Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

Pause

Ein anstrengender Tag nach einer anstrengenden Nacht geht zuende. Schatz und ich schauen “unsere Serie“ und ich trinke Federweißen, als eine der Miezen ums Eck kommt und Hunger hat. Schatz steht pflichtbewusst auf, ich drücke auf Pause.

Mein Kopf drückt auf Start: ich sehe mich aufstehen und zum Schrank mit dem Alkohol gehen. Schenke mir einen großen Schluck ein, den ich exe. Schatz fragt, was ich da tue, ob es mir gut geht. Langsam drehe ich mich um, mit Tränen in den Augen und der Klinge im Hinterkopf. “Nein“, sage ich, breche zusammen und heule. Sage, dass ich nicht mehr jeden Tag kämpfen will, dass ich keine Lust mehr habe. Einfach will, dass es aufhört.

Schatz kommt zum Sofa zurück, ich nippe an meinem Glas. Drücke auf Play, und mein Kopf auf Pause.

98 – Denken. Hoffen.

Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Verhaltensmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Denkmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, ich muss dranbleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich muss Achtsam bleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich soll mich ablenken.

Ich sage nicht, dass ich keine Lust mehr habe. Dass ich will, dass es aufhört. Dass ich finde, nach 15 Jahren reicht es jetzt wirklich mal. Dass ich aus Überzeugung und ganz bewusst zu wenig esse, zu oft (heimlich!) Alkohol trinke, und keine Hoffnung auf dauerhafte Besserung sehe.
Ich schweige. Denke. Hoffe. Auf ein Ende.

*alt ist relativ. alt ist nur ein paar wochen alt. alt ist jetzt. alt ist neu.

95 – Bruderherz

Mein Bruder ist zu Besuch. Wir haben uns seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen, nicht telefoniert, höchstens mal geschrieben. Er sagte mal, wenn das Telefon nicht klingelt, ist er es.
Ich liebe meinen Bruder, aber wir reden irgendwie nicht viel miteinander. Aber nun ist er da, zusammen mit meinem Lieblingsschwager, und ich freue mich ein bisschen und hoffe gleichzeitig, dass das WE nicht zu anstrengend für mich wird.

Heute kam Post zur “Katastrophe“, die Schatz und mich etwas durcheinanderwürfelt. Aber wir sind beide wütend, und das ist gut, denke ich.

Für kommenden Dienstag habe ich mir frei genommen – ich dachte vorletzte Woche noch, dass ich es vielleicht garnicht brauche, aber habe es zum Glück doch beantragt. Den Tag werde ich, egal wie das WE wird, brauchen, um mich zu erholen. So doof das klingt, denn ich verbringe die Zeit gerne mit Bruderherz, aber anschließend brauche ich einen Tag für mich.

Ich kann nicht einordnen, wie es mir geht. Schlechter als vorige Woche, leider. Ich bleibe dran, ich bin achtsam, mache so richtig Feierabend, arbeite nicht zu lange. Trotzdem geht die Kurve runter, und ich befürchte, dass es nicht das erhoffte Ende der depressiven Episode ist. Ich habe diese Woche an drei Abenden heimlich Alkohol getrunken, damit ich Watte im Kopf hatte. Fortführen möchte ich das nicht, die Baustellen reichen mir jetzt schon.

Essen ist schwierig (ich habe echt Hunger, aber ich bringe es nicht über mich, mehr als zwei Mal am Tag was zu essen – einmal davon ist wohl eher als kleine Zwischenmahlzeit anzusehen), ich nehme weiter langsam ab. Ich weiß nicht, ob ich noch dünner werden will – auch wenn ein Teil von mir gerade laut “Jaaa!“ brüllt, weil die ersten Worte meines Bruders nicht wie erhofft “Bist du dünn geworden!“ waren (genau genommen hat er noch garnichts dazu gesagt…).

93 – Watte

Ein dümmliches Grinsen im Gesicht. Watte im Hirn. Kaffee für mich und Schatz gemacht, während er draußen saß, und nicht nur Likör, sondern auch Schnapps getrunken. Zu wenig, dass er es merkt, genug, dass ich es merke. Deutlich.

Warum? Frage ich mich später. Und streichle versonnen über mein flauschiges Hirn.