Wut

Plötzlich ist sie da. Plötzlich ist Rot da.
Wir kommen heim, Schatz will noch nach draussen gehen, Nachthimmel aufnehmen. Wir essen noch eine halbe Pomelo zusammen, er geht nebenbei die Sternkarte am Handy durch. Steht auf, weil er etwas vergessen hat, kommt wieder zurück, ich verteile weiter Pomelo, aber er isst so langsam, dass ich auf seiner freien Hand stapeln muss.
Als wir aufgegessen haben und ich mit gewaschenen Händen zurück zum Sofa komme, darauf wartend, dass er endlich rausgeht, sitzt er immernoch da und schaut aufs Handy. Krault die Mieze. Gibt mir mehr Decke, als ich haben will, und GEHT EINFACH NICHT.
Ich weiß nicht, warum es mich wütend macht. Rasend. In Gedanken brülle ich ihn an, er soll mich endlich in Ruhe lassen und rausgehen. Ich sage zu ihm, dass es umso kälter draussen wird, je länger er wartet.
Er spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt nach. Ich halte mich tapfer, lasse mir nichts anmerken, und endlich steht er auf. Nur, um in der Küche zu hantieren, und ich möchte meine Tasse nach ihm werfen.
Schließlich geht er runter, und ich atme innerlich auf. Zwei Minuten später höre ich Schritte auf der Treppe – “…nur noch eben schnell…“ höre ich, und bin erleichtert, dass er es sich nicht anders überlegt hat und wieder runtergeht.

Ich will gar nichts tun, wobei er mich stören würde. Und trotzdem hätte ich ihn erwürgen können. Ich verstehe mich nicht, verstehe nicht, was Rot hier plötzlich zu suchen hat. Was sie will, warum sie so verdammt wütend ist. Aber sie tobt. Schreit herum, wirft Sachen. Brüllt, so laut sie kann.

6 Kommentare zu „Wut“

  1. So etwas kenne ich von mir auch.

    Was ich daraus lese, vielleicht täusche ich mich, aber ne Idee :
    Du hast eigentlich ziemlich deutlich gespürt, was du brauchst: Ruhe, Abstand, Alleinsein.
    Aber du hast es nicht kommuniziert, oder? Oder habe ich das überlesen?
    Jedenfalls bist du (oder ist der Mann?) über deine Grenzen gegangen. Dein inneres Bedürfnis wurde nicht wahrgenommen, du hast es selbst nicht ernst genommen.
    Und dann bäumt es sich eben auf. Das, was nicht gesehen wird. So ist das, wenn man über seine Grenzen geht. Zusammenbruch oder Wut. Und lieber die Wut vorm Zusammenbruch. Ein gutes Verteidigungssystem zuzusagen.
    Vielleicht gelingt es beim nächsten Mal, für das eigene time out einzustehen. „Du, ich brauch mal ein paar Minuten für mich“. Raus gehen, weggehen, bevor die Anspannung auf 100 ist.

    (Hach, wie fein ich das in der Theorie kann. Ist nämlich Mein Thema… 😁🤪😵) Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. So hab ich das noch nie gesehen! Ich trau mich auch immer nicht zu sagen, dass ich Ruhe und Zeit für mich brauche, weil ich T. nicht kränken möchte. Ich hab immer Angst, er würde das nicht verstehen und sich vor den Kopf gestoßen fühlen?! Steht es mir wirklich zu, so etwas zu fordern?!

      Gefällt 1 Person

      1. Jaaaaaa! Warum denn nicht??
        Jeder braucht doch mal Zeit, um wieder runter zu kommen. Du kannst ja sagen: das hat gar nix mit dir zu tun, ich brauche einfach mal kurz ein paar Minuten allein.

        Bei mir ist es auch so, dass ich mich manchmal so „auflöse“, wenn ich viel mit anderen zusammen bin. Als würden mir meine Einzelteile um die Ohren fliegen. Im Alleinsein kann ich mich wieder besser spüren. Reicht manchmal 10 Minuten ins Bett verkriechen.

        Und schon meine allererste Beraterin, eine familientherapeutin riet mir, bevor es eskaliert, den Raum zu verlassen durchatmen. Usw.
        Gelingt mir viel zu selten. Aber in der Theorie weiß ich, dass es gut ist.
        Alles Liebe!

        Gefällt 2 Personen

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