Der einzig mögliche Zeitpunkt

Mein Gewissen schreit fragt mich ja pausenlos, wer eigentlich die idiotische Idee hatte, ausgerechnet jetzt blauzumachen krank zu sein. In der Hochphase in der Arbeit. Schwarz übrigens, aber das nur am Rande. Die sich zur Zeit erstaunlich bedeckt hält.
Mir ist klar geworden, dass es der einzig mögliche Zeitpunkt überhaupt war für den Zusammenbruch. Ja, es ist megaviel zu tun. Aber wenn ich nun weiter arbeiten gegangen wäre, dann hätte ich in einigen Wochen wohl gedacht, dass ich jetzt auch nicht zusammenbrechen brauche, schließlich war ja vor einigen Wochen viel mehr zu tun.

Ich habe Angst vor der anstehenden Arbeitswoche. Weil ich keine Ahnung habe, was ich erzählen oder wie ich reagieren soll, wenn ich auf das Kranksein angesprochen werde. Ich weiß, ich müsste niemandem auch nur irgendwas darüber sagen, aber wie sagt man, dass man nichts sagen möchte und später dann aber sagen muss sollte, dass man vielleicht, eventuell, voraussichtlich, hoffentlich einige Wochen stationär gehen wird?

Ich mag nicht.

Mindf*ck

Möglicherweise hatte Schwarz genau das im Sinn, als sie mich gesternabend nach einer ätzenden Nacht und einem noch viel ätzenderen Tag wieder mal zum Alkohol greifen lässt. Viel Alkohol. Der erst meinen Kopf angenehm ausschaltet, aber dann die Mauer, die ich so sorgfältig um meine Gefühle gebaut habe, erst bröckeln und schließlich unter viel Lärm und Staub in sich zusammenstürzen lässt.

Plötzlich kann Schwarz all das rauslassen, was ich sonst so sorgsam kontrolliert wegsperre. Und sie lässt viel raus. So sitze ich dort auf der Terrasse mit Schatz und heule, weil Schwarz so sehr nicht mehr kann und sich einen Hauch Beachtung wünscht. Sage Dinge, die ich nüchtern nie ausgesprochen hätte und lasse zu, dass Schwarz sogar erwähnt, dass mein Hausarzt noch Sprechstunde hätte und es nicht das schlechteste wäre, genau jetzt zu ihm zu fahren, weil ich genau weiß, dass Nüchtern und am nächsten Tag Schwarz wieder weggesperrt sein wird.

Ich lasse Schatz mich lenken, und als ich mich im Wartezimmer wiederfinde und die Woge des Alkohols nachzulassen scheint, frage ich mich, was ich eigentlich hier tue. Außer mich anstellen und so.
Der Weg ins Sprechzimmer und die frische Luft der offenen Balkontür spülen eine neue, heftige Welle Rausch über mich hinweg, und Schwarz weiß genau, was sie hier tut. In meinem Kopf steht ein minutenlanger Monolog bereit, der beschreibt, wie es Schwarz so geht. Aber als der Arzt vor mir sitzt, sind da plötzlich nur noch Bruchstücke, und genau so fallen auch meine Worte aus. Bruchstücke, aus denen man mehr Verzweiflung heraushört, als ich es mir selbst zu fühlen gestatte.

Viel ist nicht rekonstruierbar aus dem Gespräch. Ich soll mich um einen psychosomatischen Klinikaufenthalt bemühen, soll mich nochmal melden am Ende der Woche, ggf. auch wegen Medis zum Schlafen. Ich bin die nächsten zwei Wochen krankgeschrieben.

Die Nacht war kurz. Die Mauer um meine Gefühle steht noch nicht wieder. Und da ist das schlechte Gewissen, weil es gerade jetzt in der Arbeit so viel wichtiges für mich zu tun gäbe und viele Gedanken an das, was ich an fachlichen Dingen noch meinem Chef schreiben muss möchte.
Ganz viel Sortierarbeit liegt vor mir, und die Aufgabe, mich mit dem Thema Klinik zu beschäftigen, was mir ebenso viel Angst wie Hoffnung macht.

