Fraglich

Stell dir vor, du bist Mutter einer sport- und magersüchtigen essgestörten Tochter und verbringst deinen Jahresurlaub mit deinem nicht-mehr-ganz-so-neuen-Mann in der 100m Luftlinie entfernten Ferienwohnung. Für wie sinnvoll hältst du es, ihr deine getrackte Walkingstrecke mit Zeit-, Kilometer- und Kalorienverbrauchsangabe als Screenshot zu schicken?

[ ] wenig sinnvoll bis hirnrissig
[ ] vielleicht als reine tagesausflugsinfo sinnvoll, wenn keine kalorienangabe dabei wäre
[x] warum? na klar schick ich ihr das!

Selbst Rosa ist irritiert. Fragt sich, ob sie überhaupt da ist, oder zur Unsichtbarkeit neigt. Ich jedenfalls scheine es zu sein. Und tendiere dazu, die eigene Sporteinheit von heutefrüh als Nichtig anzusehen und nochmal nachlegen zu wollen.

Lippenbekenntnisse

„Am Samstag müsst ihr dann Hungern, weil wir da gibt’s dann ja abends was! “ sagt mein Papa und spielt damit auf den geplanten Restaurantbesuch an, und während Rosa verwirrt schaut, weil sie das eh für selbstverständlich hält, klärt sich für mich in dem Moment die Frage, ob mein Papa auch nur ahnt, dass Rosa auch mitkommt. Wohl eher nicht.

Rosa und ich haben eine Horror-Woche vor uns. Oder stecken schon mittendrin. Gestern Essengehen mit Freunden. Morgen und übermorgen eine berufliche Veranstaltung im Hotel, mit Übernachtung. Freitag bis Montag Besuch bei meiner Familie, die grundsätzlich alle Treffen mit irgendeiner Form von Essen konnotiert. Meine Mama schickt mir seit zwei Tagen Rezeptvorschläge für Sonntag, bei denen Rosa mich nur entgeistert anschaut und ich hilflos mit den Schultern zucke. Das Restaurant, in das wir mit meinem Papa gehen, hat keine Speisekarte online. Sport wird außerdem schwierig in der Woche. Vielleicht schaffe ich nur zwei Mal. Nicht gut.
Und in der Woche drauf Termin bei Frau Ernährungsberaterin. Jäi.

Rosa und ich müssen uns also irgendwie durchwinden. Wenig Kalorien unter ausreichend Essen tarnen, vor der Familie auch noch erzählen, wie toll es wäre, wenn die Essstörung bald Geschichte wäre, während ich Rosa dabei sanft an mich drücke und ihr heimlich versichere, dass das alles nur Lügen sind. Ehrlich. Ich will das alles so, wie es gerade ist. Genau. So. Ich will zerbrechlich sein, und kontrolliert und einsam und schwach und und leicht und besonders, und will es genießen, meinen Körper immer weiter zu treiben. Ich weiß, dass ich es nicht sollte. Aber die Person zu sein, die man sein sollte, daran scheitert jeder. Also bin ich, was ich sein will. Auch, wenn es dumm ist.

Aufgabe

Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.

Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.

Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.

Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.

Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.

*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen

Abgetötet

Kürbissuppe antworte ich auf die Frage meiner Mutter, was es denn heuteabend zu essen gibt. Und was machst du da rein? Jetzt stehe ich ernsthaft auf dem Schlauch. Kürbis?! sage ich, irritiert. Ein kleiner Vortrag über Fett und Nährstoffaufnahme folgt, aber ich höre nicht zu, weil ich darüber nachdenke, dass es eine blöde Idee war, heute mit ihr zu telefonieren. Viel zu oft landet unser Gespräch beim Essen, und ich habe keine Lust, darüber zu reden. Besonders nicht heute. Besonders nicht mit ihr, die sie nur die Hälfte von alldem weiß und nur einen Bruchteil versteht, was sich auch darin zeigt, dass sie mich fragt, ob denn mein Zyklus schon wieder da sei – Anfang der Woche schrieb ich noch, dass ich weiter abgenommen habe. -.-

