Taumeln

Orientierungslos. Das ist es, was ich bin. Mein Ich löst sich in der chaotisch lauten Stille meines Kopfes auf, verschwindet mehr und mehr. Alles verwischt, mein Ich, meine Gedanken, meine (Nicht-)Gefühle. Wird zu durchsichtigem Nebel, der undurchdringlich scheint. Schreit nach Erlösung, Hilfe, Kontur, was auch immer. Brüllend laut, leise wispernd.

Rede, fordere ich mich in meinen endlosen inneren Gesprächen auf, die nie nach außen dringen. Sag was!, schreie ich, in der Hoffnung, Schatz zumindest einen Hinweis geben zu können, wie verloren ich mich fühle. Ich kämpfe mit mir, führe endlose Diskussionen in meinem Kopf, dessen Verbindung nach außen mehr und mehr zu verblassen scheint.

Es fängt zu nieseln an, sage ich.

Lost

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Neuer Hausarzt: check.
Matsch im Kopf: check.

Konzentration ist ein Fremdwort zur Zeit. Genauso, wie Perspektive. Ich warte. Auf was, weiß ich nicht – und es macht mich wahnsinnig. Mein Kopf dreht immer die gleichen Schleifen, aber an die wirklich wichtigen Themen traue ich mich nicht heran, ich mag sie nicht einmal aufschreiben.

Genau genommen mag ich garnicht mehr nachdenken. Es nervt mich so, ich fühle mich gefangen in meinem Kopf, der alles zerdenkt und Strukturen sucht, aber nur Matsch findet. Ich weiß nicht, wo ich stehe und was ich von mir will – nur, dass da irgendetwas ist, was ich nicht greifen kann.

Meine Krankenkasse äußert sich nicht dazu, ob eine tiefenpsychologische Therapie möglich wäre. Sie sagen nur, ich müsste einen Therapeuten suchen, probatorische Sitzungen machen, dann einen Antrag samt Bericht einreichen und abwarten. Ich weiß gerade nicht, ob ich das auf mich nehmen mag.

Ich würde so unendlich gerne die Verantwortung abgeben. Ich weiß, es könnte mir viel schlechter gehen. Es ging mir schon viel schlechter. Aber ich fühle mich so haltlos… Als hätte man die Farbe entfernt, und ich bin hier nirgendwo, verloren und abseits der Zeit…

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°

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Ich habe gelesen, dass sich zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr die eigene Identität herausbildet und festigt. Man probiert aus – das Leben, Beziehungen, Grenzen, sich selbst.
Ich habe diese Jahre im Dunkeln verbracht. Ich habe mich nicht ausprobiert, sondern überlebt.

Und jetzt stehe ich hier und weigere mich, das Leben an mich heran und die Depression und SV gehen zu lassen. Weil ich mich mit ihr identifiziere, sie ist mein Leben. Aussprechen würde ich das nie.

Jeden Tag frage ich mich aufs Neue, ob ich noch die Kriterien für F33.8 noch erfülle und gleichzeitig, was ich davon habe, wenn es so ist – oder auch nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich davon lösen soll. Das war nie Bestandteil einer der Therapien und ist nichts, über das ich sonst mit irgendjemandem sprechen würde.
Ich suche Beweise und Bestätigung, fülle VDS30- und VDS90-Fragebögen aus, erhalte Grenzwerte und ignoriere zeitgleich, dass ich zu oft an Alkohol denke trinke, nicht Essen nach wie vor ein Thema ist und mein Gehirn nicht immer das macht, was es soll.

Das schwarze Loch in meinem Innern verschluckt mich immer wieder aufs Neue. Manchmal lässt es mich raus – zum Spaß, scheinbar, weil es das erneute Verschlucken lustig findet, und dabei genüsslich auf mir rumkaut. Ich nicht so – aber wenn ich den Absatz drüber lese, stehe ich wohl doch drauf.

Ich sollte darüber nachdenken, weiter irgendeine Therapie zu machen.