Hulk

Seit 1 1/2 Wochen sitze ich nun überfordert vor meinem Leben, welches seit ziemlich genau einem Jahr unter Schutt und Asche in Scherben vor mir liegt.
Die Teile sind wild verstreut, dreckig und teilweise winzig klein. Ich habe das dringende Bedürfnis, etwas zu tun, ohne zu wissen, wo und wie ich eigentlich anfangen soll. Also suche ich mühsam und wenig strukturiert Stück für Stück aus dem Haufen heraus und versuche, das was ich finde irgendwie zu sortieren.
Vielleicht würde mir das sogar gelingen, wären da nicht andere, welche weder meinen unsortierten Sortierhaufen noch den Schuttberg sehen (können), die mir seither mit beeindruckender Effektivität wieder alles durcheinander bringen, mir den Kleber wegnehmen und Teile, die ich schon rausgezogen und zumindest bis zur Erkennbarkeit gereinigt hatte, wieder zurück in den Dreck kicken.

Seit Tagen schaue ich diesem Schauspiel nun zu – höflich bis freundlich lächelnd, funktionierend, unbeteiligt. Ignoriere, dass mein Körper nur auf eine Gelegenheit wartet, mir den Dienst endgültig zu verweigern. Zwinge ihn dazu, weiterzumachen, obwohl er lauthals Pause! brüllt und sehr kreativ darin ist, mir die Notwendigkeit einer solchen begreiflich zu machen.

Es fehlen einige Teile, die ich bisher nicht ausmachen konnte unter all dem Müll, der vor mir liegt. Ich habe den Verdacht, die Befürchtung, dass es sie bei dem großen Knall damals pulverisiert und irgendwo hin verweht hat.

Ich bin wütend, aber darf es nicht sein. Wütend auf Menschen, auf die ich nicht wütend sein darf. Wütend auf das, was passiert ist, ohne es ändern zu können. Wütend auf mein Leben, dass es einfach dort rumliegt und so durcheinander ist. Wütend auf mich, weil ich so viel verloren habe. Wütend auf meinen Kopf, der nicht mehr richtig funktioniert. Ich bin so unendlich wütend, dass ich mich selbst in Stücke hacken und neben die Scherben legen will, denn dann passt es wenigstens zusammen.

Nichts darf raus.
.
Ich stehe am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und alles, was ich denke, ist: och, eigentlich könnte ich mich auch mal setzen.

Ich halte den Kopf unter Wasser – dann ist mir der Regen egal

Zocken. Gammeln. Nicht an in 1 1/2 Wochen denken. Wenn die Katastrophe in die nächste Runde geht.
Der Termin hat das Potential, mich in Panik zu versetzen, also versuche ich, nicht daran zu denken. Wenn ich es doch tue, sehe ich mich in Gedanken schreien, um mich schlagen und durchdrehen – wieder einmal. Aber ich habe mich in der Gewalt. Ich halte dem schreienden, um sich schlagenden, durchdrehenden Teil das Messer an die Kehle und zwinge ihn zur Ruhe, weil ich nächste Woche funktionieren muss. Daran führt kein Weg vorbei. Also halte ich das Messer versteckt, aber so, dass der Teil es im Rücken spürt, während wir unseren Verpflichtungen nachgehen.
Weder über den einen, noch über den anderen möglichen Ausgang dieses Termins will ich nachdenken. Beide Varianten haben das Potential, meinen Zusammenbruch zu bewirken den sich ein Teil von mir – der mit dem Messer an der Kehle – wünscht, weil loslassen wirklich verlockend klingt.
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Trip

