Inkohärent

Mein Kopf summt. Ich habe länger geschlafen als sonst, und es fällt wohl unter zu lang, was mitunter genauso doof ist wie zu kurz. Vorteil aber wird sein, dass zwischen Kaffeefrühstück und Sport – Körper verdreht die Augen bei dem Gedanken und verweist auf ein mehr als unangenehmes Erschöpfungsgefühl, welches ich aber ignoriere – etwas weniger Zeit liegt als sonst und ich es vielleicht schaffe, ohne knurrenden Magen zu trainieren, bevor es dann später das richtige Frühstück gibt.

Gesternabend betrachtete ich mich länger und etwas intensiver als sonst im Badspiegel. Und fand beim genaueren Hinsehen einen Haufen grauer Haare. Bisher waren die so rar gesäht, dass Schatz sie mir – weil sie ihm eher aufgefallen sind als mir – ausgezupft hat. Etwas, das bisher auch in Summe nur in einstelligen Anzahl vorkam. Jetzt aber sind es viele. Es stört mich nicht im Sinne der Ästhetik, ich finds eher cool. Aber es korreliert nicht mit meinem Selbstbild, weil die 36 Jahre, die in meinem Ausweis stehen, sehr viel Ähnlichkeit mit dem Juli im Kalender 2020 haben – beides ist mental noch nicht angekommen, es ist März (vielleicht Anfang April) und ich hänge irgendwo in den eher frühen 20ern.

Stillschweigen

Die Notwendigkeit, gedachtes in Gesprächen in gesagtes zu übersetzen, um sie in Gang zu halten, erscheint mir mehr als lästig. Kein Wunder also, dass es nicht so richtig laufen will, als wir in toller Kulisse viel zu gehaltvolles leckeres Essen im Restaurant auf der Terrasse mit Blick auf den See und die Berge essen.
Rosa zeigt sich ziemlich angewidert angesichts des Veggiburgers, den ich mir mangels Alternativen auf der coronabedingt eingekürzten Karte bestellt habe und brennt darauf, die Kalorien in die App zu hacken, um herauszufinden, wie schlimm es tatsächlich ist. Derweil kann ich den immer wieder missglückenden Versuchen meiner Mutter oder von Schatz, anhaltende Gespräche zu erzeugen, nur schwer folgen.

Gedanklich hänge ich außerdem im Fitnessstudio fest, in dem ich das erste Mal seit Anfang März an diesem Morgen wieder gewesen bin. Mit altem Trainingsplan, aber mit zum Teil dann selbst nach unten korrigierten Gewichten, weil ich offensichtlich nicht alle Muskelgruppen gleichermaßen im Homeworkout erhalten konnte. Finden Rosa und ich beide doof.
Als ich dort ankomme, werde ich von den zwei Trainern regelrecht gescannt und bin mehr als erleichtert, dass keiner von ihnen etwas sagt und mich trainieren lassen. Bis einer der Beiden – ausgerechnet der, den ich aus unerfindlichen Gründen nicht ausstehen kann – fast am Ende schließlich doch noch auf mich zukommt und meint, ich hätte ganz schön abgenommen. Ich winde mich unter seinen Worten wie Blicken irgendwie heraus und verschwinde nach meiner letzten Einheit so unauffällig wie möglich. Hoffend, dass ich nächste Woche beim nächsten geplanten Besuch meine Ruhe habe.

„… und haben sie was gesagt, als sie dich gesehen haben?“ fragt meine Mama auf den dann doch verbalisierten Gedanken, dass ich eben heutefrüh zum ersten Mal wieder im Studio war. „Nö.“, erwidere ich wahrscheinlich etwas zu schnell, belasse es dann aber auch dabei und betrachte stattdessen wieder den See.

Ich liege endlich im Bett, aber an Schlafen ist erst einmal nicht zu denken. Atmen steht stattdessen viel zu deutlich im Vordergrund und ich versuche – weitgehend erfolglos – herauszufinden, ob mein Kopf oder mein Herz für das tonnenschwere Gewicht auf meiner Brust verantwortlich ist. Fast bitte ich Schatz, mich zum Arzt oder den Arzt zu mir zu bringen, schäme mich aber zu sehr – egal, wer nun die Schuld trägt. Irgendwann wird es gefühlt besser und ich schlafe ein, aber heutefrüh ist es wieder – oder immernoch – da und strengt mich an. Die Befürchtung, mir eine Herzinsuffizienz angehungert zu haben, schwebt drohend über mir wie das heraufziehende Unwetter. Ich vereinbare mit Rosa, mir beides mal eine Weile weiter anzusehen. Bedrohlich, aber auch irgendwie faszinierend. Es fängt zu regnen an.

