Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.

Selbstmitleid

Ich starre den blinkenden Cursor an. Mein Kopf ist voller Gedanken. Leerer Gedanken. Tausend angefangene Sätze, die im Nichts enden. Gedanken, die sich auflösen.
Konzentration ist mal wieder ein Fremdwort dieser Tage. Die vorvorletzte Therapiestunde steht kommende Woche an, und ich fühle mich, als wäre ich den ganzen Weg, den ich seit Beginn vor 1 1/2 Jahren gegangen bin, in den letzten Wochen im Sprint zurückgerannt. Stehe am Anfang und am Ende, und will einfach nicht mehr hingehen, weil ich keinen Abschied und kein Alles Gute hören will.
Genau genommen will ich nur im Bett oder auf der Couch liegen, mich unter einer Decke verkriechen, mich selbst bemitleiden und genau dafür hassen. Ich fühle mich derart erledigt, dass ich aufgeben möchte.
Ich weiß, dass mir Selbstmitleid nicht hilft. Aber für alles andere fehlt mir die Energie.

Verletzungen

Ich

Es war eine Ausnahmesituation, in der ich mich das letzte Mal geschnitten habe. Über ein Jahr war ich vorher ohne, auch wenn es nicht immer einfach war, es wirklich zu bleiben. Seither bin ich wieder ohne – seit 5 Monaten und 2 Tagen. Auch das war nicht immer einfach.

Mama

Vor ein paar Wochen war ja meine Mama zu Besuch. In ihrer FeWo verletzte sie sich aus Versehen an der Ferse, so dass wir sie an den folgenden Tagen mit Wund- und Heilsalbe etc. versorgten. Sie wurde, als sie dann wieder daheim war, sogar noch einige Tage krankgeschrieben deswegen, weil eine Entzündung drohte.
Heute habe ich ein Bild und eine Sprachnachricht per WhatsApp von ihr bekommen. Ihr Finger ist dick einbandagiert, weil sie sich die halbe Fingerkuppe beim Gemüse schneiden fast abgeschnitten hat. Sie war in der Notaufnahme deswegen, und dort wurde die Kuppe angetaped, in der Hoffnung, dass sie wieder anwächst.

Ich

Niemand fragte mich während der ganzen Zeit, die seit der Katastrophe vergangen ist, wie ich in Hinblick auf die SV-Problematik damit zurecht komme oder gar, ob ich mich verletzt habe. Auch Mama nicht. Gerade Mama nicht.

Natürlich habe ich Mitgefühl mit Mama. Die Ferse war doof, die Fingerkuppe auch, und beides tut sicher scheiße weh. Trotzdem frage ich mich, warum sie beides so offensiv an mich kommuniziert, und wie ich darauf angemessen reagieren soll. Und warum es mich irgendwie aufregt…
„Hallo Mama, ach wie doof, das tut ja schon beim anschauen weh! Hoffentlich gehts dir schnell wieder gut! Ach übrigens, weil du gerade nicht fragst, meine fette, große Narbe am Bein von meiner letzten Selbstverletzung ist prima abgeheilt!“ Ähm, nein.

(Nicht) sorry für den heute schon dritten Beitrag. Ist ja mein Blog. Also darf ich das.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

Pause

Ein anstrengender Tag nach einer anstrengenden Nacht geht zuende. Schatz und ich schauen “unsere Serie“ und ich trinke Federweißen, als eine der Miezen ums Eck kommt und Hunger hat. Schatz steht pflichtbewusst auf, ich drücke auf Pause.

Mein Kopf drückt auf Start: ich sehe mich aufstehen und zum Schrank mit dem Alkohol gehen. Schenke mir einen großen Schluck ein, den ich exe. Schatz fragt, was ich da tue, ob es mir gut geht. Langsam drehe ich mich um, mit Tränen in den Augen und der Klinge im Hinterkopf. “Nein“, sage ich, breche zusammen und heule. Sage, dass ich nicht mehr jeden Tag kämpfen will, dass ich keine Lust mehr habe. Einfach will, dass es aufhört.

Schatz kommt zum Sofa zurück, ich nippe an meinem Glas. Drücke auf Play, und mein Kopf auf Pause.