Kalt! war die erste Empfindung, die ihr Bewusstsein drang, als sie erwachte. Nur langsam, denn der Schlaf entließ sie nur zögerlich aus seiner Welt in die ihre. Bewegungslos wartete sie darauf, ob sie wieder zurück in seine warme Umarmung durfte, aber er war fort, und sie fror. Sie lag auf dem nackten Erdboden, ohne Decke oder Kissen. Vorsichtig richtete sie sich in eine halb sitzende Position auf, und spürte neben jedem einzelnen Knochen in ihrem Körper auch die raue, feuchte Holzwand, an der ihr Rücken nun lehnte.
Ihr Gefängnis.
Der Verschlag war winzig, dunkel, und hatte nur ein kleines Fenster, was eher den Namen eines Gucklochs in die Welt da draußen verdiente. Und wieder ein neuer Tag im Paradies dachte sie sarkastisch. Sie versuchte, in sich hinein zu fühlen, in welcher Stimmung sie heute war. Wollte sie kämpfen? Es nur aushalten? Oder wimmernd in eine Ecke kriechen und auf die Nacht und den (meist nicht erholsamen) Schlaf warten?
Heute war sie fürs Kämpfen. Der Funke, den sie fand, war zwar nur winzig, aber dann kämpfte sie eben langsam und mit kleinen einhundert Prozent.
Also stand sie auf und suchte die Stelle, an der sie gestern schon gearbeitet hatte. Wieder einmal fand sie sie nicht, also startete sie von Neuem: mit ihren bloßen Händen kratzte sie so lange an einem der Bretter des Gefängnisses, bis ein Stück sich löste, das sie als Werkzeug verwenden konnte, um vielleicht eines der Bretter lockern zu können. Es war mühsam und anstrengend, und mehr als einmal fing sie sich einen schmerzhaften Splitter in den Fingern ein. Die modrige Luft machte ihr das Atmen bei der Anstrengung schwer.
Am Abend hatte sie nicht viel erreicht. Eines der Bretter war lose, und sie hatte sogar einen Nagel entfernen können, aber dahinter war ein weiteres Brett zum Vorschein gekommen. Sie war müde und erschöpft, und irgendwann, als das Licht schwand, beschloss sie, am nächsten Tag an dieser Stelle weiterzumachen. Sie sehnte sich nach Schlaf, als sie sich am Boden zusammenrollte und die Augen schloss.
Ein Geräusch weckte sie auf. Klebriger Schlaf verlangsamte ihre Gedanken, als ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappte. Es war Schock, als sie die Augen öffnete und es sah, als sie sich an das schwache Licht gewöhnt hatte. Den Hammer in der einen, den Nagel in der anderen Hand, die das gelöste Brett wieder an seinem Platz befestigten. Ihre Hände.
Geplante Planlosigkeit
Ein geplant planloser Sonntag an einem geplant planlosen Wochenende. Wie fast jeder Sonntag, weil ich das genau so brauche. Gammeln, und nur das tun, worauf ich Lust habe. Falls ich zu was Lust habe. Sport ist die einzige Sache, die dann doch fest jeden Sonntag eingeplant ist, weil sonst mein Rücken zu spinnen anfängt.
Mein Sportprogramm ist aber für heute schon durch, und vorher haben Schatz und ich sogar endlich – spontan – das Vogelfutter-Häuschen gebaut, was wir seit dem Frühjahr schon vorhatten. Jetzt also gammeln. Und ich muss sehr darauf achten, nicht in depressiver Langeweile zu versinken, an diesem grau-kalten Herbstsonntag, der eigentlich genau danach schreit.
Pläne
Ich liebe Pläne. Ich brauche Pläne. Auch wenn dann Planlosigkeit geplant ist. Aber eben noch mehr, wenn etwas geplant ist. So wie nächsten Sonntag, an dem ein Auswärts-Frühstück mit Freunden ansteht – dass ich noch nicht weiß, wann wir uns genau treffen (und ob ich überhaupt etwas essbares dort finde, ohne mich schrecklich zu fühlen) und überhaupt, macht mich jetzt schon nervös. Zusätzlich zu dem Umstand, dass es eben kein geplant planbefreiter Sonntag wird.
Man könnte meinen, Spontanität wäre nicht so mein Ding. Stimmt. So garnicht. Und ich hasse es, wenn meine Familie zu Besuch ist (wie heuer gleich vier Mal, wenn auch nicht immer die gleichen Leute), und es keinen genauen Tagesplan gibt. Och, schauen wir mal…, und ich stimme lächelnd zu und bekomme innerlich die Vollkrise.
