Mein Universum in der Nussschale

Ich sitze in einer winzigen Nussschale auf einem endlosen, tobenden Ozean. Die Wellen spielen ihr ganz eigenes Spiel mit mir, der Sturm reißt meinen Atem fort.

Meine mühevoll aufrecht gehaltene Projektion steht aufrecht und blickt nur im Augenwinkel auf die kleine Pfütze hinab, in der meine Nussschale mit meinem Ich schwimmt. Mit etwas Glück entschuldigen sich die, die die Hosenbeine meiner Projektion beim achtlosen Hindurchlaufen mit Wassertropfen bespritzen – falls sie es überhaupt bemerken oder kümmert. Meine Projektion lächelt und winkt ab, während sie nicht einmal flackert.

Meine Nussschale, in der sich mein ganzes konzentriertes Universum befindet, kentert fast, als die Wellen, die die unbedachten Schritte verursachten, darauf treffen. Nur mit Mühe kann ich mich fest- und gleichzeitig die Projektion aufrecht erhalten. Eisiges Wasser schwappt herein und lässt mich zittern. Mein Universum droht, sich in der Kälte noch weiter zusammenzuziehen, meine Gedanken sich noch weiter zu komprimieren. Bis ein schwarzes Loch entsteht.

Leere trifft es ganz gut.

Ich spüre mich nicht. Seit Tagen.

Ich sitze in einer fremden Stadt in einem Hotelzimmer und frage mich, wie ich es eigentlich hierher geschafft habe. Irgendwie muss es jedenfalls funktioniert haben, auch wenn ich mich rückblickend nur wie ein Zuschauer fühle. Der ganze Tag war so … strange. Ja, ich war arbeiten. Ja, ich habe mit meinen Mitarbeitern geredet. Ja, ich habe mich auf Dienstreise begeben. Nein, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles geschafft habe. Oder wie ich die nächsten Wochen zwei Tage überstehen soll.

Noch funktioniert der Autopilot, wenn er muss. Aber jetzt gerade muss er nicht, und es ist gut verdammt scheiße, dass ich weder Alk noch Rasierklingen mitgenommen habe.

What the f*cking hell is wrong with me?

Me.

Bunt ohne hell ist auch nur grau

Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.

Einen Versuch war es wert

Nicht.
Gestern. Der Kaffee ist alle, der Cursor blinkt, aber meine Finger tippen keine Worte mehr. Ich fahre den Laptop herunter, bringe meine leere Tasse zur Spüle und gehe zur Toilette. Krame im Medikamentenschrank nach dem verschreibungspflichtigen Muskelrelaxans, das bei mir Watte im Kopf verursacht, und nehme eins. Komme aus dem Bad, nehme meine leere Tasse und fülle sie fast zur Hälfte mit Kräuterlikör und Obstbrand. Setze mich aufs Sofa, schalte den Fernseher ein und trinke in langsamen Schlucken. Lecker ist es nur am Anfang.
Die Wirkung von beidem potenziert sich, mein Kopf geht endlich aus. Nein, kein Filmriss, aber das früher als so unangenehm empfundene Gefühl des Schwindels und der falschen Leichtigkeit breitet sich – sehr langanhaltend – aus und ich genieße es.
Der erste Dämpfer? Als ich mein Abendessen esse, kommen die Geschmäcker nicht in meinem Kopf an, was mich ärgert, weil ich das wenige, was ich esse, wenigstens richtig schmecken möchte.
Der zweite Dämpfer? Sehr viel später. Ich liege im Bett und brauche Finalgon, um nicht durchzudrehen. Ich kann nicht schlafen, und mir wird kotzübel. So bleibt es eine ganze Weile, bis ich doch irgendwann unruhig einschlafe.
Meine Augenringe heutefrüh sprechen neben dem Kopfweh (das ich aber wirklich nur auf den schlechten Schlaf zurückführe) eine eindeutige Sprache.
Ich fühle mich schlecht und schuldig, weil ich mich doch dazu habe hinreißen lassen. Und ich ekle mich vor mir selbst, weil ich bitte nie nie nie ein Alkohol- oder Medikamentenproblem haben möchte. Und ich schäme mich, während ich das hier aufschreibe.
Aber vielleicht war diese Erfahrung nötig. Denn die Tabletten, die ich gestern schon in meine Kulturtasche für meine mehrtägige Dienstreise kommende Woche getan hatte, habe ich wieder rausgenommen, und meinen Plan, mir für abends irgendetwas zum Trinken zu besorgen, in ein wenig leckeres Essen(-gehen) und auf dem Hotelbett Musik hören umgewandelt.
Dann ist auch Scham ein Gefühl, das zu irgendwas gut ist.

Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.