Fraglich

Stell dir vor, du bist Mutter einer sport- und magersüchtigen essgestörten Tochter und verbringst deinen Jahresurlaub mit deinem nicht-mehr-ganz-so-neuen-Mann in der 100m Luftlinie entfernten Ferienwohnung. Für wie sinnvoll hältst du es, ihr deine getrackte Walkingstrecke mit Zeit-, Kilometer- und Kalorienverbrauchsangabe als Screenshot zu schicken?

[ ] wenig sinnvoll bis hirnrissig
[ ] vielleicht als reine tagesausflugsinfo sinnvoll, wenn keine kalorienangabe dabei wäre
[x] warum? na klar schick ich ihr das!

Selbst Rosa ist irritiert. Fragt sich, ob sie überhaupt da ist, oder zur Unsichtbarkeit neigt. Ich jedenfalls scheine es zu sein. Und tendiere dazu, die eigene Sporteinheit von heutefrüh als Nichtig anzusehen und nochmal nachlegen zu wollen.

Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.

Awesome Blogger Award

Als Anhängerin von eindeutig mehrdeutigen Einwortüberschriften ist mir der hier entstehende Bruch zwar zuwider – aber mir fällt auch kein aber ein.

Wenigstens die Schuld daran kann ich jemand anderem im die Schuhe schieben: Juliane, die meinen Blog mit den Worten Flügelwesen. Schmerzhaft-schöne Texte. Sauviel Respekt für ihre Sprache und ihre Ehrlichkeit. nominierte und mich so ehrlich überraschte und ein bisschen stolz macht, weil ich ihre Texte (und ihr bizarr-schönes Headerbild) so toll finde.
Es gibt sie also tatsächlich, die Menschen, die meine Texte lesen, auch wenn ich bis zum Hals durch mein Innerstes wate und mein Sein sich dabei mit all dem Selbstmitleid vollsaugt, das dabei aus mir heraustrieft. Und die meine Sprache mögen, die ich manchmal selbst übelst genial finde, es aber nie zugeben würde.

Über den Awesome Blogger Award: „Dies ist eine Auszeichnung für die absolut wundervollen Schriftsteller auf der ganzen Welt des Bloggens. Sie haben hinreißende und wunderschöne Blogs, sind bezaubernd und liebenswürdig und finden immer einen Weg, dem Leben ihrer Leser Glück und Lachen zu verleihen. Das ist es, was einen großartigen Blogger wirklich ausmacht.“

Regeln, um Teil des „Awesome Blogger Award“ zu sein:
Danke der Person, die Dich nominiert hat – danke, Carlie! *check*
Kennzeichne den Beitrag mit #awesomebloggeraward – *check*
Beantworte die Fragen, die Dir gestellt wurden – *check*
Nominiere mindestens 5 Blogger, informiere diese über ihre Nominierung und gib ihnen 10 neue Fragen zur Beantwortung – tatsächlich ist das die Stelle, an der ich *raus* bin. weil halt. aber weil ich die Nominierung eben auch ziemlich geil finde, möchte ich dennoch die 10 Fragen von Juliane beantworten:In welchem Moment warst du zuletzt abartig stolz auf dich?

Das würde ich gerne spontan beantworten können. Aber stattdessen beantworte ich Frage um Frage, stelle diese aber immer wieder hinten an, weil mir keine Antwort einfällt, die nicht Jahre zurückliegt oder deren Kontext ich zu albern finde.



Doch, das kann ich erzählen. Als ein Astrofoto von mir in einem Buch über Fotografie veröffentlicht wurde. Winzig klein.

Was sind die schönsten Dinge, die dir jemals gesagt wurden?

Hier würde ich gerne ganz viele der wunderbaren Sachen aufschreiben, die Schatz nahezu täglich zu mir sagt. Tatsächlich fielen mir aber als Erstes die Worte meines Chefs von vor vielen Monaten ein, als er sagte, ich sei einer der drei Menschen, denen er bedingungslos vertraut. Warum das schöner ist als ehrlichst gemeinte Heiratsanträge, Liebesbekundungen und Vertrauensbeweise, weiß ich auch nicht. Finde ich auch ein bisschen armselig.

Was ist dein stärkstes Körperteil und warum?

Mein Kopf. Weil da meine Augen und Ohren drin sind, meine Gedanken, meine EgoStates und all das, was mich ausmacht. Und mich wundert selber, dass ich das sage. Rosa ebenfalls.

Wenn du unter Wasser leben würdest, welche Temperatur hätte das Wasser?

Warm. Schön warm. Die Richtige halt.

Was für ein Gebäude wärst du, mit welcher Funktion und mit welchen Eigenschaften (groß, klein, einstöckig, turmhoch, prunkvoll, modern, schlicht, große Fenster, verwinkelt, weitläufig, unterirdisch, trutzig…)?

