vielleicht doch wieder mal mit- statt gegeneinander arbeiten sollten, Körper und ich. Weil, es rettet mich keiner. Und das Ende auf Raten fängt an, unlustig zu werden. Nicht so, dass es Angst macht, aber irgendwo ganz tief innen wird scheinbar doch so etwas wie ein Überlebenswille aktiviert.
Ich gebe mir Mühe, darauf zu vertrauen, dass es schnell genug dämmert, ohne es erzwingen (lassen) zu müssen und doch noch so etwas wie ein gesunder Körperinstinkt vorhanden und kein hinterlistiger Schachzug von Rosa ist.
Neonschwarz
„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“
Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.
Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.
Ratio
Die ES prattet. Weil ich bei der Ernährungsberaterin war und doch tatsächlich daran denke, das Essstörungs-Programm dort zu machen – noch dazu, weil Mama zahlt und ich mir deswegen über die Kosten nicht den Kopf zerbrechen muss. Im Januar ginge es dann los, mit Terminen über etwa 3 Monate.
„Du willst also echt zunehmen?!“ fragt mich die ES. Passiv-aggressiv kann sie.
Nein, eigentlich kann ich mir gerade kaum etwas weniger vorstellen. Mehr auf der Waage macht mir eine riesengroße Angst. Mehr auf meiner Kalorientagesbilanz macht mir eine riesengroße Angst. Nicht mehr den ganzen Tag an Essen denken macht mir eine riesengroße Angst.
Nicht mehr krank sein macht mir eine riesengroße Angst.