Es beginnt damit, dass mein Kreislauf spinnt. Wir frühstücken draußen, knippsen Krokusse, und bei jedem Aufstehen wird mir schwindlig und meine Lippen beginnen zu prickeln.
Ich gehe irgendwann rein, setze mich aufs Sofa. Meine Hände sind ganz weiß und mein Gesicht wahrscheinlich noch mehr, so wie ich mich fühle.
Ich will eine Doku am Laptop gucken, aber ich kann dem Verlauf nicht folgen. Mein Mund wird trocken. Ein Verdacht formt sich.
Schatz kommt dazu, ich kann ihm garnicht richtig sagen, wie ich mich fühle. Wir schauen fern, aber die Unterhaltungssendung ist für meine geistige Verfassung viel zu anspruchsvoll. Ich muss weinen, weil ich eine Riesenangst davor habe, verrückt zu werden. Schatz hält und beruhigt mich, ich mache die Augen zu. Mir ist so schwindlig, dass die Welt einen fühlbaren Ruck zu machen scheint, wenn ich die Augen wieder öffne. Schatz hat mich im Arm und ich beruhige meine immer ich steigende Angst damit, dass er schon auf mich aufpassen wird. Immer wieder mal fällt mir ein, dass ich aufs Klo müsste, glaube aber nicht, dass ich laufen könnte und habe die Sorge, ich könnte es vergessen und mir in die Hose machen.
Irgendwann wird es etwas besser. Langsam, die Angst kommt immer noch in heftigen Wellen, die aber auch irgendwann weniger werden.
Als ich ins Bett gehe, bin ich totmüde, und fühle mich immer noch benebelt. Ich schlafe unruhig, träume verwirrende Zeug.
Als der Wecker geht, versuche ich herauszufinden, ob es mir besser geht. Ich einige mich nach einer kleinen Bestandsaufnahme auf Ja, aber auch, dass ich heute nicht arbeiten gehen kann oder will, weswegen sich das heutige nicht-fühlen immerhin mit Schuldgefühlen abwechselt. Wobei letzteres abnimmt, je mehr ich merke, wie sehr mein Kopf heute noch die Arbeit verweigert.

Zwei Dinge sind möglich. Der Keks war ein Haschkeks mit Überdosis und ich hatte etwas, das sehr nahe an einen Horrortrip heran kommt, oder – und das wäre die sehr viel beunruhigende Variante – dass mein Kopf die Symptome nur simuliert und die irgendwann mal gelesenen, nie selbst erlebten Zustände dazu auserwählt hat, weil es zum Kontext passte.
Was es auch war, es lässt ein ungutes Gefühl zurück. Ein was wäre, wenn, weil es mich ein Stück weit an meinen damals eindeutig psychischen Zusammenbruch von 2013 erinnert – so anders war das damals nicht, nur weniger heftig.

VeRrÜcKt oder nicht, ist die Frage des Tages.

Dunkelschwarz

Ich will wegrennen. Loslassen.
Ich bin mir sicher, würde ich loslassen, meine Selbstkontrolle nur eine Sekunde aus den Augen lassen, würde ich in der Psychiatrie enden. Und es klingt so verlockend. Die Verantwortung abgeben, mich um nichts kümmern müssen. Durchdrehen, wann immer ich will.
Wegrennen klingt ebenfalls gut. Ein paar Sachen packen und untertauchen. Zur Ruhe kommen. Einen Weg finden, mit der Unsicherheit des laufenden Verfahrens – der Katastrophe – zu leben.
Aber ich habe Verpflichtungen. Persönliche. Berufliche. Finanzielle. Vorallem finanzielle. Da kann ich nicht einfach abhauen, es würde alles nur noch schlimmer machen.
Falls das geht.

Das ist alles so … absurd. Falsch. Unfair. Wie ich dabei nicht zusammenbrechen soll, ist mir ein Rätsel. Kann man so etwas überhaupt aushalten? Ohne zu schreien, zu heulen, wegzurennen, sich zu verletzen oder zu beschließen, dass es genug war?

Ich will das alles nicht. Aber jedes Mal, wenn ich aufwache, muss ich feststellen, dass der Albtraum keiner war, sondern sich Leben nennt.