Von außen: weiß, modern, große Fenster, schwarze Rahmen, lichtdurchflutet, nicht zu groß oder zu klein, abgeschiedene und schönes Lage
Von innen: so wie von außen erwartet, aber mit einem geheimen Keller und geheimen Zwischengeschossen, die eher nach einer dunklen, verlassenen Villa aussehen *lostplace*

Wenn noch nichts auf der Welt entdeckt worden wäre, was würdest du gerne entdecken – und wie?

Wenn auf der Welt das All enthält, dann bitte das – mit den besten und stärksten Teleskopen, oder auch gerne persönlich vor Ort mittels Warp-, Quanten- oder Glitzerantrieb. Sternenstaub in jeglichen Zuständen sehen und fotografieren und schön finden.

Was würde dein Teenager-Ich an deinem heutigen Ich bewundern – und umgekehrt?

Ich weiß nicht, ob es etwas gibt, was das Raupen- am Flügelwesen bewundern würde. Das Geflügelte bewundert aber am Raupigen, dass es einfach so zufrieden vor sich hingelebt hat. Wäre jetzt auch mal wieder schön.

Was ist dein liebster Gegenstand und warum?

Meine Spiegelreflexkamera, ohne die ich (außer zum Arbeiten – wenn ich es denn mal wieder außerhalb des Homeoffice tun muss, und zum Einkaufen) das Haus nicht verlasse. Hätte ich gerne gesagt, wenn sie mir als Erstes in den Sinn gekommen wäre. Tatsächlich war aber mein erster Gedanke: mein Handy. Weil es mich mit all der Außenwelt verbindet, die irgendwie nötig ist, sich aber auch prima stumm- und in den Flugmodus schalten lässt. Ohne wäre ich verloren. Ohne Kamera nicht ganz so – weil, ich hab ja ein Handy. Auch wenn es eindeutig schlechtere Fotos macht.

Ein außerirdisches Wesen materialisiert sich in deinem Zimmer. Reagierst du mit einem Frontalangriff, einem Friedensgeschenk oder ganz anders?

Ich warte ab, was das Wesen tut. Beobachte es mit Neugier und versuche, seine Motive zu ergründen. Ich wäre bestimmt gerne sein Freund, damit es mich mal mitnimmt auf seine Welt oder mit mir durchs All fliegt und all die Orte mit mir besucht, die ich nur durchs Teleskop kenne.

Was löst dieses Bild in dir aus? https://artsandculture.google.com/asset/while-you-are-sleeping/-gG-5sCY0gbDZg

Dass meine Assoziation eine andere ist, als die, die der Titel impliziert und es doof finde, dass der Titel meine zu der falschen macht. Und, dass ich es nicht ästhetisch schön, sondern plump finde, was wiederum schade ist, weil es in subjektiv schön halt schöner aussähe und noch besser zu meiner falschen Assoziation passen würde.

Sodala. Der wohl im Zeit- wie auch im Buchstabenaufwand längste Blogtext bisher. Jetzt sind aber die Worte erstmal alle.

Brüchig



Sie fühlt sich wie eine Schnecke. Aber anders als bei normalen Schnecken ist ihr Häuschen festgenagelt, und es zu verlassen wird durch die viele Zeit, die sie nun schon gezwungenermaßen darin verbringt, nicht leichter. Im Gegenteil, sie liebt ihr Häuschen und die Sicherheit darin von Tag zu Tag mehr. Die Berechenbarkeit. Die Zweisamkeit, die Einsamkeit. Der wohl dosierte digitale Kontakt, der etwas unverbindliches und leichtes hat, weil er sich ebenso gut kontrollieren wie ignorieren lässt.

Buchstaben, die ebenso den Inhalt von Gedanken wie Bücher befüllen, tanzen vor ihren Augen wie Glühwürmchen umher und geben weder im Innen noch im Außen einen Sinn. Je mehr es sind, desto weniger will sie sich damit befassen. Bücher verstauben, Zeitschriften stapeln sich zu nur zur Hälfte gelesenen kleinen Türmchen und Gedanken bleiben unvollendet.

Zu Glas erstarrte Tagesabläufe lenken sie und lassen keine Abweichungen zu. Sie sind scharfkantig und kalt, aber der Druck, den sie beim Hindurchgehen erzeugen, hält sie warm und gleicht einer Umarmung.

Rosa als selbstverständliche Begleitung an der Hand kann sie es nicht verantworten, sie dieser Gefahr auszusetzen. Also sucht und erfindet sie Gründe. Manipuliert. Verschiebt, damit es nur nicht morgen ist. Jederzeit, aber nicht morgen.