Selbstlos

Das konstruierte Selbst, dieses Konstrukt aus Rationalität und Wissen um das, was es tut und welche Konsequenzen es haben kann, zerfällt in der Dunkelheit zu Staub wie ein Vampir im Sonnenlicht. Übrig bleibt ein aschiger Hauch, eine Patina auf dem, was mir ureigen ist. Alles, was im Licht sinnvoll, vernünftig und logisch erscheint, ist nichts mehr, wenn die Nacht beginnt. Logik wird ausgehebelt, Konsequenzen werden negiert. Das Fühlen zählt, nicht das Wissen. Und Fühlen ist nicht bereit zu dem, was das Wissen wollen will.

Dramaqueen

Mein Körper hat den Knopf gedrückt. Irgendwann gestern wahrscheinlich, als ich im Thermenwasser abgelenkt war. Weil er sich wohl – zurecht – dachte „Nein, machen!, als ich ihm versicherte, das mit dem Essen nach Plan zu versuchen. Jedes Mal, wenn ich in der Nacht aufwache, schreit mein Körper vor Erschöpfung. Er tut es auch heutefrüh. Laut. Wirklich noch nie habe ich mich derart fertig gefühlt. Ich frage mich, wie das passieren konnte. Wie es so weit kommen konnte und warum andere mit einem BMI noch 3 Punkte unter meinem einfach weitermachen können. Heute habe ich mir fest vorgenommen, nach Plan zu essen. Ich habe (sturm-)frei und möchte es wirklich versuchen. Denn sonst (oder auch trotzdem, vielleicht) sehe ich mich übers Wochenende mit Nasensonde im Krankenhaus. Ich weiß nichtmal, ob ich es morgen zum Sport schaffe. Mal ganz abgesehen davon, ob es aus medizinischer Sicht auch nur einen Hauch sinnvoll wäre…

Permafrost

46. Und nein, das ist nicht mein Gewicht – das ist niedriger, wie heutefrüh festgestellt – sondern mein Puls heutefrüh. Der Arzt am Montag runzelte besorgt die Stirn, als ich ihm davon erzählte, und in einer Woche muss ich zum Wiegen wiederkommen.

Ich habe frei, wir wollen in die Therme. Lust habe ich keine, aber wenn wir nicht fahren, gehe ich zum Sport, was die ES ganz hervorragend finden würde und ich irgendwie auch, aber ich will (?) doch ausprobieren, ob ich auch mit 3 Mal pro Woche überlebe, wenn ich nicht dann doch Samstag auch nochmal gehe. Und zumindest ein Teil von mir freut sich auf das warme Wasser und das Dampfbad, mich endlich mal wieder so richtig durchwärmen lassen. Dabei habe ich die Rechnung ohne meine Knochen gemacht, die im Dampfbad auf der gefliesten Sitzbank keine 5 Minuten aushalten – außerdem habe ich kalte Hände. Bei 45 Grad. Und von den Becken kommt auch nur eins in Frage, weil alles < 36 Grad eine Zumutung ist.

Auf der Rückfahrt. Immerhin, meine Füße sind warm, aber meine Hände nicht. Zehn Minuten später, der Hand von Schatz sei Dank, werden auch meine wieder wärmer. Dafür braucht es aber wohl das Blut aus Gehirn und Füßen. Füße kalt, und ich könnte trotzdem auf der Stelle einschlafen. Dabei bin ich keinen einzigen Meter geschwommen. Mein Kreislauf fand das Temperaturgefüge aber scheinbar mehr als ermüdend. Ich könnte heulen vor Erschöpfung. Beim Einkaufen habe ich Sorge, einfach umzufallen. Ob schlafend oder ohnmächtig ist mir egal. Liegen klingt verlockend.

Den Plan meiner Ernährungsberaterin finde ich wahlweise utopisch oder okay. Geschafft habe ich ihn noch an keinem einzigen Tag seit Samstag, als ich ihn für mich angepasst habe.

Ich bin so müde.

Signalstärke

Ich komme nicht umhin, so etwas wie stille Bewunderung zu empfinden für die Körper der richtig Magersüchtigen.
Mein Körper hat heute das Schutzglas vor dem Not-Aus-Schalter mit dem Ellbogen zerschmettert, den Finger auf den Knopf gelegt und starrt mich wütend an. Weder er noch ich blinzeln.

Ich sitze in der Arbeit. An- und abschwellende Kopfschmerzen gesellen sich zu diffusem Schwindel und durchdringender Nervosität, die ich nicht verorten kann. Ich taste nach meinem Puls in der Erwartung, dass er zu schnell ist, dabei ist das Gegenteil der Fall. Deutlich unter 50 – sonst liege ich immer bei um die 70+. Ein Zustand, der mich am Ende dazu bringt, schon mittags Feierabend zu machen, weil ich in seinen Augen sehe, dass mein Körper ernsthaft in Betracht zieht, den Knopf zu drücken.

In den letzten drei Wochen kann ich dem körperlichen Abbau wie im Zeitraffer zuschauen. Bleierne Erschöpfung, die mich immer dann ereilt, wenn ich Leerlauf habe. So kalte Füße, dass ich meine, sie sterben gleich ab und die auch an der auf 5 stehenden Heizung nicht nachhaltig warm werden. Büschelweise Haarausfall. Schmerzen in jeglichen Sitz- oder Liegepositionen. Und ich bilde mir nicht nur ein, Lanugobehaarung zu entwickeln. Ganz zu schweigen vom bereits monatelangen Ausbleiben meiner Menstruation.

Also passt es irgendwie, dass ich heuteabend einen Termin bei meiner Ernährungsberaterin habe und wir mit dem Programm beginnen. Vor nichts habe ich gerade mehr Angst. In nichts setze ich gerade mehr Hoffnung.

Tribut

Ich will mich nicht bewegen, bitte. Ich will nicht aufstehen, nicht wach sein. Auch wenn Schlafen derzeit ist, als würde ich ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein kleben, ist es immer noch besser, als mich so unendlich erschöpft zu fühlen.
Aber ich stehe auf und sitze nun mit einem inzwischen leeren Kaffeebecher, der seinen Job nicht besonders gut gemacht hat, auf dem Sofa. Ich könnte heulen bei dem Gedanken daran, auch nur 3 Schritte gehen zu müssen und wünsche mir, mein Körper würde einfach den Notschalter drücken und mich ausknipsen. Aber er tut es nicht, und so ich werde trotzdem nachher meiner üblichen Samstagsroutine aus Bad putzen, Staubsaugen und Einkaufen fahren nachgehen, weil alles andere undenkbar wäre.

Nicht, dass ich es währenddessen bemerkt hätte, aber jetzt weiß ich, dass ich diese Woche in der Arbeit mehr als nur übertrieben habe und auch, dass meine Kalorienbilanz irgendwie im Vergleich zu den letzten Wochen nochmal nach unten gesackt ist.

Mein Akku, meine Körperspeicher sind sowas von leer…