Freischwebend

Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?
Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.

Kluft

Es ist 4.26 Uhr, als ich aufwache. Es ist Freitag und ich habe frei, also drehe ich mich rum und schlafe nach einer Weile wieder ein.
Es ist nicht allzu viel später, als ich erneut aufwache und mich frage, warum eigentlich, denn ausgeschlafen bin ich definitiv nicht. Ich beobachte, wie so oft in letzter Zeit, meinen Puls und stelle fest, dass er wohl eher < 40 liegt. Ich schlafe wieder ein.
Wieder wache ich auf. Und was schon die Male zuvor eher unbewusst wahrgenommen wurde, rückt ins Bewusstsein. Kurzatmigkeit. Sie hat mich aufgeweckt – und wird es zwei weitere Male tun, bevor ich dann doch aufstehe. Mein Körper will Sauerstoff, den mein langsames Herz scheinbar gerade nicht in ausreichender Menge zu transportieren bereit ist.

Nachdenken. Feststellen, dass die Entfernung zwischen Körper und Geist, zwischen Denken und Fühlen, einfach riesig ist. Ich schaffe es nicht, den ganzen Körperkram auch nur ansatzweise mit der Essstörung oder mit mir in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Rational, ja. Aber das ist so oberflächlich, so entfernt, dass es garnichts miteinander zu tun haben kann. Geschweige denn mit mir.

Fadenscheinig

Als ich aus der Klinik zurück war, habe ich angefangen, die Fäden wieder in die Hand zu nehmen. Langsam wollte ich es angehen, und strukturiert. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sie bei meiner Rückkehr nicht so ungeordnet und lose in der Luft hängen.
Die Struktur, das angestrebte Muster verlor ich schnell aus den Augen. Schwelbrände machten sich breit, und ich machte mich ans Löschen, statt auf die Suche nach den Funken. Und inzwischen fühle ich mich wie eine Mumie, weil ich mich in den unzähligen Fäden rudernd verheddert habe und den Boden nicht mehr berühre, während ich hier und da versenge.
Wie gerne würde ich eine Schere nehmen, all die Fäden abschneiden und nach meinem harten Aufprall auf dem Boden alles zusammen sammeln und in einen anderen Raum, einen anderen Verantwortungsbereich schmeißen, die Tür hinter mir zuknallen und wegrennen. Weit weg. Aber ich sehe die Schere nicht einmal mehr in dem ganzen Gewirr. Wenn ich irgendwo ziehe, bewegt sich plötzlich alles im Raum, und ein neuer Knoten entsteht. Funken geistern wie Irrlichter umher und treiben ihr Unwesen.
Die Erkenntnis, ziemlich selber Schuld an dem Chaos zu sein, tut fast so weh wie die Schlingen, die sich überall um meinen Körper gelegt haben und mich abschnüren.
Alle anderen sehen bloß den riesigen Knoten und schütteln den Kopf. Ich sehe nichtmal mehr mich selbst.

Alte Wunden

Gerade ist 2003. Und 2006. Und alles dazwischen, bis 2009, weil ich alte Tagebücher gelesen habe und die Gefühle, die Leere, die Zerrissenheit und die Verzweiflung so fühle, als wären nicht Jahre vergangen, sondern Minuten. Maximal.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mich darin zu verlieren, weil ich nicht finden werde, was ich schon damals verlor.
Und doch ist da so viel, was mich anzieht, so dass ich mich in einem schwarzen Strudel wiederfinde, der mich zu ersticken droht. Ich dachte, ich wäre damit durch. Aber es ist nur ein Pflaster drauf, und ich habe es gerade abgerissen. Es blutet.