Licht

°Triggerwarnung°

Es geht mir dermaßen gut, dass es wehtut. Nicht mir, aber meiner Depression. Die bekommt nämlich Angst. Und flüstert man soll doch gehen, wenn es am Schönsten ist! Soll ich dir verraten, wo die Klingen sind?
Nein danke, sage ich, nehme sie kurz in den Arm und lächle weiter vor mich hin.

Wirklich, ich bin fasziniert, wie gut es mir geht, und wie leicht es mir fällt, auf mich zu achten vom Essen einmal abgesehen. Wie stark ich für mich bin, wie viel ich von mir selbst vergessen hatte und nun nach und nach wiederfinde. Es ist geradezu beängstigend, aber geil. So kann es bleiben, bitte.

Wut

Plötzlich ist sie da. Plötzlich ist Rot da.
Wir kommen heim, Schatz will noch nach draussen gehen, Nachthimmel aufnehmen. Wir essen noch eine halbe Pomelo zusammen, er geht nebenbei die Sternkarte am Handy durch. Steht auf, weil er etwas vergessen hat, kommt wieder zurück, ich verteile weiter Pomelo, aber er isst so langsam, dass ich auf seiner freien Hand stapeln muss.
Als wir aufgegessen haben und ich mit gewaschenen Händen zurück zum Sofa komme, darauf wartend, dass er endlich rausgeht, sitzt er immernoch da und schaut aufs Handy. Krault die Mieze. Gibt mir mehr Decke, als ich haben will, und GEHT EINFACH NICHT.
Ich weiß nicht, warum es mich wütend macht. Rasend. In Gedanken brülle ich ihn an, er soll mich endlich in Ruhe lassen und rausgehen. Ich sage zu ihm, dass es umso kälter draussen wird, je länger er wartet.
Er spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt nach. Ich halte mich tapfer, lasse mir nichts anmerken, und endlich steht er auf. Nur, um in der Küche zu hantieren, und ich möchte meine Tasse nach ihm werfen.
Schließlich geht er runter, und ich atme innerlich auf. Zwei Minuten später höre ich Schritte auf der Treppe – “…nur noch eben schnell…“ höre ich, und bin erleichtert, dass er es sich nicht anders überlegt hat und wieder runtergeht.

Ich will gar nichts tun, wobei er mich stören würde. Und trotzdem hätte ich ihn erwürgen können. Ich verstehe mich nicht, verstehe nicht, was Rot hier plötzlich zu suchen hat. Was sie will, warum sie so verdammt wütend ist. Aber sie tobt. Schreit herum, wirft Sachen. Brüllt, so laut sie kann.

Inkonsistenzen

Der Drang zu Schreiben zerschellt an Gedanken, die mehr ein Gefühlsahnung sind und sich nur schwer bis garnicht in Worte fassen lassen.

Ein Gefühl der Inkonsistenz schwebt in meinem Kopf herum. Weil, so meine ich, meine Stimmung seit einigen Tagen nicht so sehr schlecht ist, aber gleichzeitig jeden morgen diese nicht einzuordnenden Gedanken an SV da sind, jeder Tag lieber auf dem Sofa verbracht werden will und jeden Abend ein Glas Wein – oder mehr – lockt.
Ich verstehe es nicht, und ambivalent wie ich eben bin, will ich es verstehen und etwas dagegen machen und ich will es nicht verstehen und dem Druck – jeglichem – langsam beim Steigen zusehen.

Ein Teil von mir sieht die Erklärung in unterbewussten Vorgängen, die sich meinem Zugriff entziehen. Die Katastrophe, die nicht verarbeitet werden kann, weil sie nicht zu Ende ist, und an die ich jeden bewussten Gedanken beiseite schiebe, um nicht durchzudrehen. Die wenigen Gedanken, die ich zulasse, beschäftigen sich nur mit einer simplen Betrachtung der Geschehnisse, aber nicht mit den Gefühlen, die sie ausgelöst haben und die seither, verschlossen in einer mal mehr, mal weniger dichten Kiste, vor sich hin gären.
(Ein weiterer Teil fragt sich, wann immer ich überhaupt einen Gedanken daran verschwende, wann ich wohl endlich aufhören werde, vor mich hin zu jammern und die Schallplatte, die offensichtlich einen Sprung hat und immer wieder zur selben Stelle springt, wegwerfe.)