Von außen betrachtet

Von außen betrachtet führe ich ein ganz normales Leben. Von außen bekomme ich das oft gesagt. Dass ich einen guten Job mache. Dass ich an einem schönen Ort lebe.
Jetzt, wo ich Urlaub habe, soll ich mich erholen und entspannen. Nichts tun. Es mir gut gehen lassen. Was man halt so macht als normaler Mensch, wenn man Urlaub hat.

Von innen betrachtet bin ich jedes Mal wieder erstaunt, dass ich so ein normales Leben führe, während ich das Gefühl nicht loswerde, eine Maske zu tragen und eine Rolle zu spielen.
Nein, ich liege innerlich nicht am Boden. Ich bin nicht zutiefst verzweifelt. Aber in meinem Urlaub kann ich nicht Nichts tun, weil ich dann nach Innen statt nach Außen blicke, und da gibt es so verflucht viel aufzuräumen. Und ich weiß, wie schnell ich mich in meinem Chaos verlieren kann, und dann doch stolpere.

Schemenhafte Gedanken huschen geisterhaft in meinem sonst leeren Kopf umher. Blitzartige Ideen, die sich in Rauch auflösen, sobald ich sie festhalten will. Nur Schneiden und Trinken haben mehr Kontur, als sie haben sollten.

Du willst hier weg du willst hier raus
Du willst die Zeit zurück
Du atmest ein du atmest aus
Doch nichts verändert sich

Juli – Geile Zeit

Innen würde so gerne ausbrechen. Schreiend losrennen, weg, raus. Ausrasten, zu viel trinken, schneiden, untertauchen, verschwinden. Gerettet werden.

Dunkelschwarz

Ich will wegrennen. Loslassen.
Ich bin mir sicher, würde ich loslassen, meine Selbstkontrolle nur eine Sekunde aus den Augen lassen, würde ich in der Psychiatrie enden. Und es klingt so verlockend. Die Verantwortung abgeben, mich um nichts kümmern müssen. Durchdrehen, wann immer ich will.
Wegrennen klingt ebenfalls gut. Ein paar Sachen packen und untertauchen. Zur Ruhe kommen. Einen Weg finden, mit der Unsicherheit des laufenden Verfahrens – der Katastrophe – zu leben.
Aber ich habe Verpflichtungen. Persönliche. Berufliche. Finanzielle. Vorallem finanzielle. Da kann ich nicht einfach abhauen, es würde alles nur noch schlimmer machen.
Falls das geht.

Das ist alles so … absurd. Falsch. Unfair. Wie ich dabei nicht zusammenbrechen soll, ist mir ein Rätsel. Kann man so etwas überhaupt aushalten? Ohne zu schreien, zu heulen, wegzurennen, sich zu verletzen oder zu beschließen, dass es genug war?

Ich will das alles nicht. Aber jedes Mal, wenn ich aufwache, muss ich feststellen, dass der Albtraum keiner war, sondern sich Leben nennt.

Still.Stand.

In Filmen gibt es manchmal diese Szenen, dass der Protagonist in einer Menschenmenge steht und alles ganz schnell abläuft, während er still in der Mitte steht. So fühle ich mich gerade. Alles rundherum verschwimmt, passiert, während ich da stehe und versuche, irgendwie das Chaos in meinem Kopf zu sortieren und den Anschluss nicht zu verlieren – was beides nicht so richtig gut funktioniert.

Ich habe sehr schlecht geschlafen. Kopfschmerzen kommen und gehen in Wellen. Ich kann nicht richtig denken, alles ist so … chaotisch. Ich habe mich krank gemeldet und kämpfe mit meinem schlechten Gewissen, wie ich es immer tue in solchen Situationen. Dabei wäre die Stunde Autofahrt heutefrüh wirklich nicht sinnvoll gewesen, das sehe ich sogar ein. Trotzdem. Hätte mir ja auch einfach frei nehmen können, Stunden habe ich ja genug.

Zusätzlich habe ich gerade nicht das Gefühl, Schatz sonderlich unterstützen zu können, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, um mich selbst zu kreisen. Dabei passiert all das ihm, ich bin nur eine Randfigur.

Die Katastrophe ist nicht vorbei. Aber mein Leben fühlt sich gerade so an.