Rückblende: Schatz und ich fahren einkaufen, machen noch Abstecher zum See, fotografieren. Irgendwann geht mir der Dampf aus (*sarkasmusein* als wenn vorher noch welcher da gewesen wäre *sarkasmusaus*), also bleibe ich beim zweiten Seeabstecher zwischen Einkauf 1 und Einkauf 2 im Auto. Mein Puls… ist wohl trotzdem mit zum See oder so, denn er sieht sich nicht in der Pflicht, sich besonders zu verausgaben. Es werden wohl so gerade eben 40 Schläge sein, und so fühle ich mich auch.
Tatsächlich schaffe ich es irgendwie, auch Einkauf 2 senkrecht zu überstehen, aber zum Reden fehlt mir jegliche Kraft. Daheim mache ich mir Frühstück, danach wird es etwas besser. Allerdings ist besser in der aktuellen Phase Welten entfernt von gut, also ist das eine sehr relative Einschätzung. Trotzdem räume ich am Nachmittag noch wie vorgenommen die Küchenschubladen auf und rufe sogar proaktiv meinen Papa an, der entweder tatsächlich noch nichts von der ES weiß, oder zumindest erfolgreich so tut und nicht über das Thema redet.

Ich will nur schlafen, meine Muskeln bitte nicht bewegen müssen. Über dem – bei jedem Mal intensiver werdenden, wenn es mich denn überkommt – Gefühl der Erschöpfung schwebt seit Tagen die Frage, wo denn eigentlich meine Emotionen hin sind. Bei mir sind sie definitiv nicht. Da ist einfach nur nichts, es gibt kein gut oder schlecht, nur ein Fragezeichen und Erschöpfung vs. Funktionalität.

Vielleicht hab ich sie beim Sport vergessen. Schau ich morgen mal nach. Sicherheitshalber.

Hintergrundrauschen

Alles, was hängen bleibt, ist „noch nicht so schlimm„. Dass dieses Fragment aus dem Zusammenhang gerissen ist und der vollständigere Satz „…die wog nur noch 33 kg und alle Knochen standen ganz spitz raus. Bei dir ist das hoffentlich noch nicht so schlimm?“ eine zumindest etwas andere Aussage trifft als dieses Fragment, interessiert die ES nicht. Und sie ist raffiniert, weil sie alles, was an Gedanken und Gefühlen durch diese Worte passiert, außerhalb meines Zugriffs hält. Alles läuft mindestens eine Ebene tiefer ab, und lässt mich nicht schlafen.

Also frage ich mich stattdessen – weil ich ja eh wach und hundemüde im Bett rumliege – wie es weitergehen soll. Ich muss diese Ernährungsberatung machen. Ich habe keine Lust auf Frieren, einen im Sitzen und Liegen schmerzenden Körper, Haarausfall, Osteoporose und was sonst noch so an Folgen aus der ES resultieren kann. Das sagt mein Kopf. Das weiß mein Kopf. Aber meinem Gefühl ist der ganze Körperkram schlicht egal. Alles abstrakt, alles nicht meine Baustelle. Es geht nicht um meinen Körper, es geht um was anderes, und das hat Priorität. In einer Absolutheit, von der ich nicht weiß, wie ich sie umgehen und über mein Denken und Handeln mein Gefühl in die vermeintlich richtige Richtung lenken soll.

Ungesehen

Ich bin nicht beim Sport, und wir machen keinen Ausflug. Ich habe etwas Rückenschmerzen und heute schon ein ganzes Buch gelesen. Ich bin müde und fühle mich grauer, als ich es bei dem bunten Wetter draußen sollte. Und ich bin wütend, weil jemand schreibt, ob mir die Kur, wie meine Mutter und auch mein Vater es – scheinbar auch gegenüber Dritten – nennen, gut getan habe. Ich war in einem psychosomatischen Krankenhaus. Krankenhaus! Nicht Kur.
Vielleicht sollte ich zum Sport fahren…