Die Zeit lässt, glaube ich, bei allen Umstehenden, die über die Katastrophe bescheid wissen, das sprichwörtliche Gras darüber wachsen. Sie sehen sie noch, wenn sie in unsere Richtung schauen und fragen auch artig nach, was es neues gibt, aber wenn sie den Blick in andere Richtungen schweifen lassen, ist sie nicht mehr präsent. Aber die Erde auf unserem Fleckchen ist verbrannt. Hier wächst kein Gras, und jeden verdammten Tag ist sie präsent. Jeder Tag ist Warten, jeder Tag ist Hoffen, jeder Tag ist es aushalten und so weit wie möglich wegschieben.
Es ist zermürbend. Ja, das ist das richtige Wort, denke ich. Der erste Knall war riesig, laut und staubig, aber seither ist es eher ein Reiben. Ganz langsam, beinahe unauffällig, aber stetig. Es zermürbt die Bruchstücke, die nach dem Knall übrig geblieben sind, immer weiter, in immer winzigere Stücke.

Ich will blutende Schnitte. Etwas reales. Vielleicht ist es das – es sehen wollen. Es spüren wollen.

Gläsern

Direkt unter meiner Haut, die jeden Tag dünner wird, bin ich aus Glas und von tausend Sprüngen durchzogen. Nicht nur, weil ich mich gerade erst wieder einigermaßen funktional zusammengesetzt hatte, sondern weil der Druck langsam in bedrohliche Höhen steigt. Jeden Tag höre ich es knirschen, wenn ein neuer Riss entsteht. Jeden Tag versuche ich, durch Anspannung und innere Kontrolle dagegen zu halten. Und jeden Tag wird es schwieriger.

Eine Woche noch. Heute in einer Woche ist dieser so wichtige Termin, an dem sich unser weiteres Schicksal entscheidet. Ich könnte schreien und heulen, weil immer mehr der hypotetischen Gefühle in mir toben. Aber ich weiß, wenn ich jetzt nachgebe – und wenn es nur ein klitzekleines bisschen ist – werde ich bersten. In millionen Splitter zerspringen, von denen mich mehr als einer schwer verletzen könnte wird. Ein Scherbenhaufen, den ich nicht binnen einer Woche wieder zusammensetzen kann.

Also gebe ich nicht nach. Und lasse die Angst Gewissheit, dass ich – egal, wie es ausgeht – nächsten Mittwoch implodiere, unbeachtet.

Hypothetische Gefühle

Im Dezember wird sich entscheiden, ob die Katastrophe, die heute genau 6 Monate her ist, vorbei ist, oder dann erst so richtig los weiter geht.

Die (Un-)Wucht hypothetischer Gefühle

Wenn ich darüber nachdenke, dass es weitergeht, denke ich daran, dass ich dann wütend sein werde. Abgesehen davon, dass ich dank der Befürchtung magischen Denkens eigentlich garnicht darüber nachdenken möchte.

Wenn ich aber darüber nachdenke, dass es vorbei wäre, überrollt mich die Wucht dieser hypothetischen Erleichterung derart, dass ich es nur mit äußerster Mühe schaffe, nich zusammenzubrechen und allen Schmerz der letzten Monate rauszuheulen.

Ich habe vor beidem Angst. Wenn es vorbei wäre, weiß ich nicht, ob ich zusammenklappe. Wenn es weitergeht…geht es weiter, bleibt anstrengend und hart und ungewiss.

Und ich will nicht Hoffen, weil es so anders ausgehen könnte.

Selbstmitleid

Ich starre den blinkenden Cursor an. Mein Kopf ist voller Gedanken. Leerer Gedanken. Tausend angefangene Sätze, die im Nichts enden. Gedanken, die sich auflösen.
Konzentration ist mal wieder ein Fremdwort dieser Tage. Die vorvorletzte Therapiestunde steht kommende Woche an, und ich fühle mich, als wäre ich den ganzen Weg, den ich seit Beginn vor 1 1/2 Jahren gegangen bin, in den letzten Wochen im Sprint zurückgerannt. Stehe am Anfang und am Ende, und will einfach nicht mehr hingehen, weil ich keinen Abschied und kein Alles Gute hören will.
Genau genommen will ich nur im Bett oder auf der Couch liegen, mich unter einer Decke verkriechen, mich selbst bemitleiden und genau dafür hassen. Ich fühle mich derart erledigt, dass ich aufgeben möchte.
Ich weiß, dass mir Selbstmitleid nicht hilft. Aber für alles andere fehlt mir die Energie.