Planlos
Interessanterweise beschränkt sich mein Planungsbedürfnis ausschließlich auf einzelne, nicht allzu weit in der Zukunft liegende Tage. Ich habe keinen Masteplan für mein Leben, nicht einmal beruflich. Die allseits beliebte Frage wo sehen Sie sich in 5 Jahren? ist daher immer mir viel Improvisation verbunden.
Vielleicht rührt daher die Angst, was in und mit meinem Leben passiert, wenn die Therapie endet. Drei Sitzungen noch, und dann ist mit Jahresende auch dieser Abschnitt vorbei. Und dann?
Und dann?
Entscheidung fürs Leben
Ich bewundere Menschen, die öffentlich dazu stehen, psychisch krank zu sein und/oder sich für Entstigmatisierung stark machen. Ich wäre gerne ein Teil dieser Bewegung, doch dann kommt das Aber.
Ich finde es wichtig, darüber zu reden. Anderen klar zu machen, dass es, am Beispiel meiner Depression, nicht nur ein schlechter Tag ist, dem man mit Zusammenreißen oder Schokolade essen entgegen wirken kann. Dass es keine Ausrede ist, sondern eine zum Teil lebensgefährliche Krankheit, die jedem, der daran erkrankt ist, das Letzte abverlangt.
Aber
Das große Aber, was mich davon abhält, auf Facebook, Instagram und meiner Foto-Homepage, wo ich mich als „öffentlicher“ Mensch zeige, darüber zu schreiben, hat zwei Aspekte. Mit dem einen könnte ich vielleicht sogar nach einer Weile leben: öffentliche Ablehnung, öffentlicher Angriff, Hater. Ich glaube, das könnte mich sogar noch darin bestärken, weiterzumachen.
Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass Menschen, die mich kennen (oder zu kennen glauben), mir meine Krankheit absprechen oder mir (beruflich) einen Strick daraus drehen.
Ich weiß, dass ich mich durch diese Angst selbst diskriminiere. Mir nicht erlaube, in bestimmten Bereichen meines Lebens ganz ich selbst zu sein. Denn auch wenn ich nicht vorhätte, in der Arbeit mit Megaphon und Schild durch die Gänge zu laufen und „End the Stigma“ zu rufen, könnte ja jemand beim Stöbern (oder gezielten Suchen) im Netz darüber stolpern und es irgendwie benutzen.
Respekt
Daher ziehe ich meinen Hut vor allen, die es trotzdem tun. Die sich öffentlich so verletzlich und so stark zeigen, wie sie wirklich sind und für mehr Toleranz und Verständnis kämpfen. Danke.
Selbstmitleid
Ich starre den blinkenden Cursor an. Mein Kopf ist voller Gedanken. Leerer Gedanken. Tausend angefangene Sätze, die im Nichts enden. Gedanken, die sich auflösen.
Konzentration ist mal wieder ein Fremdwort dieser Tage. Die vorvorletzte Therapiestunde steht kommende Woche an, und ich fühle mich, als wäre ich den ganzen Weg, den ich seit Beginn vor 1 1/2 Jahren gegangen bin, in den letzten Wochen im Sprint zurückgerannt. Stehe am Anfang und am Ende, und will einfach nicht mehr hingehen, weil ich keinen Abschied und kein Alles Gute hören will.
Genau genommen will ich nur im Bett oder auf der Couch liegen, mich unter einer Decke verkriechen, mich selbst bemitleiden und genau dafür hassen. Ich fühle mich derart erledigt, dass ich aufgeben möchte.
Ich weiß, dass mir Selbstmitleid nicht hilft. Aber für alles andere fehlt mir die Energie.
Am Ende
Ich darf endlich wieder ins Bett. Aber anders als bei den Puppen, die beim Hinlegen die Augen schließen, gehen meine auf, als mein Kopf das Kissen berührt und ich das Licht ausschalte.
Der Tag war lang und ätzend. Brennende Kopfschmerzen, den ganzen Tag, weil ich seit Tagen nicht gut schlafe. Ich habe wieder mit Lasea angefangen, die mir das Ein- und Durchschlafen leichter machen. Dennoch fühle ich mich seit Tagen beim Aufwachen erschöpfter, als beim Schlafengehen.
Was am Tag zuvor erstaunlich gut funktionierte – mir sagen, dass Nachdenken nichts bringt und ich einfach schlafen sollte – zeigt jetzt keinerlei Wirkung. Ich denke an die Fahrt zur Arbeit, und dass ich fast umgedreht wäre an diesem Morgen, weil ich mich so unendlich müde fühlte und aus Angst, Erschöpfung und Sorge Weinen musste. Ich denke an die Fahrt nach Hause, bei der ich mich richig erschrocken habe, als mir auffiel, dass es erst Dienstag ist und ich noch 3 weitere Tage vor mir habe.
