Neonschwarz

„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“

Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.

Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.

Eisprinzessin

Spröde Stabilität. Wie könnte ich das aufgeben, wenn ich nicht weiß, was passiert, wenn ich auftaue. Nicht weiß, ob ich einfach zerfließe und im Staub versickere. Nicht weiß, ob ich einfach verdampfe und mich im Nebel auflöse.
Mich ergefroren zu halten, auch wenn ich weiß, dass jeder, der mich berührt, eine Gänsehaut bekommt, scheint daher der einzig sinnvolle wie mögliche Weg.

Strömung

Genau genommen wäre wohl schon vorgestern der letzte Tag des auf nicht genauer als „Ende April“ definierten Zeitfensters gewesen, um mich bei Frau Ernährungsberaterin mit einer Entscheidung zu melden, wie es denn nun weitergehen soll mit uns. Also Frau Ernährungsberaterin und mir. Oder Rosa und mir. Oder uns allen dreien. Wobei, letzteres wohl eher nicht, so fragend, wie Rosa beim letzten Wort eine Augenbraue hebt.

Seit Anfang dieser Woche schleiche ich um mein Email-Postfach herum, in enger werdenden Kreisen zwar, aber nach wie vor in sehr großzügigen. Außer Frage steht, dass ich ganz sicher nicht anrufen und meinen derzeitigen Unwillen, mit Routinen zu brechen, auch noch in Gesprochenes verwandeln werde. Dann lieber geschrieben Worte raussenden und die Augen möglichst lang vor der Antwort verschließen, mir Szenarien ausmalen und diese dann gemeinsam mit Rosa beim Sattessen an Instagram-Foodporn unter den Krümeln begraben.

Schatz speise ich derweil bei seinen nur zögerlich drängender werdenden Fragen mit einer choerografisch anspruchsvollen Mischung aus Nicken, Schulterzucken und Rumdrucksen ab, zu der sich gemurmelte Laute mischen, deren nähere Interpretation ihm überbleibt.

Nur wenige Gedanken habe ich seit dem letzten Gespräch mit Frau Ernährungsberaterin in eine tatsächliche Entscheidungsfindung investiert, war doch schon damals klar, dass da ein viel zu großes ichwillnicht vor dem klitzekleinen ichsollteaberweilesvernünftigwäre steht und von Rosa nicht nur mit Krallen verteidigt wird. Auf der wenig ambitionierten Suche nach Gründen, die für den anstrengenderen der zwei vor mir liegenden Wege sprächen, finde ich nichts außer Gleichgültigkeit und einem fernen Sehnen nach mehr, ohne eine Definition desselben.

Zaunpfahl

Ich rocke das Homeoffice. Bleibe brav daheim und erkläre den wöchentlichen Einkauf zum Highlight der Woche.
Rosa findet es fantastisch, dass jeglicher Sozialkontakt – wenn überhaupt – digital stattfindet und damit jegliche Nahrungsassoziation entfällt.

***

Zum wiederholten Male wache ich mit schlechtem Gewissen aus einem Traum auf. Als ich meine Orientierung zurück habe, rede ich beruhigend auf Rosa ein. Dass es nur ein Traum war, und dass geträumte Kalorien nicht dick machen. Es dauert, bis sie mir glaubt, zumal ich noch das Gefühl habe, Reste von Schokolade und Kuchen zwischen den Zähnen zu haben. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre etwas in meinem Mund gestorben.

***

Nachmittags, wenn ich nach der Arbeit mein beinahe tägliches Sportpensum hinter mir habe, fühle ich mich seltsam leicht. Auf eine Art, die mir die Knie weich und den Kopf wolkig werden lässt. Es könnte so etwas wie Hunger darunter liegen, aber sicher bin ich mir nicht. Immer öfter flüsterte ich dem Körper zu, dass gerade ein guter Zeitpunkt zum Aufgeben wäre. Keine Kanten in der Nähe, wo er sich beim Umfallen anschlagen könnte. Aber aus irgendeinem Grund bleibt er stehen.

Konglomerat

Latentes Kopfweh, Schmerzen in diversen Gelenken und anderer, vermutlich weitgehend selbst verschuldeter wie provozierter Körperkram machen diesen Tag anstrengender, als er sein sollte.
In einer Woche soll ich mich bei Frau Ernährungsberaterin melden, ohne dass ich auch nur die Spur einer Idee weiter bin, was ich machen will.
Aber auch viel Schreiben gehört gerade nicht dazu.

Drachentöter

Mehr durch Zufall als aus Absicht bin ich über sie gestolpert. Meine Träume, die schon lange tot und inzwischen nurnoch wenig erkennbar in einer Ecke vor sich hin verwesen. Es ist nicht mehr als eine Feststellung, dass sie dort liegen. Kein Bedauern, jedenfalls kaum. Ein dumpfes Erinnern vielleicht, an das, was sie mal waren, bevor sie zu einem Haufen Leichen wurden.

Siebenundreißig als neuer Negativrekord meines Pulses. Aber das nur am Rande, auch wenn ein kleiner Teil von mir sich fragt, ob ich es nicht vielleicht doch ein klitzeminikleines bisschen zu weit treibe. Der Sterben als reale Gefahr erkennt und es nicht als rein hypothetisches, niemals in den Bereich des überhaupt Möglichen kommendes Konstrukt abtut.

Beim Anblick der vor sich hin rottenden Traumreste zu meinen Füßen frage ich mich, was nun überhaupt noch als Motivation dienen könnte, mit Rosa die Bedingungen unserer Co-Existenz neu zu verhandeln. Mir fällt nichts ein.