Ich liege also im Bett und denke. Schlafe ein, wache auf, denke, döse, und hoffe nicht, dass ich es am nächsten morgen trotzdem schaffe, aufzustehen.
Als ich wieder mal aufwache und nach langer Zeit doch auf die Uhr schaue, ist es 3.20 Uhr. Der Wecker geht in 1 1/2 Stunden, ich fühle mich, als hätte ich garnicht geschlafen. Ich bemerke Bauchkrämpfe, gehe zur Toilette und nehme eine Tablette. Als ich wieder ins Bett gehe, denke ich, dass ich unmöglich so arbeiten gehen kann. Eine Stunde Autofahrt in der Verfassung – keine gute Idee. Ich schreibe eine Email, melde mich krank, und schalte den Wecker aus. Endlich kann ich etwas schlafen.
Es ist kurz vor 9, als ich aufwache. Mein schlechtes Gewissen ist auch gleich da und hält mir vor, was für eine faule Sau und ein schlechter Mensch ich bin, dass ich heute krank bin blau mache.
Ich brauche fast eine halbe Stunde, bis ich mich zum Aufstehen aufraffen kann. Meine Knie tun aus unerfindlichen Gründen weh, ich habe immernoch, oder schon wieder Kopfweh, in meinem Handgelenk scheinen aus genauso unerfindlichen Gründen einige Nerven entzündet zu sein. Meine Bauchkrämpfe sind immernoch leicht da, meine Periode nach wie vor nicht – heute ist Tag 34 und ich weiß, dass ich nicht schwanger bin, auch wenn mein Bauch derzeit wie im 3. Monat ausschaut, weil er mal wieder so geschwollen ist (und ich mich wirklich mal auf Endometriose untersuchen lassen sollte). Ich habe das Gefühl, mein Körper will mir sagen, dass irgendetwas mal so überhaupt nicht stimmt. Mir fällt ein, dass mir in der Nacht ständig zu heiß oder zu kalt war, und mein Lymphknoten am Hals geschwollen war.
Ich versuche also, meinem schlechten Gewissen so wenig Raum wie möglich zu geben, während es mir weiter einzureden versucht, dass ich genauso gut hätte Arbeiten gehen können, statt faul und unproduktiv auf dem Sofa herumzusitzen. Den Tag zu nutzen, um etwas zur Ruhe zu kommen und mich um mich selbst zu kümmern.
Am Ende wird sich zeigen, wer gewinnt.
Verletzungen
Ich
Es war eine Ausnahmesituation, in der ich mich das letzte Mal geschnitten habe. Über ein Jahr war ich vorher ohne, auch wenn es nicht immer einfach war, es wirklich zu bleiben. Seither bin ich wieder ohne – seit 5 Monaten und 2 Tagen. Auch das war nicht immer einfach.
Mama
Vor ein paar Wochen war ja meine Mama zu Besuch. In ihrer FeWo verletzte sie sich aus Versehen an der Ferse, so dass wir sie an den folgenden Tagen mit Wund- und Heilsalbe etc. versorgten. Sie wurde, als sie dann wieder daheim war, sogar noch einige Tage krankgeschrieben deswegen, weil eine Entzündung drohte.
Heute habe ich ein Bild und eine Sprachnachricht per WhatsApp von ihr bekommen. Ihr Finger ist dick einbandagiert, weil sie sich die halbe Fingerkuppe beim Gemüse schneiden fast abgeschnitten hat. Sie war in der Notaufnahme deswegen, und dort wurde die Kuppe angetaped, in der Hoffnung, dass sie wieder anwächst.
Ich
Niemand fragte mich während der ganzen Zeit, die seit der Katastrophe vergangen ist, wie ich in Hinblick auf die SV-Problematik damit zurecht komme oder gar, ob ich mich verletzt habe. Auch Mama nicht. Gerade Mama nicht.
Natürlich habe ich Mitgefühl mit Mama. Die Ferse war doof, die Fingerkuppe auch, und beides tut sicher scheiße weh. Trotzdem frage ich mich, warum sie beides so offensiv an mich kommuniziert, und wie ich darauf angemessen reagieren soll. Und warum es mich irgendwie aufregt…
„Hallo Mama, ach wie doof, das tut ja schon beim anschauen weh! Hoffentlich gehts dir schnell wieder gut! Ach übrigens, weil du gerade nicht fragst, meine fette, große Narbe am Bein von meiner letzten Selbstverletzung ist prima abgeheilt!“ Ähm, nein.
(Nicht) sorry für den heute schon dritten Beitrag. Ist ja mein Blog. Also darf ich das.